Jeder Sport ist großer Sport. Nicht nur Fuß­ball. Aus diesem Grund haben wir bei 11FREUNDE ein neues Magazin ent­wi­ckelt, das sich auch mit allen anderen Sport­arten beschäf­tigt. Für die erste Aus­gabe von NoS­ports“ trafen wir Jürgen Hingsen, einen der besten Zehn­kämpfer aller Zeiten.

Jürgen Hingsen, bereitet Ihnen Daley Thompson immer noch Alp­träume? 
Wie kommen Sie denn darauf? Wir sind seit Jahren befreundet, enga­gieren uns gemeinsam für wohl­tä­tige Zwecke und an meinem 50. Geburtstag habe ich ihn nach Mau­ri­tius ein­ge­laden – und er ist auch gekommen.

Ihre Riva­lität hielt in den acht­ziger Jahren die Leicht­ath­letik-Welt in Atem.
Als beste Zehn­kämpfer der Welt konnten sich die Medien an uns abar­beiten: Wenn wir auf­ein­an­der­trafen, war das nicht nur Thompson gegen Hingsen, son­dern Deutsch­land gegen Eng­land, schwarz gegen weiß, der Lon­doner Junge aus der Arbei­ter­klasse gegen Hol­ly­wood-Hingsen“.

In den Jahren 1982 bis 84 ver­bes­serten Sie drei Mal in Folge den Welt­re­kord. Den­noch gelang es Ihnen im direkten Ver­gleich nie, den Briten zu besiegen, der Sie öffent­lich gern pro­vo­zierte.
Daley war mit allen Was­sern gewa­schen. Bei Wett­kämpfen foppte er mich mit extro­ver­tierten Freu­den­tänzen oder indem er Sprüche raus­haute, die die Presse gerne auf­nahm.

Zum Bei­spiel vor Olympia 1984: Wenn Hingsen Gold will, soll er ent­weder in eine Mine gehen oder die Dis­zi­plin wech­seln.“
(Lacht.) Das ist Daley, wie er leibt und lebt. Damals dachte ich: Ich werde dir meine Ant­wort sport­lich geben. Heute weiß ich, dass es mich unter­be­wusst doch beein­träch­tigt hat.

Haben Sie ihm nie mal die Mei­nung gegeigt?
So ein Typ war ich nicht. Die direkte Kon­fron­ta­tion war ich nicht gewohnt, ich war eher auf Strah­le­mann gepolt. Er hat mir seine Spitzen auch nie direkt ins Gesicht gesagt.

Aber ein Hoch­leis­tungs­sportler muss sich doch durch­setzen.
Ja, auf Wett­be­werbs­ebene, aber Daley hat es auf die per­sön­liche Ebene run­ter­ge­bro­chen. Damit konnte ich schwer umgehen. Sein dama­liger Trainer hat mir mal gesagt: Daley stammt aus armen Ver­hält­nissen, seine Eltern lebten mit den fünf Kin­dern in einem Zimmer. Er musste sich gegen viele Wider­stände behaupten, mit allem, was der Stra­ßen­kampf mit sich bringt.“

Wie müssen wir uns das im Zehn­kampf vor­stellen?
Da kam es kurz vorm Start vor, dass er meine Anlauf­marke ver­schob oder nach einem guten Wurf her­aus­for­dernd mit dem Finger auf mich zeigte: Der war für Dich!“ Er wusste, wie er mich aus dem Kon­zept bringt. Bei der WM in Hel­sinki 1983 gab mir mein Trainer von der Tri­büne einen ver­steckten Hin­weis, weil ich wegen des Regen­wet­ters nicht in meinen Anlauf fand. Solche Tricks waren normal, offi­ziell aber war das Coa­chen im Wett­kampf ver­boten. Daley bekam es mit, ging zum Kampf­richter, zeigte mich an und ich bekam die Gelbe Karte. Aber es gibt kein vertun: Er hat immer Leis­tung abge­lie­fert und war ein extrem guter Wett­kämpfer.

Ein bes­serer als Sie?
Zumin­dest habe ich mich, wenn er dabei war, stets mit Silber begnügen müssen. In kri­ti­schen Situa­tionen war er mental wahn­sinnig stark. Und ehr­geizig! Als wir Jahre später mal einen Dreh hatten, bei dem wir gegen­ein­ander Tennis spielten, besorgte er sich vorher den Pro­fi­trainer, Bob Brett, nur um mich auch in dieser Dis­zi­plin zu schlagen.

Zum großen Show­down kam es bei Olympia 1984 in Los Angeles.
Ich hatte gerade einen neuen Welt­re­kord auf­ge­stellt, die Erwar­tungs­hal­tung in Deutsch­land war enorm.

Sie waren auf Gold­kurs, aber bei der achten Dis­zi­plin, dem Stab­hoch­sprung, kamen Sie nicht über die Anfangs­höhe von 4,50 Meter hinaus.
Mitten im Wett­kampf ver­sagte mir der Kreis­lauf, mir wurde schwarz vor Augen und ich musste mich in den Kata­komben über­geben. In der Arena waren es über die 40 Grad, meine Eltern konnten auf der Tri­büne nicht sitzen, so glut­heiß waren die Plätze. Bei meiner Kör­per­größe von über zwei Metern ist es unter sol­chen Bedin­gungen schwer, weil die Ver­duns­tung so enorm ist. Dann bekam ich eine Spritze ins Knie, weil ich mich beim Hoch­sprung an der Patel­la­sehne ver­letzt hatte. Das wirkte sich auf meinen Kreis­lauf aus und ich verlor meine Koor­di­na­tion beim Stab­hoch­sprung. Nur mit Mühe schaffte ich die Anfangs­höhe, sonst wäre ich aus­ge­schieden.

Fortan hieß es, Sie wären Daley Thompson nerv­lich nicht gewachsen. Sie haben ange­fangen, mit einem Men­tal­trainer zu arbeiten.
Das hatte weniger mit Daley zu tun, als mit den hohen Erwar­tungen, die mir zu schaffen machten. Ich habe ver­sucht, über auto­genes Trai­ning und soge­nanntes Trance“ Blo­ckaden abzu­bauen.

Blo­ckaden?
Ich ging teil­weise über­mo­ti­viert in die Wett­kämpfe, was sich gerade bei koor­di­na­to­ri­schen Dis­zi­plinen negativ aus­wirkte. Ich blo­ckierte spe­ziell beim Stab­hoch­sprung. Was 1984 pas­sierte, war ein Schock­erlebnis, das mich immer wieder ein­holte. Aber natür­lich musste ich auch zusehen, die Berüh­rungs­ängste mit Daley in den Griff zu bekommen.

Ein Zehn­kämpfer ver­bringt an zwei Wett­kampf­tagen jeweils rund 16 Stunden im Sta­dion. Selbst in so einer langen Zeit konnten Sie den men­talen Druck nicht abbauen?
Durch die vielen Ruhe­phasen, die so ein Tag hat, brauchte ich unheim­lich lange, um in meine Kon­zen­tra­tion zu finden. Daley lief zwei Mal auf und ab und hatte wieder volle Spann­kraft. Beein­dru­ckend! Ich musste viel mehr Energie auf­bringen, um dahin zu kommen.

Wie erklären Sie sich das?
Naja, 2,03 Meter von der Schalt­zen­trale bis zu den Füßen sind eben deut­lich weiter als die 1,85 Meter bei Daley.

Wie ver­läuft die Nacht zwi­schen den Wett­kampf­tagen?
Mit Schlaf ist da nicht viel. Ich habe öfter vorm Ein­schlafen ein, zwei Wei­zen­bier getrunken, um run­ter­zu­kommen.

Zwei Wei­zen­bier mitten im Wett­kampf?
Um die Nerven zu beru­higen, irgendwie musste ich ja zusehen in den Schlaf zu finden. Der 400-Meter-Lauf fand meist erst spät­abends statt und danach war ich noch voller Adre­nalin.

Das heißt?
Mehr als drei Stunden habe ich in sol­chen Nächten nie geschlafen. So gesehen ist Zehn­kampf eine 48-Stunden-Schicht, für die man sowohl die kör­per­liche als auch geis­tige Sub­stanz mit­bringen muss.

Vor Box­kämpfen gehört ver­bales Säbel­ras­seln dazu. Haben Sie nie heim­lich gesagt: Komm, Daley, lass uns eine Show abziehen“?
Wir haben beide von unserem Zwei­kampf pro­fi­tiert, die Men­schen erin­nern sich bis heute daran. Im offi­zi­ellen Olym­pia­film (16 Days of Glory, Anm. d. Red.) von 1984 nimmt der Zehn­kampf fast ein Viertel der Spiel­dauer ein. Aber in den ersten Jahren gab es keinen pri­vaten Aus­tausch, wir haben uns erst­mals 1986 privat getroffen.

Auf wessen Initia­tive?
Ich habe ihn gefragt, ob wir das Kriegs­beil nicht begraben wollen. Letzt­lich saßen wir doch in einem Boot und es war klar, dass Zeiten kommen würden, in denen wir von­ein­ander pro­fi­tieren könnten. Und mir fiel auf: Außer­halb des Wett­kampfs war er ein sehr netter, kol­le­gialer Typ – und ist es bis heute.

Die Erwar­tungs­hal­tung der deut­schen Medien an Sie hing auch damit zusammen, dass Sie ein öffent­li­ches Leben führten. Hol­ly­wood-Hingsen“ war ein Leicht­ath­letik-Pop­star.
Der Spitz­name stammte von Daley. Er wollte sagen, ich sei in der Traum­fa­brik besser auf­ge­hoben, als im Sport. Aber natür­lich war ich extro­ver­tierter als manche Kol­legen. Zehn­kampf wurde in den Medien in Deutsch­land und auch welt­weit eher stief­müt­ter­lich behan­delt, des­halb suchte ich nach Mög­lich­keiten, die Sportart nach vorne zu bringen.

Wer hat Sie da beraten?
Das habe ich selbst gemacht.

Sie hatten keinen Manager?
Das gab es damals in der Leicht­ath­letik nicht. Bis 1982 waren wir reine Ama­teure. Ich bekam von der Deut­schen Sport­hilfe als Welt­re­kordler 1000 Mark monat­lich. Erst später konnte ich eigene Spon­so­ren­ver­träge abschließen, um z.B. Trai­nings­lager in Kali­for­nien zu finan­zieren, die damals 20 000 Mark kos­teten. Als Sportler von Bayer Uer­dingen war ich auch nicht so gut gestellt, wie die Kol­legen bei Bayer Lever­kusen: Ulrike Nasse-Meyf­arth und Dietmar Mögen­burg bekamen dort das Zehn­fache, was ich in Uer­dingen erhielt.

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.
Als ich mit 18 Jahren einen Deut­schen Jugend­re­kord auf­ge­stellt hatte, bekam ich vom Verein einen gebrauchten Opel Kadett für 2000 Mark. Bis dahin war ich von Duis­burg stets mit dem Mokick über die Rhein­brücke zum Trai­ning nach Kre­feld gefahren. Zu dieser Zeit wech­selte man noch den Verein, weil es woan­ders fünf Steaks die Woche und ein neues Paar Turn­schuhe gab.

Welche Tricks wandten Sie an, um in die Medien zu kommen?
Was heißt Tricks? Ich habe eben mit­ge­macht, wenn Sven Simon fragte, ob er meine ame­ri­ka­ni­sche Freundin und mich mal etwas leichter bekleidet foto­gra­fieren durfte.

Was sagte Ihr Trainer Nor­bert Pixken dazu?
Dem wäre es lieber gewesen, ich hätte mich aus­schließ­lich auf den Sport kon­zen­triert.

Wie hoch ist der Trai­nings­auf­wand eines Zehn­kämp­fers?
Zwi­schen sechs und acht Stunden täg­lich.

Pro­fi­fuß­baller ver­an­stal­teten in den Acht­zi­gern noch regel­mäßig zünf­tige Mann­schafts­abende. Wie war das bei Ihnen?
Das ging nicht. Ich erin­nere mich an ein Trai­nings­lager auf Lan­za­rote, wo wir abends etwas länger aus­ge­gangen waren, weil am nächsten Tag leichtes Koor­di­na­ti­ons­trai­ning auf dem Plan stand. Pixken bekam es mit und ver­an­stal­tete am nächsten Morgen spontan Tem­po­läufe in der Glut­hitze. Hin­terher sah ich ent­spre­chend lecker aus.

Nor­bert Pixken über­nahm Sie als Jugend­li­cher.
Ein ganz ent­schei­dender Mann in meinem Leben.

Den­noch haben Sie sich 1987 getrennt.
Wir waren zehn Jahre zusammen. Ein her­vor­ra­gender Trainer, aber er hatte auch Schwä­chen.

Inwie­fern?
Daley hat stets mit Spe­zia­listen gear­beitet. Nor­bert Pixken hin­gegen war eifer­süchtig, wenn jemand etwas zu meinen Bewe­gungs­ab­läufen sagte. Er war da sehr ein­neh­mend. Als ich etwa 1987 anfing, mit einem Fach­mann Speer­wurf zu trai­nieren, der mir mit Ball­würfen bei­brachte, wie ich mehr aus meiner Koor­di­na­tion her­aus­hole, warf ich mit einem Mal viel weiter.

Wie ver­trug sich der enorme Trai­nings­auf­wand mit ihrem schil­lernden Leben auf den roten Tep­pi­chen?
Das war nur die Außen­wahr­neh­mung. Ich war nicht so oft auf Promi-Ver­an­stal­tungen.

Immerhin drehten Sie 1984 mit Karl Dall, Patrick Bach und ihrem Kumpel Rolf Milser, dem Gewicht­heber, den Kino­kla­mauk Drei und eine halbe Por­tion“.
Meine Güte hat sich die Fach­jour­naille auf­ge­regt. Von wegen: Der Hingsen soll sich auf Sport kon­zen­trieren.“

Sportschau“-Chef Heri­bert Faß­bender wei­gerte sich, mit Ihnen über den Film zu spre­chen.
Bei der Bewer­bung des Films wurden wir vom WDR, der in der ARD für Sport zuständig war, zu Radio Bremen straf­ver­setzt, wo Jörg Won­torra das Inter­view mit Rolf und mir führte. Faß­bender hatte abge­lehnt, mit Sport­lern über der­ar­tigen Kla­mauk zu reden. Die Sport­me­dien waren damals noch erz­kon­ser­vativ.

Heute wäre es unvor­stellbar, dass ein Zehn­kämpfer und ein Gewicht­heber einen Publi­kums­film machen?
Es drehte sich eben noch nicht alles um Fuß­ball.

Bereuen Sie den Film?
Natür­lich hätten wir uns das sparen können, zumal uns die Presse grillte. Aber, mein Gott, wir haben vier schöne Wochen auf Mal­lorca ver­bracht und ein­fach mal an was anderes gedacht als an Trai­ning. Wir haben sogar am Dreh­buch mit­ge­ar­beitet. Die Ent­schei­dung für den Streifen fiel nicht zuletzt des­halb, weil ich kein Manage­ment hatte und wie ein Ele­fant im Por­zel­lan­laden in mediale Fallen tappte.

Was waren sonst noch Image-Fehler?
Was heißt Fehler? Mir wurde vieles ange­kreidet. Selbst mein Stern-Titel­bild.

Das Sie als Her­kules“ mit Gold­staub am ganzen Körper zeigte.
Als wir nach acht Stunden in dem Düs­sel­dorfer Foto­studio fertig waren, sagte der Foto­graf: Sorry, Jürgen, meine Dusche ist kaputt.“ Ich fuhr in Gold­montur nach Hause und brauchte eine Woche, um das Zeug wieder von der Haut zu kriegen.

Arno Breker, Hit­lers Lieb­lings­bild­hauer, fer­tigte eine von Ihnen Bronze-Skulptur an.
Das war natür­lich ein Poli­tikum. Damals bekamen wir sogar noch aufs Dach, weil wir bei Olympia mit der deut­schen Fahne eine Ehren­runde drehten.

Haben Sie die Zusam­men­ar­beit mit Breker nie in Frage gestellt?
Mich hat das Zusam­men­spiel von Kunst und Sport immer fas­zi­niert. Breker war ein inter­na­tional hoch­an­ge­se­hener Künstler, der vorher schon Ulrike Nasse-Meyf­arth und den Schwimmer Walter Kusch por­trä­tiert hatte. Viel­leicht war es naiv, aber ich wusste nichts von seiner Ver­gan­gen­heit. Erst mein Vater klärte mich auf.

Wie oft mussten Sie Breker Modell sitzen?
Oft. Es ging über Jahre. Die Statue habe ich heute noch zuhause.

Wie war es in seinem Ate­lier?
Ich habe ihm Löcher in den Bauch über die NS-Zeit gefragt – und dabei viel gelernt.

Zum Bei­spiel?
Er distan­zierte sich von dieser Epoche und war der Mei­nung, dass er vom Regime aus pro­pa­gan­dis­ti­schen Gründen benutzt worden war.

Mussten Sie sich damals für die Aktion recht­fer­tigen?
Ilja Richter warf mir in seiner Talk­show vor, wie ich nur mit so einem Mann zusam­men­ar­beiten könnte.

Was ent­geg­neten Sie?
Dass ich mit der Nazi-Genera­tion und der NS-Ideo­logie nichts zu tun habe. Außerdem hatte Breker nach dem Krieg auch schon Konrad Ade­nauer oder Sal­va­tore Dali por­trä­tiert.

Sie sorgten auch für Schlag­zeilen, indem Sie im Aktu­ellen Sport-Studio“ sinn­gemäß ver­lauten ließen, Sex sei elfte Dis­zi­plin des Zehn­kämp­fers.
(Lacht.) Dort war ich kurz nach meinem Welt­re­kord 1984 ein­ge­laden. Karl Senne fragte, wann ich die 9000-Punkte-Grenze über­schreiten würde. Meine Freundin saß im Publikum und ich ent­geg­nete: Wenn ich zuhause gute Leis­tungen bringe, gibt es noch mal extra Punkte.“ Ich sah das nicht so eng, aber natür­lich rauschte es wieder im Blät­ter­wald.

Wie reagierte Ihre Freundin Jeanne Pur­cell?
Die hat geschmun­zelt, die wusste ja, dass ich meine Zunge nicht immer im Zaum halten kann.

Welche Schlag­zeile hat Sie beson­ders ver­letzt?
Bild hat unter Chef­re­dak­teur Hans-Her­mann Tiedje mal eine Serie gemacht. Da war ich mit Leuten wie Hitler und Stalin in einem Ran­king. Das fand ich übel und ich stellte Tiedje zur Rede. Aber er hat meine Ver­är­ge­rung gar nicht ver­standen. Wenn Sie mich fragen: Jour­na­listen wie er sind höchst frag­würdig und unsen­sibel.

Diese Klas­si­fi­zie­rung bezog sich auf den düs­tersten Punkt Ihrer Lauf­bahn: Bei OIympia 1988 in Seoul ver­ur­sachten Sie drei Fehl­starts im 100-Meter-Lauf und wurden dis­qua­li­fi­ziert.
Ich ging ange­schlagen in den Wett­kampf. Wegen Patel­la­sehnen-Beschwerden wusste ich, dass ich maximal zwei Ver­suche beim Hoch­sprung durch­stehen konnte, einer meiner Para­de­dis­zi­plinen. Wenn ich Olym­pia­sieger werden wollte, musste ich also auch in Lauf­dis­zi­plinen Top-Leis­tungen bringen. Die 100 Meter wollte ich um jeden Preis unter elf Sekunden laufen, aber dafür brauchte ich einen Super­start.

Und waren zu nervös?
Die ganze Gruppe war sehr unruhig. Beim Signal Auf die Plätze…fertig…“ kam plötz­lich Wind von vorn. Mit Gegen­wind wäre eine gute Zeit unmög­lich gewesen. Also lief ich beim ersten Mal bewusst raus. Und bei den nächsten Starts zuckten die Leute neben mir ständig.

Aber hätten Sie nicht spä­tes­tens nach dem zweiten Fehl­start vor­sich­tiger sein müssen?
Es kamen viele nega­tive Kom­po­nenten zusammen. Ich war nach Süd­korea gekommen, weil ich mir Gold zutraute. Ich wollte nicht wieder als Zweiter nach Hause fahren. Außerdem hatte ich intensiv auf Start trai­niert. In Seoul star­teten wir erst­mals aus elek­tro­ni­schen Blö­cken, die schon regis­trierten, wenn man nur leicht den Fuß lockerte. Einige Kol­legen meinten später, der letzte Fehl­start sei gar nicht vor mir ver­ur­sacht worden. Aber zu einer Beschwerde fühlte ich mich nicht mehr in der Lage.

Statt mit der Gold­me­daille fuhren Sie als Lach­nummer nach Hause.
Ich war der Depp der Nation. So abzu­treten war der Horror, denn nach Olympia wurde ich an der Patel­la­sehne ope­riert und meine Lauf­bahn war vorbei. Ich habe mich noch wäh­rend der Spiele nach Kali­for­nien ver­krü­melt, um abzu­schalten.

Da zeigten sich die Schat­ten­seiten der Popu­la­rität.
Dass ich das Licht der Öffent­lich­keit genoss, ließ schon 1984 nach Los Angeles rapide nach. Schon da hatte ich das Gefühl, dass jede Ein­zel­leis­tung seziert wurde. Plötz­lich fühlte ich mich wie in einem Kor­sett, das es mir zuneh­mend erschwerte, volle Leis­tung zu bringen.

Ihr Welt­re­kord aus dem Jahr 1984 ist bis heute Deut­scher Zehn­kampf­re­kord. Gemessen an Ihren Top­werten bei den Ein­zel­dis­zi­plinen gehören Sie nach wie vor zur ewigen Top 5 des Zehn­kampfs.
Wenn Sie bedenken, wie stark sich die Trai­nings­wis­sen­schaft in 30 Jahren ver­bes­sert hat, war ich nicht so schlecht. (Lacht.)

Hätten Sie in der heu­tigen Kon­kur­renz noch eine Chance?
Der aktu­elle Welt­re­kordler Ashton Eaton ist mir kör­per­lich eher unter­legen, aber tech­nisch ist er mir mei­len­weit voraus. Über­haupt sind moderne Zehn­kämpfer eher kleiner und drah­tiger als wir und kommen vom Sprint. Damals waren die meisten von uns über 1,90 Meter, viel kom­pakter und hatten einen extrem hohen Ener­gie­auf­wand.

Warum hat es kein deut­scher Zehn­kämpfer mehr geschafft, Ihre Popu­la­rität zu errei­chen?
Ich glaube, mit ent­spre­chenden Leis­tungen und einer Per­sön­lich­keit ist das jeder­zeit mög­lich. Aller­dings wurde Leicht­ath­letik noch viel mehr im öffent­lich-recht­li­chen Fern­sehen gezeigt. Damals kamen selbst zu Deut­schen Meis­ter­schaften über 30 000 Zuschauer in die Sta­dien. Es gab viele Top-Ath­leten: Ulrike Nasse-Meyf­arth, Thomas Wes­sing­hage, Dietmar Mögen­burg, die Fights von Edwin Moses gegen Harald Schmid. Die Acht­ziger waren ein Jahr­zehnt der Leicht­ath­letik…

… in dem, wie wir heute wissen, auch Doping fast noch gesell­schafts­fähig war.
Aber weniger bei uns, als in der DDR.

Nun ja, die west­deut­sche Sie­ben­kämp­ferin Birgit Dressel starb an einem Mul­tior­gan­ver­sagen aus­ge­löst von Doping­mit­teln. Auch etliche US-Olym­pia­sieger von Los Angeles standen in Ver­dacht, gedopt zu haben.
Never trust the Ame­ri­cans. Die haben viel dazu bei­getragen, dass der Kana­dier Ben Johnson 1988 ins Ram­pen­licht gerückt wurde, aber bei ihren eigenen Leuten haben sie es clever run­ter­ge­spielt.

Sind Sie jemals mit Doping kon­fron­tiert worden?
Nein. Wir haben gehört, dass die Amis und die Ost­block­staaten aktiv sein sollen, aber mehr wussten wir dar­über nicht.

Ihr Kumpel, der Gewicht­heber Rolf Milser, hat sich noch 1977 für ana­bole Ste­roide aus­ge­spro­chen.
Bei den Gewicht­he­bern war das vor dem Verbot in den späten Sieb­zi­gern gang und gäbe, aber mein Kraft­trai­ning sah ganz anders aus. Ich habe doch nicht mit 200 Kilo Knie­beugen gemacht, son­dern viel über Schnell­kraft erreicht, über Technik und Explo­siv­kraft.

Sie waren bei Dr. Armin Klümper in Behand­lung, der später als Doping­arzt über­führt wurde.
Ich habe auch bei Joseph Keul Unter­su­chungen gemacht. Aber dass die beiden da mit drin­hingen, hat mich sehr ver­wun­dert.

Warum?
Mir haben sie nie etwas ange­boten. Natür­lich bekam ich bei Ver­let­zungen auch mal eine Spritze, aber von Klümper habe ich vor allem das rich­tige Deh­nungs­ver­halten und Rücken­schule gelernt. Er hat mir Übungen ver­schrieben, die meinen Scheu­er­mann“ behan­delten und meiner Wir­bel­säule eine Form gaben, die mich weniger ver­let­zungs­an­fällig machte.

Hatten Sie Kon­trolle dar­über, was er Ihnen spritzte?
Wei­test­ge­hend. Ich kann jeden­falls sagen, dass er meines Wis­sens in seiner Praxis nie­mals flä­chen­de­ckendes Doping ange­boten hat, so wie es der Presse zu ent­nehmen war. Ob Sportler kon­kret mit der Bitte an ihn her­an­traten, ver­bo­tene Prä­pa­rate ver­ab­reicht zu bekommen, und er darauf ein­ging, weiß ich natür­lich nicht.

Sie haben mal gesagt, Zehn­kampf sei Mord in zehn Raten“.
Der Spruch stammt vom Kol­legen Kurt Bendlin, der extrem trai­niert hat, oft ver­letzt war und Kraft­übungen gemacht hat, bei denen man heute die Hände überm Kopf zusam­men­schlagen würde. Aber was er sagen wollte, stimmt: Man braucht für Zehn­kampf ein opti­males Grund­la­gen­trai­ning, um allen Dis­zi­plinen gewachsen zu sein.

Können Sie beschreiben, wie furchtbar die Schmerzen beim abschlie­ßenden 1500-Meter-Lauf sind.
Man hat neun Übungen in den Kno­chen, ist über­müdet. Die letzten Meter sind die Hölle, man läuft buch­stäb­lich bis zum Koma, weil man so über­säuert ist. Diesen Lauf habe ich gar nicht groß­artig trai­niert, weil er aus meiner Sicht reine Kopf­sache war. 

Das Kotzen danach gehört dazu.
Bei Über­an­stren­gung ist das nicht zu ver­meiden, zumal man wäh­rend des Wett­kampfs so viel Flüs­sig­keit und Mine­ra­lien zu sich nehmen muss, dass der Magen zwangs­läufig über­säuert. Eine Banane kann schon zu viel sein.

Jürgen Hingsen, Zehn­kampf ist die Königs­dis­zi­plin der Leicht­ath­letik, weil…
…dem Ath­leten phy­sisch und psy­chisch alles abver­langt wird. Es wird die gesamte Mus­ku­latur bean­sprucht, der Sportler muss über 300 unter­schied­liche Bewe­gungs­ab­läufe beherr­schen, allein 46 beim Stab­hoch­sprung. Um das mit Aus­dauer, Schnel­lig­keit und Kon­zen­tra­tion an zwei Tagen unter teils extremen Wit­te­rungs­be­din­gungen so hin­zu­be­kommen, dass man ständig Best­leis­tungen bringt, ist eine hohe Kunst.


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