Viktor Skripnik, Sie sind 1969 geboren. Anfang der Sieb­ziger war der Eis­ho­ckey­sport in der Sowjet­union sehr populär. Die Natio­nal­mann­schaft fei­erte Erfolge am lau­fenden Band. Wie kam es, dass Sie dem Eis fern­blieben und lieber auf den Bolz­platz gingen?
Bei uns war in jeder Straße ein Platz, wo du im Sommer Fuß­ball und im Winter natür­lich Eis­ho­ckey spielen konn­test. Ich habe mich für Fuß­ball ent­schieden, da ich keine Chance hatte in unserem kleinen Ort regel­mäßig Eis­ho­ckey zu spielen. Wir kickten vom Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang. Das war unsere beste Zeit.

War Ihre Familie auch so fuß­ball­be­geis­tert?
Mein Vater war ein rie­siger Fuß­ball-Fan. Dazu kam, dass meine Hei­mat­stadt Dni­pro­pe­trowsk 1983 sowje­ti­scher Meister wurde. Bei diesem Gewinn war ich mit meinem Vater im Sta­dion. Ein unver­gess­li­ches Erlebnis. Ich war fortan ein­fach begeis­tert von Fuß­ball. Am liebsten wollte ich den Spie­lern so nah sein, wie die Ball­jungen, die den Ball immer wieder zurück schmissen. Ich war immer nei­disch auf die kleinen Jungs am Spiel­feld­rand und fragte mich, was sie mit den Bällen tun, die sie nicht zurück­warfen. Ein Ball wurde kurz darauf das beste Geschenk was ich bis dato bekam. Er war lange auch das ein­zige Spiel­zeug bei mir Zuhause.

Hatten Sie Vor­bilder?
Klar, Vor­bilder gab es immer, zum Bei­spiel Oleg Blochin von Dynamo Kiew. Der Fuß­ball in West­eu­ropa war auch sehr beein­dru­ckend. Leider hatten wir kaum Chancen, die Spiele im Fern­sehen zu ver­folgen. Wenn doch, dann nur wenige Minuten, in denen man zwei, drei Tore aus den euro­päi­schen Ligen, etwa aus der Bun­des­liga oder aus Ita­lien, sehen konnte. Statt­dessen bekamen wir immer die besten Mann­schaften der Ukraine, wie Dynamo Kiew oder Dnipro Dni­pro­pe­trowsk vor Augen geführt.

Sie waren einer der ersten ukrai­ni­schen Fuß­ball­spieler in Deutsch­land. Warum fiel Ihre Wahl auf die Bun­des­re­pu­blik? Und warum gerade auf Bremen?
Die Frage ist leicht zu beant­worten. Damals, 1983, war ich mit meiner ehe­ma­ligen Mann­schaft zwi­schen Ham­burg und Bremen im Trai­nings­lager. Ich sah einen rie­sigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Ost­eu­ropa, ver­liebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann zu Hause mit 4:1, im Weser­sta­dion ver­loren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war ein­fach nur begeis­tert, wie diese Mann­schaft funk­tio­nierte. Bremen war mein Traum­verein, doch leider war die Grenze immer noch zu. Erst nach dem Ende der Sowjet­union kamen inter­na­tio­nale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehe­ma­lige Trainer der DDR. Er emp­fahl mich an den dama­ligen Werder-Trainer Dixie“ Dörner und ich ging nach Bremen.

Warum gefiel Ihnen gerade der deut­sche Fuß­ball so?

Ich wollte unbe­dingt nach Deutsch­land. Hier wird der Fuß­ball gespielt, der meiner Phi­lo­so­phie ent­spricht. Mich fas­zi­nierten die Ord­nung und die hohe Anzahl der Tore in der Bun­des­liga. Außerdem bin ich nicht so schnell, wie es damals etwa der Fuß­ball in Spa­nien ver­langte. Aller­dings hatte ich einen schwie­rigen Start. Ich war damals in der Ukraine ein Star, der Wechsel nach Bremen ließ mich zu einem ganz nor­malen Spieler bei einer Mann­schaft auf gutem Niveau werden. Nach einigen Monate hatte ich mich an meine neue Heimat gewöhnt.

Wel­cher Trainer beein­flusste Sie am meisten?
Ich erin­nere mich etwa an Loba­nowski oder Felix Magath. Aber ich glaube, es wäre nicht richtig, nur bei anderen Trai­nern abzu­schauen. Fuß­ball ent­wi­ckelt sich weiter. Heute sind andere Dinge bedeut­samer, wie zu unseren Zeiten. Wichtig ist, dass du fach­kom­pe­tent bist, dass du weißt wo es lang geht. Man muss selbst­kri­tisch sein und die Ent­wick­lungen stetig ana­ly­sieren. Mit Hilfe der neuen Medien, wie dem Internet, kann man jede Taktik und jedes Spiel auf­be­reiten. Anders als damals, als du immer live schauen und dich an die Szenen erin­nern muss­test. Heute kannst du schneiden, wie­der­holen und so weiter.

Sie sind seit 2008 erfolg­rei­cher Jugend­trainer bei Werder Bremen und trai­nieren aktuell Wer­ders U 18 Was macht einen guten Trainer aus und welche Eigen­schaften muss er haben?

Die Kom­mu­ni­ka­tion mit den Jungs ist wichtig. Mit zu viel Distanz kommt man als Trainer nicht weiter. Man muss ein­fach kapieren, dass die Jungs im Jugend­be­reich nicht für Geld spielen. Sie lieben Fuß­ball, sie tragen das Spiel noch im Herz. Sie träumen von einem Ver­trag im Pro­fi­fuß­ball. Und wenn ein Trainer, der dafür da ist, diesen Wunsch zu erfüllen, dies nicht schafft, so ist das auch sein Fehler. Auch wenn jeder weiß, dass es ver­dammt schwer ist, von zwanzig Leuten alle zwanzig nach oben zu bringen. Wichtig ist es, ein­fach ehr­lich zu seinen Spie­lern zu sein. Man muss Kom­pe­tenz in jedem Bereich vor­weisen können, etwa in tak­ti­schen Dingen, aber auch außer­halb des Platzes. Du musst nicht nur Zucker geben, son­dern auch mal kon­se­quent sein.

Ori­en­tieren Sie sich als Coach an anderen Trai­nern unter denen Sie selbst spielten, wie etwa Thomas Schaaf oder Ihr ehe­ma­liger Coach in der ukrai­ni­schen Natio­nal­mann­schaft, Valerij Loba­nowski?
Wir haben bei Werder unsere Regeln. Alle Trainer, allen voran Thomas Schaaf, arbeiten an einer ein­heit­li­chen Phi­lo­so­phie. Wir fragen uns immer: Was passt zu Werder? Wie sollen sich unsere Jungs ent­wi­ckeln? Das ist auch ein Grund, warum das Sta­dion immer voll ist. Werder ist eine attrak­tive Mann­schaft, spielt immer mit Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball nach vorne. Des­halb wollen wir das bereits im Jugend­be­reich in unserem Leis­tungs­zen­trum trai­nieren. Diese Phi­lo­so­phie ver­treten nicht nur Thomas Schaaf, son­dern alle Werder-Trainer, wie Mirko Votava oder Thomas Wolter, die alle­samt ihren Job bes­tens erle­digen.

Am Wochen­ende startet die Euro­pa­meis­ter­schaft, Sie werden die Spiele als Co-Kom­men­tator für das ukrai­ni­sche Fern­sehen begleiten. Glauben Sie, dass das ukrai­ni­sche Team die Erwar­tungen erfüllen kann?

In den eigenen Städten und Sta­dien vor den hei­mi­schen Fans zu spielen, kann zu einer hohen Erwar­tungs­hal­tung führen. Viel­leicht ist es ein Bonus für dich, da die Zuschauer hinter dir stehen, viel­leicht aber auch Druck. Ich glaube, wir haben eine rich­tige Mischung: Erfah­rene Spieler wie Andrej Woronin, Andrej Schewt­schenko oder Ana­toly Timoscht­schuk, die schon öfter mit heißem Herz aber kühlem Kopf gespielt haben, und auch junge, talen­tierte Leute, von denen ich glaube, dass sie bereits im Blick­feld von einigen Mann­schaften aus West­eu­ropa sind. Hinzu kommt der lang­jäh­rige Trai­ner­stab um Oleg Blochin, der weiß wo es lang geht.

In den ver­gan­genen Monaten wurden vor allem nega­tive Nach­richten aus der Ukraine über­mit­telt. Hun­de­tö­tungen, die Haft­be­din­gungen von Julia Timo­schenko, Andro­hung von EM-Boy­kotten durch euro­päi­sche Spit­zen­po­li­tiker – wie schätzen Sie die aktu­elle Situa­tion in Ihrer Heimat ein?
Ich bin der Mei­nung, Politik und Sport darf nicht eng ver­bunden sein. Ich glaube, es ist die fal­sche Rich­tung, wenn Men­schen nicht zu einem Sport­event, einer Welt- oder Euro­pa­meis­ter­schaft fahren, weil ein Land sich so ver­hält. Doch muss man auch die anderen Mei­nungen akzep­tieren. Einen Boy­kott muss man nicht zwin­gend durch einen Nicht­be­such zeigen. Ich bei­spiels­weise boy­kot­tiere auch auf meine Art: Ich ver­zichte auf VIP-Karten, kaufe mir statt­dessen die ein­fa­chen Tickets und sitze in irgend­einem Eck des Sta­dions.

Kann die Euro­pa­meis­ter­schaft ähn­lich nach­hal­tige Spuren hin­ter­lassen wie die WM 2006 in Deutsch­land?
Hof­fent­lich. Nicht nur die Infra­struktur soll sich ver­bes­sern, son­dern auch das Ansehen in Europa. Die Besu­cher sollen die Ukraine als ein Land mit netten Leuten in Erin­ne­rung behalten. Wir sind ein junger Staat, gerade einmal zwanzig Jahre alt. Das wir ein so großes Tur­nier aus­richten können, ist groß­artig. Denn hierzu gehört ja nicht nur der Bau von Sta­dien, son­dern auch von Hotels, Straßen, öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und so weiter.

Theo­re­tisch könnte Deutsch­land im Halb­fi­nale auf die Ukraine treffen. Für welche Aus­wahl würden Sie dann die Daumen drü­cken?
Schade für Deutsch­land, aber ich bin Ukrainer (lacht). Ich bin natür­lich für mein Land. Doch müssen wir rea­lis­tisch sein, auch wenn es immer wieder Über­ra­schungen gab, wie 1992 Däne­mark oder 2004 Grie­chen­land. Wichtig ist, dass sich die Mann­schaft stets aufs Neue beweist und sich quält. Dann bin ich fest davon über­zeugt, dass uns eine Über­ra­schung gelingen kann.