Seite 3: „Gareth Bale ist total bodenständig“

Wie erlebten Sie das Tor zum 1:0?
Puuh, was ein Lärm. Erst wurde es laut, weil Knolli aufs Tor köpfte. Der Pegel ging runter, weil der Ball an den Pfosten flog. Dann sprang Dimmi mutig hinein, gegen zwei Abwehr­beine, und ver­senkte den Ball. Das Sta­dion tobte und ich rannte von hinten zu ihm zur Eck­fahne. Ich war so los­ge­löst, dass ich beim Zurück­laufen richtig k.o. war.

Als Der­by­sieger haben Sie Geschichte geschrieben. Bleiben Sie also beim FC St. Pauli?
Das weiß ich noch nicht und lasse alles auf mich zukommen. Ich bin erst einmal nur ein Jahr aus­ge­liehen, die Klubs Ander­lecht und St. Pauli müssen das mit­ein­ander aus­ma­chen. Ich will hier erst einmal die Zeit bis zum Sommer genießen.

Seit ver­gan­genem Jahr sind Sie wali­si­scher Natio­nal­spieler. Stimmt die Geschichte, dass das auch mit einer Mail Ihres Vaters zusammen hing?
Ja, mein Vater schreibt gerne Mails. Wäh­rend meiner Zeit in der Slo­wakei mel­dete er dem wali­si­schen Ver­band, dass ich wegen meiner Oma auch für Wales spielen könnte. Als ich dann nach Ander­lecht wech­selte, fingen der Natio­nal­trainer Ryan Giggs und sein Assis­tent an, mich zu beob­achten. Ich hätte tat­säch­lich auch für Süd­afrika spielen können, weil mein Opa aus dem Land stammt.

Vor Ihrer ersten Beru­fung hatten Sie Wales noch nie besucht.
Ja, das ist die Schuld meiner Eltern. (Lächelt.) Meine Oma ist auch recht früh von Wales nach Eng­land gezogen. Unter den wali­si­schen Fans ist das manchmal ein heiß dis­ku­tiertes Thema, dass einige Natio­nal­spieler wie ich eigent­lich aus Eng­land stammen. Doch ich finde: Wenn du alles für das Land gibst und dich rein­haust, sehen dich die Leute auch als einen der ihren an.

Wie läuft die Arbeit mit Ryan Giggs und Gareth Bale ab?
Giggs ist total nett. Bei unserem ersten Treffen haben wir lange mit­ein­ander geplau­dert, nicht nur über den Fuß­ball. Als ich mich kürz­lich ver­letzte, rief er mich an und gab mir Rat­schläge für den Umgang damit. Das war nicht selbst­ver­ständ­lich. Und Gareth ist wirk­lich ein sehr boden­stän­diger und freund­li­cher Kerl, der die Zeit mit dem Natio­nal­team ein­fach genießt, weil er mit vielen Freunden von früher zusammen sein kann.

Giggs, Bale, Berg­kamp, Cruyff, dazu spielten Sie in der Jugend mit Harry Kane. Ihr Weg und die vielen zufäl­ligen Begeg­nungen erin­nern etwas an For­rest Gump.
(Lacht.) Ja, irgendwie habe ich Glück, so viele groß­ar­tige Spieler und Idole zu treffen.

Braucht eine Kar­riere also immer Glück – und E‑Mails des Vaters?
Jeder Profi wird sagen, dass er an der einen oder anderen Stelle Glück hatte. Du musst zur rich­tigen Zeit am rich­tigen Ort sein; dazu müssen die rich­tigen Leute das mit­be­kommen. Gleich­zeitig bedarf es des eigenen Wil­lens und der Bereit­schaft, in solche Lagen zu kommen. Wenn du bereit bist, kommt der Rest von alleine. Ein wei­teres Bei­spiel: Es war Zufall, dass der Sport­di­rektor von Ander­lecht (Frank Arnesen) Ham­burg kannte und St. Pauli schätzte. Sonst wäre ich wohl nicht hier. Aber ich habe mich auch bewusst auf dieses Aben­teuer ein­ge­lassen.

Drei schnelle Fragen zum Schluss. Sie sind viel her­um­ge­kommen in der Fuß­ball­welt, wo herrscht die beste Sta­di­on­at­mo­sphäre?
Auf St. Pauli, ohne Zweifel. Ich habe mal aus­wärts bei Feye­noord gespielt, da ging es auch krass ab. Aller­dings war das für mich als Spieler der geg­ne­ri­schen Mann­schaft nicht so ange­nehm.

Welche Liga ist die här­teste?
Auch da gibt es eine klare Ant­wort: die slo­wa­ki­sche. Was die Schieds­richter dort für Tack­lings durch­gehen lassen, ist schon heftig. Es war teil­weise sehr brutal. In Bel­gien geht es ath­le­tisch zu, in Hol­land spie­le­risch und Deutsch­land ist so ein Mix daraus.

Welche deut­sche Eigenart finden Sie kurios?
Dieses An-der-Ampel-Stehen. Kein Mensch geht hier bei rot über die Straße, das ist in Eng­land kom­plett anders. Letz­tens stand ich mit zehn Leuten an einer Kreu­zung und kein Auto kam. Ich wollte die ganze Zeit über die Straße gehen, aber konnte mich im letzten Moment bremsen. Die Deut­schen war­teten in aller See­len­ruhe, bis die Ampel auf grün sprang.