Herr Kuntz, machen Sie sich Sorgen um den FCK?

Wenn ich mir die Tabelle anschaue und in Betracht ziehe, dass der Verein in der Öffent­lich­keit schon mal besser dastand – ja, auf jeden Fall.

Der Verein steht in der Zweiten Liga im Keller, bei einem Abstieg droht sogar der Lizenz­entzug. Wie konnte es soweit kommen?


Ich glaube, dass im sport­li­chen Bereich des öfteren Fehl­ent­schei­dungen getroffen wurde. Vor allem wurde die Pole Posi­tion, die der Verein nach der Meis­ter­schaft 1998 inne­hatte, leicht­fertig ver­spielt.

Sie stammen aus der Region. Welche Bedeu­tung hat der FCK dort?

Er ist nach wie vor die Nummer eins und hat eine rie­sige Bedeu­tung für die Fans.

Es wird oft gesagt, mit dem Verein sterbe die ganze Region. Stimmt das?

Das ist natür­lich über­zogen, schließ­lich wird nie­mand buch­stäb­lich sterben. Aber es ist so, dass der FCK für viele ein Lebens­in­halt ist und diese Men­schen ihre Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fläche ver­lieren würden.

Ist diese Bedeu­tung eine Last für die Spieler?

Nein. Sie ist ein Antrieb. Als Profi spielt man lieber für einen emo­tio­nalen Verein wie den FCK. Die Last macht gegen­wärtig allein der Tabel­len­platz aus. Man sollte darauf achten, dass Spieler auch damit umgehen können.

Welche Bedeu­tung hatte der FCK für Sie in der Kind­heit und Jugend?


Der FCK war immer mein Verein! Meine Familie stammt schließ­lich aus Kai­sers­lau­tern. Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich spielte bei Bayer Uer­dingen und hatte großes Heimweh. Da riefen die Ver­ant­wort­li­chen des FCK an und machten mir ein Angebot. Ich glaube, ich hätte auch umsonst gespielt (lacht)! Ich hatte in der Folge meine größten Erfolge beim FCK – und ein unglaub­li­ches Ver­hältnis zu den Fans.

Wie war Ihr erster Ein­druck, als Sie 1989 als Profi zum FCK stießen?

Ich habe gedacht: End­lich bin ich zu Hause!“ Und gleich die erste Saison war extrem: Einer­seits waren wir bis zum Schluss abstiegs­ge­fährdet, ande­rer­seits haben den DFB-Pokal gewonnen. Das hat die Spieler unter­ein­ander zusam­men­ge­schweißt – und auch Mann­schaft und Fans.

Sind solche Wech­sel­bäder sym­pto­ma­tisch für diesen Verein?


Eines steht fest: Wir hätten in dieser Saison nicht gegen Abstieg spielen müssen. Dazu waren wir zu stark besetzt und zu sehr mit dem Herzen bei der Sache. Auf der Weih­nachts­feier 1989 haben wir mal durch­ge­zählt: Wir waren elf Spieler aus der Region. Und gerade wir wollten nicht die Ersten sein, die mit dem FCK absteigen.

Eine Frage der Iden­ti­fi­ka­tion, die heute so nicht mehr gegeben ist.


Damals waren wir den Fans auch noch näher, sind privat zu Fan­a­benden gegangen. Außerdem haben wir alle­samt in der Stadt gelebt. Schon des­halb kam es immer wieder zu Begeg­nungen, beim Ein­kaufen, im Kino, im Café. Das hat eine starke Bin­dung erzeugt, so dass wir, wenn wir auf­ge­laufen sind, immer wussten: Wir haben die Fans im Rücken.

Kai­sers­lau­tern ist eine kleine Stadt mit kaum 100.000 Ein­woh­nern. Hat das von Ihnen beschrie­bene Fami­li­en­gefühl den FCK seit 40 Jahren im Profi-Fuß­ball gehalten?

Auf jeden Fall! Der Rück­halt ist etwas ganz Beson­deres. Selbst jetzt, in schwie­rigen Zeiten, gibt es über­haupt keine Pro­bleme mit den Fans.

Welche Rolle spielten in dieser Familie die vier Welt­meister, Horst Eckel, Werner Liebrich und die Walter-Brüder?

Wir haben immer die Ver­pflich­tung gespürt, der großen Tra­di­tion der 1954er gerecht zu werden. Wir saßen mit vier Welt­meis­tern zusammen, und wenn die von früher erzählt haben, war das natür­lich groß­artig und eine starke Moti­va­tion für uns.

Auch der dama­lige Prä­si­dent Nor­bert Thines ist ein Mann von altem Schrot und Korn.

Ja, Herr Thines ist ein Prä­si­dent des Volkes, ein Prä­si­dent für die Fans. Er ist ein her­zens­guter Mensch, der sich auch sehr für soziale Belange ein­setzt.

Bitte beschreiben Sie das Gefühl, als Sie als FCK-Kapitän diesen Män­nern nach dem letzten Sai­son­spiel 1991 gegen Köln die Meis­ter­schale bringen konnten.

Ich wäre fast vor Stolz geplatzt! Das war die totale innere Befrie­di­gung. Diesen alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Wie war dieser Tri­umph mög­lich?


Maß­geb­lich war der Zusam­men­halt in der Mann­schaft. Wir haben gemerkt, was mög­lich ist, wenn man zusam­men­hält. Wir haben uns super ergänzt – es waren nette Spieler im Kader, auch solche, die auf dem Platz mal ein Dreck­schwein sein konnten. Es waren Laute dabei und Leise. Hinzu kommt die unglaub­liche Euphorie, nachdem wir trotz des Bei­na­h­ab­stiegs Pokal­sieger geworden waren. Dadurch hatten wir ein Selbst­ver­trauen, dass es uns ermög­licht hat, viele Spiele umzu­biegen. Ich kann mich noch erin­nern, dass wir einige Male 0:2 hinten lagen, uns dann aber ange­schaut und gesagt haben: Na und? Die gewinnen trotzdem nicht gegen uns!“ Als wir dann oben standen, trug uns auch eine Sym­pa­thie­welle. Viele wünschten sich, dass mal wieder ein Außen­seiter Deut­scher Meister wird. All diese Kom­po­nenten haben sehr gut inein­ander gegriffen.

Zen­trale Figur dieser Zeit war Trainer Karl-Heinz Feld­kamp. Braucht der FCK mani­sche Trainer wie ihn oder später Otto Reh­hagel?

Ein FCK-Trainer muss den Fans das Gefühl geben, dass er ehr­liche, harte Arbeit ablie­fert. Ich würde das nicht unbe­dingt an einem bestimmten Trai­ner­typen fest­ma­chen.

Nach dieser Saison ver­ließen in Person von Schupp, Lab­badia und Fried­mann gleich drei Spieler den Verein, die ihre Wur­zeln in der Region hatten. Hätte man sie halten müssen?


Das kann ich aus der heu­tigen Sicht schwer beur­teilen. Unser Manager Reiner hat jeden­falls einen sehr guten Job gemacht und immer wieder ein gutes Auge bewiesen. Schließ­lich konnten wir uns ja auch in den Fol­ge­jahren im oberen Tabel­len­drittel halten.

Das Vor­run­den­spiel im Euro­pacup der Lan­des­meister gegen den FC Bar­ce­lona endete mit 3:1 nach 0:3 im Hin­spiel. Dieses Tor durch Bakero kurz vor Schluss…

…war schlimm! Es war nach langer Zeit mal wieder ein Nega­tiv­erlebnis. Wir hatten solche Spiele sonst immer nur am Fern­seher ver­folgt. Diesmal waren wir dabei und hatten eine der besten Mann­schaften Europas kurz vorm Aus­scheiden. Dieses späte Gegentor war also eine große Ent­täu­schung. Ande­rer­seits hat es uns aber auch gezeigt, wozu wir theo­re­tisch in der Lage gewesen wären. Das hat uns wie­derum für die Bun­des­liga moti­viert, wo wir das nächste Spiel ja auch gleich gewonnen haben.

Am Ende lan­dete der FCK jedoch nur auf Platz 5. Nach der Saison ver­ließ Feld­kamp den FCK und sagte zum Abschied: Jedem Nach­folger sollen die Schuhe, die ich hin­ter­lasse, zu groß sein.“ War das ein Fluch?

Ach, das ist der Kalli! Er hat das aus der Ver­är­ge­rung heraus gesagt, weil man vom fünften Platz ent­täuscht war. Das hielt er für unan­ge­bracht.

Sein Nach­folger Reiner Zobel nahm ihnen die Kapi­täns­binde weg. Was sollte das?

Das sah in der Öffent­lich­keit anders aus, als es tat­säch­lich war. Reiner Zobel hat ver­sucht, zu mir zu halten. Aber ich habe in dieser Saison nicht die Leis­tung gebracht wie in den Jahren zuvor. Es war meine schlech­teste Saison in Kai­sers­lau­tern. Und es hat mich traurig gemacht, dass ich nicht durch eine wenigs­tens durch­schnitt­liche Leis­tung dazu habe bei­tragen können, dass Zobel Trainer geblieben ist.

Ihr Mit­spieler Markus Marin schlug Alarm: Wir sind eine Intri­gen­truppe.“

Das waren die Nach­wir­kungen, nachdem Kalli Feld­kamp gegangen war. Er hatte nichts auf­kommen lassen, und auch durch den Erfolg ist vieles unter der Ober­fläche geblieben. Erst danach kam ver­spä­teter Neid aus der Meis­ter­saison auf, der viel­leicht auch von außen geschürt wurde. Das hat uns ein sehr lehr­rei­ches, weil erfolg­loses Jahr beschert. Ein Jahr später hat Friedel Rausch als neuer Trainer diese Ent­wick­lung wieder umkehren können. Er hat vieles aus dem Bauch heraus gemacht, eine gute Ansprache gefunden und einiges wieder aus uns her­aus­ge­kit­zelt, was uns so stark gemacht hatte.

1995 ver­ließen Sie den FCK und gingen zu Bes­iktas Instanbul. Sie waren der Letzte der Linie Walter-Fried­rich-Briegel-Kuntz. War es ein Fehler, Sie gehen zu lassen?

Ohne in die Details gehen zu wollen: Ich wäre zu einer Ver­trags­ver­län­ge­rung bereit gewesen, wenn man mir eine Anschluss­be­schäf­ti­gung für die Zeit nach meiner Kar­riere zuge­si­chert hätte. Darauf konnten wir uns nicht einigen, und der Verein hat mir in Person von Reiner Geye signa­li­siert, dass ich gehen könne.

Sie sagten: Ich lebe und sterbe für diesen Verein.“ Gab es nach Ihnen noch Spieler beim FCK, die auch dazu bereit waren?

Das kann ich nicht abschlie­ßend beur­teilen. Abge­sehen von meinem bio­gra­fi­schen Hin­ter­grund: Ich war sechs Jahre beim FCK. Ich glaube nicht, dass viele nach mir so lange dort gespielt haben. Da fallen mir eigent­lich nur Axel Roos und Gery Ehr­mann ein. Hinzu kommt, dass meine Art zu spielen immer so aussah, als würde ich das letzte Hemd für den Verein geben (lacht). Bei anderen, die tech­nisch beschla­gener waren, sah es viel­leicht nicht so aus, die Ein­stel­lung war aber die­selbe.

Haben Sie bei Ihrem Abschied geahnt, dass die rosigen Zeit beim FCK vorbei sein würden?

Nicht in diesem Ausmaß.

Haben Sie gelitten, als der FCK abstieg?

Ich war damals Co-Kom­men­tator beim letzten Spiel in Lever­kusen – und habe mich meiner Tränen nicht geschämt.

Wenn Ihnen vorher jemand erzählt hätte: Zwei Jahre später ist der FCK Meister…

Das hätte ich mir gewünscht, aber nicht geglaubt.

War dieser Meis­ter­titel für die wei­tere sport­liche und wirt­schaft­liche Ent­wick­lung des Ver­eins wirk­lich von Vor­teil?

Wie ich ein­gangs sagte: Durch diesen Erfolg gab es eine Platt­form, die nicht wirk­lich genutzt wurde – sowohl sport­lich als auch wirt­schaft­lich.

Haben Sie DSF-Sen­dung im Sep­tember 2002 gesehen, in der Vor­stands­mit­glied Robert Wie­sche­mann den Offen­ba­rungseid leis­tete und sagte: Wir haben ein Defizit an Durch­blick – alle!“?

Ja, die habe ich gesehen.

Was dachten Sie?


Dass genau das stimmt.

Warum hatten Sie dieses Vor­ge­fühl?

So wie Fuß­baller nicht immer die Rich­tigen sind, wenn es um wirt­schaft­liche Dinge geht, sind Wirt­schafts­leute nicht immer die Rich­tigen, wenn es um Sport­li­ches geht. Wenn man da keine gute und rea­lis­ti­sche Auf­ga­ben­tei­lung hin­be­kommt, dann kann das zum Nie­der­gang eines Ver­eins führen.

René C. Jäggi über­nahm 2002 das Ruder. War er der Rich­tige für diese Auf­gabe?

Ober­fläch­lich betrachtet, hat er den Verein finan­ziell saniert. Doch das, was gespart wurde, ist nicht optimal in die Mann­schaft inves­tiert worden.

2005/2006 wollte man Sie als Sport­di­rektor holen. Woran ist das Enga­ge­ment letzt­lich geschei­tert?


Letzt­end­lich an der Arbeits­platz­be­schrei­bung. Ich hätte beim FCK nicht so eigen­ver­ant­wort­lich arbeiten können wie jetzt beim VfL Bochum.

Hätte Sie die Auf­gabe denn gereizt?


Ich habe Pro­bleme mit Kon­junk­tiven, vor allem in der Ver­gan­gen­heits­form.

Was wäre im Groben Ihr Kon­zept gewesen?


Ich möchte mich jetzt nicht als Bes­ser­wisser hin­stellen.

Nur diese eine Frage: Hätten Sie auf Spieler aus der Region gesetzt?


Das kann man nicht grund­sätz­lich beant­worten. Wün­schens­wert wäre es gewesen.

Kann der FCK sich noch vor dem Abstieg retten?


Ein­deutig ja!

Aber wäre ein Abstieg nicht auch eine Chance zur Wie­der­ge­burt?


Grund­sätz­lich viel­leicht. Aber ich befürchte, dass die wirt­schaft­li­chen Zwänge dann zu groß wären.