Herr Golz, am Wochen­ende treffen Nürn­berg und Frei­burg auf­ein­ander. Am letzten Spieltag der Saison 1998/99 waren beide Mann­schaften Teil des dra­ma­tischsten Abstiegs-Show­downs der Bun­des­liga-His­torie. Der letzte Absteiger musste zwi­schen Stutt­gart, Ros­tock, Frank­furt, Nürn­berg und Ihrem SC Frei­burg ermit­telt werden. Welche Stim­mung herrschte vor dem Duell in Nürn­berg?

Wir waren uns dar­über im Klaren, dass wir dieses Spiel gewinnen mussten, wenn wir drin bleiben wollten. Und als wir in Nürn­berg ankamen, haben wir sofort gemerkt, dass sich die Nürn­berger ihrer Sache ziem­lich sicher waren. Von ein paar Leuten wurden wir schon vor dem Spiel zur gemein­samen Nichts­ab­stiegs­party ein­ge­laden.  



Hatten Sie das Gefühl, dass sich die Nürn­berger, die damals mit den besten Vor­aus­set­zungen aller fünf Mann­schaften in dieses Abstiegs­fi­nale gegangen sind, viel weniger mit einem mög­li­chen Abstieg aus­ein­ander gesetzt hatten? 

Die Nürn­berger haben die Situa­tion nicht ernst genommen. Die haben gar nicht genau gewusst, was sie an diesem Tag noch erwarten könnte. 

Damit Nürn­berg absteigt, hätte Bochum zuhause gegen Ros­tock ver­lieren und Ein­tracht Frank­furt gegen Kai­sers­lau­tern mit min­des­tens drei Toren Vor­sprung gewinnen müssen. Das war ziem­lich unwahr­schein­lich. Nun ent­wi­ckelte sich aber in den fol­genden 90 Minuten eine unfass­bare Dra­ma­turgie. Waren Sie im Sta­dion über die Zwi­schen­stände in Bochum und Frank­furt infor­miert?  

Ich habe da nicht viel mit­be­kommen. Für uns ging es nur darum, unsere Haus­auf­gaben zu machen, und daher war es uns nicht wichtig, was die anderen machen. Aber so wie dieses Spiel gelaufen ist, wussten die Nürn­berger wie es bei den anderen steht und dachten, dass ihnen selbst bei einer Nie­der­lage nicht mehr viel pas­sieren kann.Was eben auch daran lag, dass Frank­furt ein so schlechtes Tor­ver­hältnis hatte.  

Frei­burg hat schnell 2:0 geführt, doch selbst dieses Ergeb­nisse hätte beiden Mann­schaften lange Zeit gereicht. Gab es so etwas wie einen Nicht­an­griffs­pakt?

Ein biss­chen hat mich das irgend­wann schon an Deutsch­land-Öster­reich erin­nert. Beson­ders zum Ende des Spiels hin. Die Nürn­berger haben nicht so ein Wahn­sinn­s­pres­sing gespielt, dass man gedacht hätte, die tun jetzt alles dafür, noch den Aus­gleich zu erzielen. Sie haben viel mehr darauf geachtet, nicht noch einen dritten Gegen­treffer zu kas­sieren. Die waren schon der Mei­nung, so habe ich das emp­funden, das Ergebnis reicht.  

In der 89. Minute über­schlugen sich schließ­lich die Ereig­nisse. In Frank­furt traf Fjör­toft zum 5:1, Nürn­berg war plötz­lich abge­stiegen, und fast zeit­gleich taucht Frank Bau­mann frei vor Ihrem Tor auf und schiebt ihnen den Ball aus drei Metern in die Arme. Wie haben Sie diese Sekunden erlebt? 

Ich glaube, Nikl schießt gegen den Pfosten, der Ball prallt mir irgendwie gegen den Rücken und ist des­wegen auch nicht so weit weg­ge­sprungen. Ich bin dann sofort wieder hoch, weil ich gemerkt habe, dass der Ball noch in der Nähe ist. Ich habe aber gleich gesehen, dass das ein Schwei­ne­ball ist. 

Was meinen Sie damit?

Der Ball ist ein­fach ganz fies gehop­pelt. Natür­lich hat jeder auf der Tri­büne gedacht, dass Frank Bau­mann den machen muss. Aber das war ein undank­barer Ball. Mit ein biss­chen Rücken­lage schießt man den auf die Tri­büne. Das war auch mein erster Gedanke und ich wusste des­halb auch, dass ich noch eine gute Chance habe, diesen Ball zu bekommen, weil der eben nicht leicht zu nehmen war. Ich habe gedacht: Den krieg ich. 

Waren Sie sich eigent­lich bewusst, dass Sie Nürn­berg mit dieser Parade in die zweite Liga geschickt hatten? 

Nein, ich wusste nur, dass wir in jedem Fall drin geblieben sind. Als ich den Ball in der Hand hatte, war mir klar, dass jetzt nicht mehr viel schief­gehen konnte. Ich hatte ja keine Ahnung, was da in Frank­furt noch pas­siert war. 

Wann haben Sie vom Wahn­sinn in Frank­furt erfahren?

Nach dem Schluss­pfiff haben wir natür­lich erst einmal gefeiert, haben einen Kreis gemacht und dann kam unser unser Tor­wart­trainer Karsten Neitzel zu mir und sagte: »Wenn das Ding von Bau­mann rein­ge­gangen wäre und die Frank­furter noch ein Tor erzielt hätten, wären wir doch noch abge­stiegen.« Da wurde mir dann noch mal ein biss­chen mulmig. Ich habe dann auch den Jubel­kreis ver­lassen, weil ich das erst einmal alleine ver­dauen musste.Wir waren uns gar nicht bewusst, dass es so knapp war.  

Haben Sie mit Frank Bau­mann später noch einmal über diese Szene gespro­chen?

Richtig dar­über gespro­chen haben wir nie. Aber später, als er schon in Bremen war, hat er mal ein Tor gegen mich gemacht. Die Nürn­berger werden das anders sehen, aber wir beide waren danach jeden­falls quitt.