Andreas Hinkel, Ihr aus­lau­fender Ver­trag bei Celtic Glasgow wurde nicht ver­län­gert, Sie sind zur­zeit arbeitslos. Wie infor­mieren Sie sich über Fuß­ball?

Andreas Hinkel: Dafür habe ich Berater und Spie­ler­ver­mittler, die den Markt son­dieren und wissen, wo Bedarf ist. Ich habe das noch nie gemacht, das ist nicht mein Job. Ich bin Fuß­ball­spieler und kon­zen­triere mich auf das, was ich gut kann: Ich gucke, dass ich mich fit halte.

Wie halten Sie sich fit?

Andreas Hinkel: Ich bin der­zeit bei meinen Eltern in der Heimat in Win­nenden und ori­en­tiere mich am Som­mer­pausen-Trai­nings­plan von Celtic Glasgow. Meine Som­mer­pause ist natür­lich ein biss­chen länger, da ich noch keinen neuen Verein habe. Ich gehe ins Fit­ness­studio, mache spe­zi­elle Kraft­übungen. Gerade durch meine lange Ver­let­zungs­pause nach dem Kreuz­band­riss im August letzten Jahres musste ich mich kom­plett fit machen, habe viel gelernt und viel inten­siver Kraft auf­bauen können.

Wo haben Sie ihre Ver­let­zung aus­ku­riert?

Andreas Hinkel: Zur Ope­ra­tion Anfang Sep­tember war ich in Ame­rika. Von Oktober bis Dezember 2010 war ich in Mün­chen bei Dr. Müller-Wohl­fahrt, ab Januar wieder in Schott­land. Gerade in Schott­land habe ich viel Mus­kel­aufbau gemacht. Ich fühle mich stärker als vor der Ver­let­zung und auch stärker als meine ehe­ma­ligen Mann­schafts­kol­legen, die fuß­ball­spe­zi­fi­scher trai­niert haben und auch nicht die Mög­lich­keiten hatten, sich spe­ziell nur auf Mus­kel­aufbau zu kon­zen­trieren.

Ihr Kreuz­band­riss am 17. August 2010 im Trai­ning bei Celtic Glasgow bedeu­tete die erste län­gere Pause in Ihrer Fuß­ball­kar­riere. Über die Zwangs­pause sagten Sie, Sie konnten sich mental erholen“. Was genau meinten Sie damit?

Andreas Hinkel: Man hat sehr wenig Zeit als Fuß­ball­profi. Ständig stehen Spiele an, man steht immer unter Leis­tungs­druck, immer unter Anspan­nung. Man reist sehr viel, es ist eine Maschi­nerie. In Schott­land gibt es zudem keine Win­ter­pause. Dann kamen manchmal noch Ter­mine mit der Natio­nal­mann­schaft dazu. Es geht immer weiter und weiter – da ist man mental ein biss­chen aus­ge­laugt.

Davon konnten Sie sich wäh­rend Ihrer Ver­let­zungs­zeit erholen?

Andreas Hinkel: Wenn ich etwas Posi­tives aus meiner Ver­let­zung ziehen kann, dann ist es der men­tale Wechsel. Ich konnte mal richtig run­ter­fahren, alles end­lich einmal mit Abstand betrachten. Ich hatte ja meinen eigenen Ablauf, war nicht bei der Mann­schaft, son­dern habe mein eigenes Reha-Pro­gramm absol­viert. Danach kann man sich auch wieder richtig für Fuß­ball begeis­tern, ich war wieder viel heißer auf das Ganze.

Wenn Sie die Fuß­ball­welt mit diesem Abstand betrachten: Wollen Sie etwas ändern?

Andreas Hinkel: Ich war immer offen für alle Ver­än­de­rungen. Ich finde, man muss sich immer ver­än­dern, immer wieder neu anpassen. Ich lerne gerne dazu, habe viele Trainer gehabt, und von jedem konnte ich etwas lernen. Das ist unab­hängig von meiner langen Pause. Man sollte nie denken, dass man alles richtig macht, man alles weiß und alles kann. Jeder Spieler kann sich immer ver­bes­sern.

Das letzte Mal spielten Sie am 2. Juni 2009 für die Natio­nal­mann­schaft. Wie groß war bis zu Ihrer Ver­let­zung die Hoff­nung, noch einmal von Joa­chim Löw berufen zu werden?

Andreas Hinkel: Sehr klein. Ich habe mich nicht groß damit beschäf­tigt, noch einmal zurück­zu­kehren. Ich habe mich auf meinen Arbeit­geber kon­zen­triert, bei dem ich mein täg­li­ches Brot ver­diene. Es war mir wichtig, mich da zu ver­bes­sern, an die Leis­tungs­grenzen zu gehen. Darauf habe ich mich immer fokus­siert.

Früher wurden Sie in einem Atemzug mit Philipp Lahm genannt. Heute nicht mehr – obwohl Sie im Aus­land viele Titel gewinnen konnten. Haben Sie sich in Sevilla aus den Augen, aus dem Sinn gespielt?

Andreas Hinkel: Zumin­dest was Deutsch­land betrifft, ja, ganz klar. Dazu fällt mir ein schönes Bei­spiel aus meiner Zeit bei Sevilla ein: Als ich einmal zu Hause Urlaub gemacht habe, kam meine Oma zu mir und sagte ver­wun­dert: Dich sieht man ja gar nicht mehr im Fern­sehen! Dann musste ich ihr erklären: Ich bin jetzt mehr in Spa­nien im Fern­sehen. Aber das schaut sie natür­lich nicht. (lacht)

Andere aus­län­di­sche Spieler sieht man auch in Deutsch­land.

Andreas Hinkel: Ich bin nicht der Welt­star, über den über­re­gional berichtet wird. Das gibt es ja nur bei ein­zelnen, her­aus­ra­genden Leuten wie Messi und Ronaldo. Die meisten anderen Spieler sind nur in den Län­dern oder Regionen medial ver­treten, wo sie auch spielen. Und ich war eben in Sevilla.

Hatten Sie das erwägt, als Sie 2006 Deutsch­land in Rich­tung Spa­nien ver­lassen haben?

Andreas Hinkel: Ich habe mir damals schon über­legt: Bleibe ich in Deutsch­land, dann bleibe ich auch wei­terhin im Fokus. Aber ich wollte immer ins Aus­land! Ich wollte mich wei­ter­ent­wi­ckeln und eine andere Sprache lernen. Ich war zehn Jahre in Stutt­gart, habe hier alles gekannt. Ich war neu­gierig.

Sie haben Spa­nisch gelernt?

Andreas Hinkel: Ja.

Können Sie es noch spre­chen?

Andreas Hinkel: Ich war dieses Jahr in Spa­nien im Urlaub, um ein paar Freunde zu besu­chen. Ich kann mich dort ver­stän­digen. Das ist zum Bei­spiel etwas, was mir ewig bleiben wird nach der Zeit des aktiven Fuß­balls: Ich spreche zwei Spra­chen.

In Sevilla kon­kur­rierten Sie mit Dani Alves, einem der welt­besten Rechts­ver­tei­diger. Bei Sevilla galt damals das Rota­ti­ons­pro­zess – mit Aus­nahme von Alves. Denken Sie, ihre Kar­riere wäre anders ver­laufen, wenn Sie nicht aus­ge­rechnet mit Dani Alves hätten kon­kur­rieren müssen?

Andreas Hinkel: Nein. Dani war ein Teil der Mann­schaft für mich. Ich bin froh drüber, mit ihm zusammen gespielt zu haben. Und ich habe ja auch meine Spiel­zeit bekommen, so ist es ja nicht. Natür­lich habe ich mir gewünscht noch mehr zu spielen, das ist ganz klar, aber ich hätte noch weniger Ein­sätze gekriegt, wenn ich nicht voll meine Leis­tungen gebracht hätte. Der Trainer hat mich nicht aus Spaß an der Freude spielen lassen.

Als sich 2007 Ihr Abschied aus Sevilla ankün­digte war zu lesen, dass auch Dort­mund, Hof­fen­heim und Wolfs­burg Inter­esse an Ihnen hatten. Bereuen Sie es, nicht zurück in die Bun­des­liga gewech­selt zu sein?

Andreas Hinkel: Nein, das bereue ich nicht. Ich würde das Aus­land nie bereuen! Das war die schönste Zeit, die ich hatte. So viele Sachen, die da mit rein­spielen, auch privat. Ich bin in der Zeit zweimal Vater geworden.

Sie hatten auch sport­liche Erfolge.

Andreas Hinkel: Ich habe in fünf Jahren sieben Titel gewonnen. Wenn ich sagen würde, ich würde es bereuen, wäre das Schwach­sinn. Ich bin ver­gan­gene Woche erst aus Schott­land wie­der­ge­kommen, habe da noch ein paar Sachen erle­digen müssen. Es war ein trau­riger Abschied. Ich habe eine richtig schöne Zeit dort erlebt, die will ich nicht missen.

Wie hat Ihre Familie Sie in der Heimat emp­fangen?

Andreas Hinkel: Gut. Ich glaube sie sind auch glück­lich dar­über, dass ich jetzt hier bin. Ich habe zwar noch keinen neuen Verein, das ist eine unbe­frie­di­gende Situa­tion. Aber das Posi­tive daran ist, dass ich meine Familie sehe.

Haben Sie einen Wunsch­verein?

Andreas Hinkel: Das Leben ist kein Wunsch­kon­zert.

Aber wenn?

Andreas Hinkel: Nein, gibt es nicht. Klar, die Bun­des­liga wäre schön. Aber ich will auch das Aus­land nicht aus­schließen. Ich bin ein­fach nur heiß auf Fuß­ball.