Seite 2: „Mein Regulator im Herz setzte aus“

Sie stu­dierten später am Johan Cruyff Institut“ Sport­ma­nage­ment neben dem Fuß­ball. Wie war dieses Pensum mög­lich?
Die Kurse fanden zum Glück immer abends statt. Aber klar, das war schon stressig und ich bin auch mal mit­ten­drin ein­ge­schlafen. Da aber an diesem Institut viele Leis­tungs­sportler stu­dierten, waren die Dozenten nach­sichtig. Ich habe mich mit Edith Bosch ange­freundet, der Silber-Olym­pia­sie­gerin im Judo. Sie besucht mich auch bald in Ham­burg. Auch mit der Paralym­pics-Sie­gerin im Tennis, Esther Ver­geer, habe ich mich aus­ge­tauscht. Sie beide sind in ihren Dis­zi­plinen her­aus­ra­gend und haben mir erzählt, wie sie sich mental auf ihre Wett­kämpfe vor­be­reiten. Ich habe viel von ihnen gelernt.

Ihre Lauf­bahn stand einmal auf der Kippe. Sie mussten sich einer Ope­ra­tion am Herzen unter­ziehen.
Beim Warm­ma­chen vor einem Spiel mit Ajax spürte ich, wie mein Herz­schlag immer schneller wurde. Ich wandte mich an einen der Trainer und drückte seinen Arm an meine Brust, damit er das Pochen fühlt. Er sagte nur: Da stimmt etwas nicht.“ Ich sagte: Das glaube ich aber auch.“ Die Ärzte stellten fest, dass bei mir eine Herz­wand ange­schwollen war und auf den AV-Knoten drückte. Dieser Knoten regu­liert deinen Herz­schlag. Bei mir setzte der Regu­lator aus, wenn ich mich anstrengte. Nor­ma­ler­weise geht dein Puls auf 180, wenn du dich anstrengst. Bei mir sprang er dann von 180 auf 240. Ich musste mich hin­setzen und erst einmal nach Luft schnappen.

Wie gefähr­lich war diese Situa­tion für Sie?
Es war nie lebens­be­droh­lich, im Alltag hatte ich keine Pro­bleme. Tat­säch­lich leiden sehr viele Men­schen unter dieser soge­nannten Tachy­kardie“, ohne es zu wissen, weil sie eben keine Leis­tungs­sportler sind. Einige Wochen nach mir wurde bei unserem Links­ver­tei­diger die gleiche Erkran­kung fest­ge­stellt. Aller­dings befand sich diese ver­grö­ßerte Herz­wand bei ihm näher am Herz selbst, wodurch eine Behand­lung mit Laser zu gefähr­lich wurde. Er musste seine Kar­riere beenden, bei mir konnten die Ärzte pro­blemlos ein­greifen.

Das heißt: Es ging um einige Zen­ti­meter am Herzen, sonst hätten Sie mit dem Fuß­ball auf­hören müssen.
Genau. Bei mir bestand keine Gefahr, dass das Herz und dieser besagte Knoten durch die OP beein­träch­tigt werden. Alles ver­lief bes­tens und heute besteht bei mir auch null Risiko.

Warum gingen Sie 2014 aus­ge­rechnet in die Slo­wakei?
Das muss sich für Außen­ste­hende sehr seltsam anhören, stimmt. Nun: Der slo­wa­ki­sche Klub Trencin hatte einen nie­der­län­di­schen Besitzer, der die Ajax-Jugend genau ver­folgte. Als ich dann das Angebot bekam, fas­zi­nierte mich vor allem die Aus­sicht auf Euro­pa­po­kal­spiele und auf einen Stamm­platz in einer ersten Liga – egal wo. Bei Ajax kam ich damals nicht auf meine Ein­satz­zeiten, so war die Zeit in der Slo­wakei eine Mög­lich­keit, im Pro­fi­ge­schäft Fuß zu fassen. Ich dachte: Komm, pro­biere es mal.

Das klingt so gar nicht mehr nach dem schüch­ternen Jungen in Haarlem.
Ja, ich habe mich da wirk­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Heute kann ich mich überall schnell ein­finden und anpassen.

Tat­säch­lich wun­dern sich auf St. Pauli viele Fans, wie schnell Sie hier zurecht­ge­kommen sind. Gleich in Ihrem ersten Spiel haben Sie getroffen.
Nun gut, das war auch kein Dribb­ling durch fünf Gegen­spieler und ein Schuss in den Winkel, son­dern ein simpler Kopf­ball. (Lacht.) Für mich war der Sieg an sich viel wich­tiger, um etwas Druck vom Kessel zu nehmen. Zwar hatten uns bis dahin die Punkte gefehlt, aber die Mann­schaft selbst war total von sich über­zeugt. An meinem ersten Tag beim Medi­zin­check habe ich durch Zufall Mats Møller Dæhli getroffen und er meinte: Wir wissen, was wir tun. Wir sind gut drauf, uns fehlt nur das letzte Quänt­chen Glück. Dann läuft alles wieder.“ Er sollte Recht behalten.

Wenig später gewannen Sie auch das Derby. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an das Spiel?
Mir kommen direkt die ersten zehn Minuten in den Sinn. Da waren wir fuß­bal­le­risch nicht sehr gut, aber wir haben ihnen direkt den Schneid abge­kauft. Zu Beginn hatte der HSV einen Ein­wurf, ihr Stürmer sollte den Ball mit der Brust annehmen, doch ich ging dazwi­schen und köpfte ihn weg. Der Stürmer sah mich ver­dutzt an, da machte ich ihm klar: Oh yeah. So wird das hier laufen. Ich bin da – und ich werde das ganze Spiel da sein.“ So waren wir alle drauf. Wir kämpften um jeden Ball.