Dieter Prestin, von Beginn Ihrer aktiven Zeit bis heute wurden Sie ca. 30 Mal ope­riert. War das Spiel damals ins­ge­samt härter, um nicht zu sagen: bru­taler?

Die Zeiten waren anders. Was damals eine gelbe Karte war, ist heute eine dun­kel­rote, es gab ver­steckte Prü­ge­leien auf dem Spiel­feld und Ver­tei­diger waren daran inter­es­siert, dass Gegner Respekt vor ihnen hatten. Für einen defen­siven Spieler gehörte ein gesundes Tack­ling zum Grund­hand­werk.



Geben Sie uns doch mal einen Über­blick über Ihre Lei­dens­ge­schichte?

Mit 17 hatte ich den ersten Menis­kus­schaden, noch bevor ich meinen ersten Profi-Ver­trag beim 1. FC Köln unter­schrieben hatte. Dann hatte ich einen Trüm­mer­bruch im Waden­bein, es ging regel­mäßig weiter mit Bandrup­turen und Menis­kus­schäden.

Heute haben Sie zwei künst­liche Knie­ge­lenke, zwei ver­steifte Hand- und ein steifes Sprung­ge­lenk. Spät­schäden Ihrer Fuß­bal­ler­kar­riere?

Der Grund für meine heu­tige Situa­tion ist, dass ich oft nicht fit in die Spiele gegangen bin. Wenn ich eine Bandruptur hatte, wurde das getaped und ich habe gespielt, teil­weise mit schmerz­stil­lenden Spritzen. Man fängt an, falsch zu belasten und ver­schlim­mert die Beschwerden. Ich habe in dieser Zeit prak­tisch gar nicht trai­niert. Wenn man das meh­rere Wochen hin­ter­ein­ander tut, fehlt einem zusätz­lich die kör­per­liche Fit­ness.

Sie haben nicht trai­niert und wurden in der Bun­des­liga ein­ge­setzt?

Ich habe teil­weise sechs Wochen nicht trai­niert und trotzdem gespielt. Ein­ge­setzt ist viel­leicht das fal­sche Wort, denn ich als Spieler war in diesem Vor­gang die trei­bende Kraft. Ich bin zum Doc gegangen und sagte: »Ich will spielen, was können wir tun?« Ich habe ihn also mehr oder weniger genö­tigt, mich fit zu spritzen, weil mir das Spiel so wichtig war.

Wie lang währt die Liebe zum Fuß­ball, wo fangen Schmerzen an, uner­träg­lich zu werden?

Ich habe mich nicht nur mit meinen Gelenken so ver­halten. Einmal habe ich sechs Wochen mit einem Rip­pen­bruch gespielt. In einem Spiel zog ich mir einen Nasen­bein­bruch zu, ließ mich sechs, sieben Minuten auf dem Feld behan­deln, man ver­suchte die Blu­tung zu stoppen, und in der Halb­zeit hat man mich dann mal eben ohne Betäu­bung genäht. Da gab es keine Maske und ich wusste ganz genau: Nach dem Spiel wird die Nase wieder gerichtet. Ich will damit nicht sagen, dass wir die »Harten« waren, aber wir hatten eine andere Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein und ins­be­son­dere den Fans.

Für uns klingt das eher nach modernen Gla­dia­to­ren­kämpfen?

Wenn ein Euro­pa­po­kal­spiel bevor­stand, wollte ich das spielen, zur Not auch mit dem Kopf unterm Arm. Ich habe rund 250 Pflicht­spiele für den 1. FC Köln gemacht, von denen ich bestimmt 30 oder 40 nur durch­ge­halten habe, weil ich vorher mit schmerz­stil­lenden Spritzen ver­sorgt worden war.

Waren das Mittel, die heute noch zulässig sind?

Heute ist die Situa­tion anders. Wenn wir damals Schmerz­mittel bekommen haben, dann war das nicht mel­de­pflichtig. Wenn heute schmerz­hem­mende Mittel wie Cor­tison gespritzt werden, muss das der NADA gemeldet werden.

Das heißt, Sie haben auch 40 Wochen beim Trai­ning am Rand gestanden und zuge­schaut?

Man kann sich immer irgendwie betä­tigen. Mit einer Band­ver­let­zung geht man in den Kraft­raum, bei Achil­les­seh­nen­ver­let­zungen wird es hef­tiger, da musste ich häu­figer um sechs auf­stehen, damit ich um zehn ver­nünftig gehen konnte.

Wie wurden Sie von Ärzten beraten?

Die Ärzte hatten einen ganz anderen Status. Sie waren weniger bera­tend und auf­klä­rend tätig, son­dern eher unsere Erfül­lungs­ge­hilfen, die uns legi­ti­mierten, dass wir sagen konnten: »Gebro­chen, egal, ich spiele trotzdem«. Die ange­ord­neten Pausen beschränkten sich sowieso zumeist auf das Trai­ning, gespielt hat man trotzdem.

Unter Schmerzen?

In der Regel haben die Schmerz­mittel eine Stunde oder etwas länger gehalten, aber man konnte nicht ein­fach in der Halb­zeit nach­spritzen. Gegen Ende des Spiels wurden die Schmerzen dann also immer extremer.

Inwie­weit wurden zu Ihrer Zeit auch regel­mäßig Schmerz­ta­bletten ein­ge­worfen?

Gerade wenn es um Gelenk­ver­let­zungen geht, um Knorpel und Rei­zungen, hat man Vol­taren genommen. Das wurde später durch Vioxx ersetzt. Aber den kon­kreten Schmerz hat man nicht mit irgend­wel­chen Tabletten bekämpft.

Wurden diese Mittel zu Ihrer aktiven Zeit offen in der Kabine kon­su­miert?

Nicht in der Kabine, aber viele Spieler haben Vol­taren damals stan­dard­mäßig ein­ge­nommen.

Das heißt?

Jeden Tag.

Die Ärzte haben nichts dagegen unter­nommen?

Wir waren Profis, der Arzt war in aller Regel beim Verein ange­stellt und er hatte dafür Sorge zu tragen, dass die Jungs am Wochen­ende spielen können. Hennes Weis­weiler war jedes Spiel wichtig, bei dem haben sich viele nicht getraut zu sagen: »Ich kann nicht«. Mir wurden einmal frei­tags zwei ver­ei­terte, aber noch funk­tio­nie­rende Zeh­nägel gezogen, und ich habe am Samstag gespielt.

War Ihr dama­liger Schmerz­mit­tel­ge­brauch aus heu­tiger Sicht eine Form von Doping?

Das kann man so nicht sagen. Denn es ging allein um das Hemmen von Schmerz, nicht um leis­tungs­för­dernde Sub­stanzen.

Beschreiben Sie doch mal Ihren Tages­ab­lauf als Profi. Gab es bestimmte Rituale?

Zu Ende der Kar­riere bin ich mor­gens mit Schmerzen auf­ge­wacht, habe erstmal Eis auf die Ver­let­zung gepackt, dann hum­pelte man irgend­wann zum Trai­ning. Vor dem Trai­ning wurde das Gelenk dann getaped, damit das Ganze dann sta­bi­li­siert war. Oft hatte ich zu einer Bandruptur noch einen Kap­sel­schaden, dann musste man zusehen, dass ich schnell die Schwel­lung heraus bekomme. In sol­chen Phasen habe ich natür­lich nicht jede Lauf­ein­heit mit­ge­macht, aber zum Spiel musste es, mit Spritze und Tape, wieder gehen.

Wie macht sowas die Psyche mit?

Es gab schon Phasen, da fragte ich mich, was ich meinem Körper da eigent­lich antue. Aber ich habe meinen Job und meinen Verein, mit dem ganzen Umfeld, geliebt. Es kam immer wieder der nächste Samstag – oder auch mal ein Euro­pacup-Mitt­woch – und dafür wurde letzt­lich alles zurück­ge­stellt. Für län­gere Zeit bin ich psy­chisch nie in ein Loch gefallen.

Herrschte unter Trai­nern wie Hennes Weis­weiler gemeinhin das Motto: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz«?

Ganz bestimmt.

Wie sah das in der Praxis aus. Hier die harten Kno­chen, da die Weich­eier?

Bei Spie­lern wie Toni Schu­ma­cher oder mir war normal, dass es keine Dis­kus­sionen über Ein­sätze gab. Dann gab es natür­lich auch »Weich­eier«, denen wir gesagt haben: »Reiß dich mal zusammen und hör mit der Heu­lerei auf«. Schließ­lich ist es immer eine Frage, wie sen­sibel man ist. Und wenn ich im Jahr vier Ver­let­zungen habe, lerne ich anders damit umzu­gehen, als wenn ich nie ange­schlagen bin.

Welche Ihrer Ver­let­zung war die Schlimmste?

Wäh­rend der Kar­riere war das mit den Knien alles nicht so dra­ma­tisch. Aber wenn man zur Ruhe kommt und die Mus­ku­latur zurück­geht, werden die Knie­ge­schichten extremer. Ohne ver­nünf­tige Ober­schen­kel­mus­ku­latur können sie die Knie nicht mehr sta­bi­li­sieren.

Gab es einen Moment in Ihrer Kar­riere, in dem Sie wussten, dass es ohne Schmerz­mittel nicht mehr geht?

Je häu­figer man Schmerz­mittel nimmt, desto lockerer geht man damit um. Aber ich bin nie zum Arzt gegangen und habe gesagt: »Ich brauche was.« Ich habe auch nie eine Tablette Vol­taren pro­phy­lak­tisch genommen, wenn die Ver­let­zung schon abge­heilt war. Bei mir war der Schmerz­mit­tel­ge­brauch immer vom akuten Fall abhängig. Nach der Kar­riere war das anders: Von Vioxx war ich schon auf gewisse Weise abhängig. Einige Zeit war für mich der erste Gang nach dem Auf­stehen der zum Tablet­ten­schrank.

Warum?

Um den Schmerz zu betäuben.

Vioxx wurde 2004 vom Markt genommen, weil es das Herz­in­farkt und Schlag­an­fall­ri­siko erhöht.

Wenn ich es zwei Tage nicht nahm, haben meine Gelenke extrem weh getan. Als es von heute auf morgen vom Markt genommen wurde, es gab wohl einen Todes­fall in den USA, war mein erster Gedanke nicht: »Oh Gott, hof­fent­lich kriege ich keinen Schlag­an­fall«, son­dern »Ver­dammt, wie viel habe ich noch von dem Zeug?«. Aus den Apo­theken war es sofort ver­schwunden. Dann habe ich es über Umwege geschafft, noch ein Kon­tin­gent von 300 Tabletten zu bekommen. Ich wusste ein­fach nicht, wie es ohne dieses Zeug wei­ter­gehen soll. Damals habe ich mir gesagt: »Lieber einen Schlag­an­fall, damit alles vorbei ist, als auf diese Medi­ka­mente ver­zichten und die Schmerzen ertragen«.

Der pure Horror.

Das war es auch. Sie glauben gar nicht, wie schön es ist, wenn Sie dieses Zeug bekommen und den Tag halb­wegs beschwer­de­frei ver­bringen konnten. Das Verbot von Vioxx war für mich ein Schock und ich bin in Panik geraten. Ein Fuß­ball­profi beschäf­tigt sich ja eher mit den ortho­pä­di­schen Dingen als mit den inter­nis­ti­schen.

Wie kann man mit sol­chen Schmerzen umgehen?

Über den Kopf. Meine Ärzte haben mir emp­fohlen, mich mit meinen Knien zu bewegen. Des­halb habe ich mir einen Hund gekauft, der mich zur Bewe­gung gezwungen hat. Erst als es bei meinen Knien so war, dass ich bei den Spa­zier­gängen schon nach zehn Minuten eine Blo­ckade spürte und das Knie steif wurde, dachte ich über eine Pro­these nach. Ich habe auch jah­re­lang mit mir gerungen, das Sprung­ge­lenk zu ver­steifen, weil das immer etwas End­gül­tiges ist. Schließ­lich gilt man nach so einer Ope­ra­tion gemeinhin als Krüppel. Aber irgend­wann habe ich gemerkt, dass ich zwar ein­ge­schränkt bin, aber nach einer Ver­stei­fung schmerz­frei bin. So war das mit dem Knie auch: Meine erste Pro­these ist phä­no­menal geworden, ohne Narbe könnte man kaum sagen, dass es eine ist. Sie glauben mir gar nicht, wie ich mich auf meine zweite Ope­ra­tion gefreut habe. Keine Medi­ka­mente mehr, keine schmerz­stil­lenden Geschichten: Die Lebens­qua­lität steigt enorm.

Hat der lange Gebrauch von Schmerz­mittel inter­nis­ti­sche Folgen für Sie gehabt?

Gott sei Dank nicht. Ich lasse mich regel­mäßig durch­che­cken und bei meiner letzten Ope­ra­tion wurde mir attes­tiert, dass ich deut­lich fitter bin, als noch vor zwei Jahren.

Sie haben also bis an Ihr abso­lutes Limit gespielt. Hatten Sie nie Zweifel, dass Ihre Selbst­lo­sig­keit nicht fol­genlos bleiben kann?

Das muss man immer an Ver­let­zungen fest machen. Wenn der Arzt sagt, wir machen eine Athro­skopie im Knie, ist das eine Sache von ein, zwei Wochen. Aber ich hatte Beschwerden wie eine Achil­les­seh­nen­ruptur, wo man sich schon Gedanken macht. Der Auf­wand um wieder auf 100 Pro­zent zu kommen, wird mit zuneh­mendem Alter immer größer. Als mir am 12. Sep­tember 1987 beim Spiel gegen Bayern Mün­chen die Achil­les­sehne riss, dachte ich noch auf dem Platz: Jetzt ist alles vorbei. Und auf der Tri­büne riefen 60.000: »Dieter, wir brau­chen dich«.

Pas­sierte es durch Fremd­ein­wir­kung?

Nein, ich bin bei einem Sprint kurz hinter der Mit­tel­linie in ein Loch getreten und dann hat es geknallt. Es war so laut, dass man es auf der Tri­büne gehört hat. Damals war klar, dass man mit einer Achil­les­seh­nen­ruptur min­des­tens ein halbes Jahr aus­fällt. Ich war schon 31, da kamen schnell Gedanken, es könnte vorbei sein. Ich habe es dann noch ein Drei­vier­tel­jahr ver­sucht, aber die Sehne hat sich immer wieder ent­zündet. Aber wir haben 3:1 gewonnen, dass war das Wich­tigste. Ein wich­tiger Sieg und ich war Kapitän.

Ihr letztes Spiel.

Ja, das war es. Aber so läuft es eben und es war immer meine Über­zeu­gung: Als Profi werde ich gut bezahlt, also muss ich einen Teil der Gesund­heit dafür opfern.

Dieter Prestin, wie geht es Ihnen heute?

Momentan leide ich noch ein wenig unter den Folgen der zweiten Ope­ra­tion des künst­li­chen Knie­ge­lenkes. Auch nach neun Wochen muss ich noch sehr viel Reha machen. Und ich kämpfe für mein Ziel: Ich will wieder Ski fahren. Schon nach der ersten Ope­ra­tion hat mir das keiner geglaubt, aber ich habe es geschafft und danach allen die Fotos vom Hang geschickt.

Mit zwei künst­li­chen Knie­ge­lenken und einem steifen Sprung­ge­lenk können Sie noch Ski fahren?

Das Sprung­ge­lenk stört beim Ski nicht, damit fiel anfangs nur das Treppen steigen schwer.

Würden Sie alles noch einmal genauso machen?

Auch aus heu­tiger Sicht war mein Leben als Profi ein Traum und ich würde es genauso machen. Aber ich würde ver­su­chen, die Medizin inten­siver mit ein­zu­bauen und mich mehr über die Gefahren von Spät­folgen zu infor­mieren. Das war damals kaum mög­lich. Ich hätte mir gewünscht, dass die Medizin zu meiner Zeit schon weiter gewesen wäre.


— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — –
Die umfang­reiche Repor­tage »Gib mir die Pille – Im Leben eines Profis ist Gevatter Schmerz ein treuer Begleiter. Wegen des hohen Erfolgs­drucks bleibt aber kaum Zeit, dass ein Spieler seine Ver­let­zungen aus­ku­riert. Der Griff zu Schmerz­mit­teln ist für viele Profis längst Gewohn­heit« von Tim Jür­gens gibt es in 11 FREUNDE #91, ab 28. Mai im Handel.