Werner Lorant, was ist Ihre frü­heste Erin­ne­rung an den Fuß­ball?

Das ist schon sehr, sehr lange her – Mitte der 50er Jahre. Ich bin auf dem Dorf auf­ge­wachsen, und wir haben viel gespielt, mit­ein­ander, gegen­ein­ander. Meine Vor­bilder waren Helmut Rahn und später Stan Libuda, tech­nisch über­ra­gende und tor­ge­fähr­liche Spieler.



Mit Ver­laub: Als Spieler galten Sie eher als Arbeiter denn als Tech­niker.

Das ist doch in Ord­nung. Ich bin ein Arbei­ter­kind und auch als Fuß­baller ein Arbeiter gewesen. In gewisser Hin­sicht muss jeder Fuß­baller arbeiten, sowohl die Talen­tierten als auch die weniger Talen­tierten – jeder nach seiner Ver­an­la­gung. Wichtig ist nur: Es muss ein Zusam­men­spiel sein. Dann funk­tio­niert das auch.

Im Gegen­satz zu jemandem, der mit Talent gesegnet ist, mussten Sie sich vieles im wahrsten Sinne des Wortes erar­beiten. Dazu braucht es Dis­zi­plin. Steckte diese Dis­zi­plin in Ihnen, oder mussten Sie sie sich ver­ordnen?

Es war ein Pro­zess. Früher spielten Dis­zi­plin und Ehr­geiz eine grö­ßere Rolle als heute. Heute kommen die Spie­ler­be­rater, sagen zu den jungen Spie­lern: Du bist ein Guter!“ und halten ihnen einen Ver­trag unter die Nase. Wir mussten uns früher erst einmal durch die nie­deren Klassen beißen.

Haben Sie mit den Ent­beh­rungen geha­dert, die Sie dafür in Kauf nehmen mussten?

Ich habe jeden Tag trai­niert oder gespielt. Wenn meine Freunde abends aus­gingen, musste ich passen. Aber ich habe nichts ent­behrt. Ich wollte ja Fuß­ball spielen, gut Fuß­ball spielen. Das war mein Leben.

Fühlen Sie sich heute als Trainer den Arbei­tern in Ihrer Mann­schaft näher als den Künst­lern?

Nein. Es muss, wie gesagt, ein Zusam­men­spiel sein. Der Arbeiter muss seine Arbeit machen und ver­su­chen, immer noch etwas dazu zu lernen. Und auch der hoch­be­gabte Tech­niker muss seinen Mög­lich­keiten ent­spre­chend arbeiten. Wenn das gegeben ist, habe ich mit den zwei ver­schie­denen Typen über­haupt kein Pro­blem.

Wann haben Sie erst­mals fest­ge­stellt, dass der Fuß­ball Ihr Lebens­in­halt werden könnte?

Das habe ich schon sehr früh gemerkt. Damals gab es ja nichts anderes als Fuß­ball. Und außerdem hat mir dieser Sport sehr viel Spaß gemacht. Ich liebe ihn über alles.

Wel­cher Trainer hat Sie beson­ders geprägt?

Branko Zebec. Ich habe ihn bei Ein­tracht Frank­furt erlebt. Er war sehr hart, aber ich per­sön­lich hatte mit ihm nie ein Pro­blem. Er hatte eine für mich sehr ange­nehme Art, wie er trai­nieren ließ, wie er die Spieler anfasste. Er hat nicht viel geredet – nur wenn es nötig war. Er hat von den Spie­lern erwartet, dass sie selb­ständig denken, und seine Vor­gaben gemacht. Wenn man sie erfüllt hatte, war man sein Spieler – wenn nicht, dann eben nicht.

Pro­fi­tieren Sie heute, da Sie selbst Trainer sind, noch von dieser Prä­gung?

Ein biss­chen schon. Natür­lich wird heute anders trai­niert. Und doch habe ich einige Übungen behalten, die sehr anstren­gend sind und die man in gewissen Situa­tionen anwendet, zum Bei­spiel, wenn eine große Wil­lens­kraft gefor­dert ist.

Viele sagen, das sei unmo­dern.

Für mich gibt es weder modernes noch unmo­dernes Trai­ning, für mich gibt es nur Trai­ning. Wenn ein Spieler mal über seine Schmerz­grenze hin­aus­gehen muss, ist das doch nicht zuviel ver­langt – bei den Gehäl­tern! Man muss für sein Geld etwas leisten, für seine Ziele, für den Verein und für die Leute, die da sitzen und zuschauen. Dafür ist eine gewisse Härte erfor­der­lich. Mit Weich­heit und Angst wird nie­mand seine Ziele errei­chen.

Wo liegen die größten Unter­schiede zwi­schen Ihrer aktiven Zeit und heute?

Heute ist alles moderner. Das fängt beim Ball an, bei den Schuhen und der Klei­dung. Das ist alles viel besser geworden. Und es geht bei der Logistik weiter. Früher sind wir von Braun­schweig nach Saar­brü­cken mit dem Bus gefahren. Das war normal. Heute wird selbst­ver­ständ­lich geflogen. Das kommt natür­lich der Rege­ne­ra­tion zu Gute. Doch die Spieler dürfen dabei nicht ver­gessen, dass sie arbeiten müssen, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und ich als Trainer muss ihnen das ver­mit­teln.

Ihre Ein­stel­lung zum Beruf und Ihre Hal­tung gegen­über den Spie­lern sind von den Medien oft­mals unter dem Stich­wort Werner Bein­hart“ belä­chelt worden.

Mit Kli­schees muss ich leben. Ich kann nur sagen: Meine Spieler haben bei mir ein gutes Leben. Ich ver­mit­tele Ihnen den nötigen Willen. Schauen Sie doch, wie viele Jugend­liche auf den Straßen rum­gam­meln. Wie viel Frei­zeit die haben! Was da ange­stellt wird!

Sie sehen sich also auch als Päd­agoge.

Natür­lich! Das gehört dazu. Man muss den Spie­lern erklären, warum sie etwas genau jetzt tun müssen und welche Effekte das in der Zukunft haben wird. Jeder tut es für sich, und wenn er es tut, dann pro­fi­tiert die Mann­schaft davon.

Dabei haben Sie doch einmal gesagt: Warum soll ich mit den Spie­lern reden? Ich bin doch kein Pfarrer.“

Man lernt dazu. Das bringt die Zeit mit sich. Ich habe viel aus meiner Zeit im Aus­land mit­ge­nommen. Wenn ein Spieler mit mir spre­chen möchte, kann er immer an meine Tür klopfen.

Worin ent­spricht die öffent­liche Person Werner Lorant dem Pri­vat­men­schen?

Privat bin ich ganz anders, viel ent­spannter. Im Job muss ich Leis­tung bringen und erwarten – für den Verein, der mir das Ver­trauen gegeben hat. Ich muss etwas zurück­geben, so funk­tio­niert mein Job. Es ist das Schlimmste im Leben, wenn man Men­schen ent­täuscht.

Einige ihrer Kol­legen sagen von sich, sie dächten unun­ter­bro­chen an den Fuß­ball. Ottmar Hitz­feld äußerte vor kurzem sogar Sorgen um seine Gesund­heit. Wie schaffen Sie es abzu­schalten?

Das kann ich sehr gut. Es ist auch das Wich­tigste, abschalten zu können. Wäh­rend ich in meinem Auto sitze und die 40 Minuten nach Hause fahre, ver­ar­beite ich alles, und wenn ich ange­kommen bin, schalte ich ab. Wenn man das nicht tut, bekommt man ein Pro­blem.

Ist es wichtig, Men­schen um sich zu haben, die nichts mit dem Geschäft zu tun haben?

Das ist das Aller­wich­tigste! Ich kann nicht den ganzen Tag über Fuß­ball spre­chen. Dann bleibt etwas anderes auf der Strecke.

Nun waren Sie in den letzten Jahren im Aus­land unter­wegs, im Iran, in Süd-Korea, auf Zypern und in der Türkei. Wie hat das Abschalten dort funk­tio­niert, wo Ihnen das soziale Umfeld fehlte?

Im Aus­land gibt es vieles Neues, Inter­es­santes. Da wird es nie lang­weilig, und man hat genug Ablen­kung. Des­wegen habe ich Zypern auch so früh wieder ver­lassen: Zypern ist aus meiner Sicht eine Feri­en­insel, alle dort denken nur an Urlaub. Das war nicht meine Welt.

Kamen Sie sich in den Jahren im Aus­land vor wie im Exil? Haben Sie die Bun­des­liga ver­misst?

Nein, über­haupt nicht. Ich hatte auch im Aus­land großen Erfolg. In Süd-Korea habe ich eine neue Mann­schaft auf­ge­baut und bin sofort Tabel­len­dritter geworden, auf Zypern Vize­meister, mit Fener­bahce zweimal Zweiter und mit Siv­asspor als Auf­steiger immerhin Achter.

Gab es den­noch Momente, in denen Sie dachten: Mein Gott, wo bin ich denn hier gelandet?“

Ja, selbst­ver­ständ­lich. Zum Bei­spiel in der Türkei, da war am Anfang alles durch­ein­ander. Wenn man dann die Sprache nicht per­fekt beherrscht, hat man grö­ßere Pro­bleme. In Deutsch­land fällt mir gerade die Kom­mu­ni­ka­tion wesent­lich leichter.

Was war das fremd­ar­tigste Erlebnis?

Als ich in Korea Hund essen sollte. Das ist kul­tu­rell bedingt und ja eigent­lich nichts Nega­tives. Es gibt dort sogar Hun­de­re­stau­rants. Wenn die Koreaner Hunger haben, essen sie Hund. Aber für mich als Euro­päer ist das schon ein komi­scher Gedanke. Ich kann da nicht mit­gehen. Ich habe schließ­lich selbst einen Hund zu Hause.

Nun sind Sie wieder in Mün­chen. Haben Sie sich schon mit Herrn Wild­moser, dem ehe­ma­ligen Prä­si­denten von 1860 und ihrem Arbeit­geber bis 2001, auf einen Espresso getroffen?

Mit Herrn Wild­moser Junior habe ich schon einmal ganz kurz auf einen Espresso getroffen. Mit Senior noch nicht.

Wie lang hat es gedauert, die Zeit bei 1860 und das ent­täu­schende Ende hinter Ihnen zu lassen?

Das habe ich sofort abge­hakt. So ist es nun mal im Fuß­ball. Aber schauen wir noch mal zurück: Es ist alles ein­ge­troffen, was ich gesagt habe. Ich habe immer gesagt: Was nützt uns das neue Sta­dion, wenn wir dort keine Mann­schaft haben, mit der wir gewinnen? Für die Stadt Mün­chen ist das neue Sta­dion natür­lich sehr wichtig, es ist ein schönes Sta­dion, ein Klas­se­sta­dion geworden. Aber für einen Verein wie 1860 muss die Mann­schaft immer wich­tiger sein als das Sta­dion. Das habe ich gesagt, und man hat mir nicht geglaubt. Ich war der Böse.

Nun haben Sie die neue Auf­gabe in Unter­ha­ching ange­nommen. Ist sie für Sie als Löwen-Mit­glied ein Spagat?

Natür­lich schlägt mein Herz immer noch für die Löwen, das ist doch ganz normal. Genauso wie für Rot-Weiß Essen, Ein­tracht Frank­furt, Han­nover 96, Schwein­furt, Aschaf­fen­burg und all die anderen Ver­eine, für die ich gear­beitet habe. Ich kann dort immer wieder hin­gehen, und alle freuen sich. Aber im Fuß­ball zählt nur die Gegen­wart, alles andere muss man abhaken. Jetzt schlägt mein Herz für Unter­ha­ching. Wenn der Verein auch klein ist, er ist sehr gut orga­ni­siert und erfüllt alle Ansprüche. Nur das i‑Tüpfelchen muss jetzt noch hin­zu­kommen: der sport­liche Erfolg, der Klas­sen­er­halt.

Wie lernen Sie denn eine Mann­schaft kennen? Lassen Sie sich infor­mieren, oder machen Sie sich lieber selbst ein Bild?

Ich lasse mich nicht von Dritten infor­mieren. Ich bin sowieso im Bilde, auch wenn ich im Aus­land gear­beitet habe. Man darf sich nicht viel erzählen lassen, man muss sich das selbst anschauen – auch wenn man kurz­fristig einen Verein über­nimmt und nicht sehr viel Zeit hat.

Wie haben Sie die Mann­schaft im ersten Moment ange­spro­chen?

Ich habe den Jungs erklärt, was sie tun müssen, um min­des­tens Fünft­letzter zu werden. Näm­lich arbeiten.

Eine Ihrer ersten Maß­nahmen war das Müt­zen­verbot beim Trai­ning.

Es kann doch nicht angehen, dass die Jungs im Früh­ling Mützen tragen! So kalt ist es in Deutsch­land nicht. Das ist alles nur Show. Man kann auch nicht mit einer Mütze spielen, wenn es um Punkte geht. Dann bleibt der Kopf auch kalt.

So konnten Sie gleich ein Zei­chen setzen.

Es geht nicht um Zei­chen. Mützen gibt’s bei mir nicht. Ich selbst stehe nur am Rand und kann mich nicht bewegen, weil ich die Jungs beob­achte. Ganz selten trage ich mal Hand­schuhe, weil ich aus meiner Kind­heit noch weiß, wie weh kalte Finger tun können. Aber ich trage auch immer Fuß­ball­schuhe – und keine Moon­boots. Und nie eine Mütze.

Ihr Kol­lege Jörg Berger meint, dass ein Trainer eigent­lich sagen könne, was er will. Das Selbst­ver­trauen müssten sich die Spieler auf dem Platz holen.

Berger hat nicht ganz Recht. Natür­lich holen sie sich das Selbst­ver­trauen auf dem Platz.
Aber ich muss die Spieler antreiben und ver­hin­dern, dass sie sich ver­ste­cken. Wer es trotzdem tut, findet sich auf der Tri­büne wieder. Hier in Unter­ha­ching haben bis­lang aber alle gut mit­ge­zogen.

Suchen Sie in einer sol­chen Situa­tion auch einmal das Ein­zel­ge­spräch?

Es gibt Spieler, mit denen kann man tage­lang spre­chen, und es bringt nichts. Andere brau­chen Strei­chel­ein­heiten, wieder andere eine extreme Ansprache, die sie moti­viert.

Es kann ver­schie­dene Gründe haben, warum Spieler in eine Form­krise geraten. Inter­es­sieren Sie sich für die pri­vaten Umstände Ihrer Spieler?

Wie gesagt: Wenn ein Spieler mit mir reden möchte, kann er an meine Tür klopfen. Ich habe hier einen wun­der­schönen Raum. Wenn sein Kind krank ist und er des­halb morgen lieber zu Hause bleiben möchte – gar kein Pro­blem. Aber mich belügen darf keiner! Wenn einer ver­schlafen hat, kriegt er seine Extra­por­tion Trai­ning, und die Sache ist gegessen. Wenn er aber sagt: Trainer, ich stand im Stau“, und ich bin die­selbe Strecke gefahren und weiß, da war gar kein Stau, dann lernt er mich kennen.

Trotz aller Maß­nahmen ging das erste Spiel in Ihrer Amts­zeit mit 1:4 gegen Burg­hausen ver­loren.

Das ist bei mir immer so. Mit dem neuen Verein ver­liere ich immer das erste Spiel. Natür­lich ärgert mich das, aber ich habe das Poten­zial der Mann­schaft erkannt. Und des­halb hatte ich Hoff­nung.

Zu Recht. Es folgten ein Remis und zwei Siege. Doch das Rest­pro­gramm ist hart: Sie müssen gegen Fürth, 1860, den KSC und Hansa Ros­tock antreten.

Ja, ist doch wun­derbar! Das sind vier Final­spiele für uns. Wir haben sehr großen Respekt, aber keine Angst.

Mit wel­chem Gefühl fahren Sie zum Spiel gegen 1860?

Das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Ich freue mich, in diesem schönen Sta­dion mal nicht nur auf der Tri­büne zu sitzen, son­dern unten als Trainer zu stehen. Nur was nutzt das, wenn das Ergebnis nicht stimmt?

Wenn der Klas­sen­er­halt gelingen sollte, was sind dann ihre mit­tel­fris­tigen Ziele als Trainer in Unter­ha­ching?

Das weiß ich nicht. Ich habe noch genug Ehr­geiz, etwas zu errei­chen. Ent­weder hier oder woan­ders. Aber ich bin kein junger Trainer mehr und mache mir keinen Stress. Ich brauche keine Ver­träge über meh­rere Jahre mehr. Das ist das, was ich in 10 Jahren bei 1860 gelernt habe: Wenn du dran bist, schmeißen sie dich eh’ raus.

Apropos junge Trainer, Herr Lorant: Fühlen Sie sich manchmal wie ein Fossil in Mitten der neuen Trai­ner­ge­nera­tion?

Das inter­es­siert mich nicht. Für mich ist es ent­schei­dend, dass ich in den Spiegel gucke und weiß, dass ich Spaß an meinem Beruf habe. Und wirk­lich: Ich habe unheim­lich viel Spaß.