Eine gekürzte Form des Inter­views erschien in 11FREUNDE #216. Online erschien das Gespräch erst­mals im November 2019. Im Sommer 2020 kehrte Law­rence für einige Monate zurück nach Ander­lecht, Anfang Oktober hat St. Pauli den Innen­ver­tei­diger dann fest ver­pflichtet.

James Law­rence, ver­danken Sie Ihre Kar­riere einer E‑Mail Ihres Vaters?
Zumin­dest hat er mir damit sehr geholfen. Als ich 15 Jahre alt war, nahm meine Mutter einen Job in den Nie­der­landen an. Mein Vater und mein Bruder pen­delten mehr oder weniger zwi­schen unserer Heimat London und Ams­terdam. Es war nicht ganz klar, wo ich bleiben sollte. Mein Vater schrieb sämt­liche Fuß­ball­klubs in der Nähe von Ams­terdam an und berich­tete ihnen, dass ich in der Jugend bei Arsenal gespielt hatte. Der Verein Haarlem mel­dete sich zurück und bot mir ein Pro­be­trai­ning an. Ich selbst war aber skep­tisch.

Sie wollten zurück nach London?
Nein, es war eher so, dass ich damals noch zu schüch­tern war. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache – das war etwas viel für mich. Mein Vater musste mich über­reden. Tat­säch­lich hat es mir dann großen Spaß bereitet und ich blieb über den Sommer hinaus beim Verein. Glück­li­cher­weise arbei­teten ein Scout und der Sport­di­rektor des Klubs auch bei Ajax Ams­terdam. Sie haben mich gleich dorthin mit­ge­nommen.

Sie sollen bei Ajax auf Dennis Berg­kamp getroffen sein.
Ja, ohne es so richtig zu ahnen. Ich spielte einige Freund­schafts­spiele mit der Ajax-Jugend, Berg­kamp musste gleich­zeitig für seinen Trai­ner­schein Erfah­rung als Coach sam­meln. Ich saß also in der Kabine, als plötz­lich dieses Idol meiner Kind­heit her­ein­spa­zierte. Für meine Mit­spieler war das normal, sie sagten Hi, Trainer“ oder Hi, Dennis“. Doch ich blieb sitzen und bekam kein Wort heraus. Ich stot­terte selbst beim Hi“. Als lang­jäh­riger Fan von Arsenal konnte ich nicht glauben, wer da vor mir stand.

Hat Berg­kamp im Trai­ning mal mit­ge­spielt?
Oh ja. Und die Tor­hüter haben es gehasst. Bei den Tor­schus­s­übungen haute er jeden Ball in den Winkel. Glauben Sie mir, ich über­treibe nicht: jeden! Wir bekamen als junge Spieler einen Ein­druck davon, wie Welt­klasse im Fuß­ball aus­sieht.

Wie kamen Sie in den Nie­der­landen zurecht?
Der Fuß­ball war kom­plett anders, als ich ihn aus Eng­land kannte. Bei meinem letzten Klub QPR hatte ich Pro­bleme mit dem Trainer. Ich bin neu­gierig gewesen, habe Nach­fragen gestellt und Abläufe hin­ter­fragt, weil meine Eltern es mir so bei­gebracht hatten. Der Trainer aller­dings sah seine Auto­rität infrage gestellt und meinte: Du machst es so, weil ich es dir sage.“ In den Nie­der­landen hin­gegen wird von den Jugend­li­chen selbst­stän­diges Denken erwartet. Da kor­ri­gieren sich die Spieler unter­ein­ander. Tak­tisch musste ich unglaub­lich viel auf­holen.

Warum?
Bei Ajax werden alle Spieler mit dem 4 – 3‑3-System groß. Sie wissen genau, wie man sich in den Räumen bewegt, wie man auf das Pres­sing des Geg­ners reagiert, wie das Spiel von hinten auf­ge­baut wird. Jeder Ein­zelne ist tak­tisch gut geschult, für mich waren das echte Lehr­jahre. Genau zu dieser Zeit erlebte ich einen Wachs­tums­schub und die Trainer zogen mich vom Mit­tel­feld auf die linke Ver­tei­di­ger­po­si­tion oder auf die Innen­ver­tei­di­gung zurück. Das war ent­schei­dend für meinen wei­teren Weg.

Haben Sie auch die Ajax-Ikone Johan Cruyff getroffen?
Meh­rere Male. Das erste Treffen war beson­ders kurios. Ich arbei­tete als Vol­un­teer für seine Stif­tung, küm­merte mich um Kinder mit Han­dicap. Eines Tages waren schon alle anderen gegangen, ich lief noch einmal durch die Halle. Dann setzte ich mich in einen der leeren Roll­stühle, lehnte mich zurück, sodass ich auf zwei Rädern stand, und fing in dieser Posi­tion an, einen Fuß­ball zu jon­glieren. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie ein Mann mich beob­ach­tete. Mir fiel der Ball hin und der Mann kam näher. Er sagte: Junge, wenn etwas nicht klappt, musst du es weiter pro­bieren.“ Und ich dachte mir: Ok, wenn jemand wie Johan Cruyff das sagt, muss etwas dran sein.

Sie stu­dierten später am Johan Cruyff Institut“ Sport­ma­nage­ment neben dem Fuß­ball. Wie war dieses Pensum mög­lich?
Die Kurse fanden zum Glück immer abends statt. Aber klar, das war schon stressig und ich bin auch mal mit­ten­drin ein­ge­schlafen. Da aber an diesem Institut viele Leis­tungs­sportler stu­dierten, waren die Dozenten nach­sichtig. Ich habe mich mit Edith Bosch ange­freundet, der Silber-Olym­pia­sie­gerin im Judo. Sie besucht mich auch bald in Ham­burg. Auch mit der Paralym­pics-Sie­gerin im Tennis, Esther Ver­geer, habe ich mich aus­ge­tauscht. Sie beide sind in ihren Dis­zi­plinen her­aus­ra­gend und haben mir erzählt, wie sie sich mental auf ihre Wett­kämpfe vor­be­reiten. Ich habe viel von ihnen gelernt.

Ihre Lauf­bahn stand einmal auf der Kippe. Sie mussten sich einer Ope­ra­tion am Herzen unter­ziehen.
Beim Warm­ma­chen vor einem Spiel mit Ajax spürte ich, wie mein Herz­schlag immer schneller wurde. Ich wandte mich an einen der Trainer und drückte seinen Arm an meine Brust, damit er das Pochen fühlt. Er sagte nur: Da stimmt etwas nicht.“ Ich sagte: Das glaube ich aber auch.“ Die Ärzte stellten fest, dass bei mir eine Herz­wand ange­schwollen war und auf den AV-Knoten drückte. Dieser Knoten regu­liert deinen Herz­schlag. Bei mir setzte der Regu­lator aus, wenn ich mich anstrengte. Nor­ma­ler­weise geht dein Puls auf 180, wenn du dich anstrengst. Bei mir sprang er dann von 180 auf 240. Ich musste mich hin­setzen und erst einmal nach Luft schnappen.

Wie gefähr­lich war diese Situa­tion für Sie?
Es war nie lebens­be­droh­lich, im Alltag hatte ich keine Pro­bleme. Tat­säch­lich leiden sehr viele Men­schen unter dieser soge­nannten Tachy­kardie“, ohne es zu wissen, weil sie eben keine Leis­tungs­sportler sind. Einige Wochen nach mir wurde bei unserem Links­ver­tei­diger die gleiche Erkran­kung fest­ge­stellt. Aller­dings befand sich diese ver­grö­ßerte Herz­wand bei ihm näher am Herz selbst, wodurch eine Behand­lung mit Laser zu gefähr­lich wurde. Er musste seine Kar­riere beenden, bei mir konnten die Ärzte pro­blemlos ein­greifen.

Das heißt: Es ging um einige Zen­ti­meter am Herzen, sonst hätten Sie mit dem Fuß­ball auf­hören müssen.
Genau. Bei mir bestand keine Gefahr, dass das Herz und dieser besagte Knoten durch die OP beein­träch­tigt werden. Alles ver­lief bes­tens und heute besteht bei mir auch null Risiko.

Warum gingen Sie 2014 aus­ge­rechnet in die Slo­wakei?
Das muss sich für Außen­ste­hende sehr seltsam anhören, stimmt. Nun: Der slo­wa­ki­sche Klub Trencin hatte einen nie­der­län­di­schen Besitzer, der die Ajax-Jugend genau ver­folgte. Als ich dann das Angebot bekam, fas­zi­nierte mich vor allem die Aus­sicht auf Euro­pa­po­kal­spiele und auf einen Stamm­platz in einer ersten Liga – egal wo. Bei Ajax kam ich damals nicht auf meine Ein­satz­zeiten, so war die Zeit in der Slo­wakei eine Mög­lich­keit, im Pro­fi­ge­schäft Fuß zu fassen. Ich dachte: Komm, pro­biere es mal.

Das klingt so gar nicht mehr nach dem schüch­ternen Jungen in Haarlem.
Ja, ich habe mich da wirk­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Heute kann ich mich überall schnell ein­finden und anpassen.

Tat­säch­lich wun­dern sich auf St. Pauli viele Fans, wie schnell Sie hier zurecht­ge­kommen sind. Gleich in Ihrem ersten Spiel haben Sie getroffen.
Nun gut, das war auch kein Dribb­ling durch fünf Gegen­spieler und ein Schuss in den Winkel, son­dern ein simpler Kopf­ball. (Lacht.) Für mich war der Sieg an sich viel wich­tiger, um etwas Druck vom Kessel zu nehmen. Zwar hatten uns bis dahin die Punkte gefehlt, aber die Mann­schaft selbst war total von sich über­zeugt. An meinem ersten Tag beim Medi­zin­check habe ich durch Zufall Mats Møller Dæhli getroffen und er meinte: Wir wissen, was wir tun. Wir sind gut drauf, uns fehlt nur das letzte Quänt­chen Glück. Dann läuft alles wieder.“ Er sollte Recht behalten.

Wenig später gewannen Sie auch das Derby. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an das Spiel?
Mir kommen direkt die ersten zehn Minuten in den Sinn. Da waren wir fuß­bal­le­risch nicht sehr gut, aber wir haben ihnen direkt den Schneid abge­kauft. Zu Beginn hatte der HSV einen Ein­wurf, ihr Stürmer sollte den Ball mit der Brust annehmen, doch ich ging dazwi­schen und köpfte ihn weg. Der Stürmer sah mich ver­dutzt an, da machte ich ihm klar: Oh yeah. So wird das hier laufen. Ich bin da – und ich werde das ganze Spiel da sein.“ So waren wir alle drauf. Wir kämpften um jeden Ball.

Wie erlebten Sie das Tor zum 1:0?
Puuh, was ein Lärm. Erst wurde es laut, weil Knolli aufs Tor köpfte. Der Pegel ging runter, weil der Ball an den Pfosten flog. Dann sprang Dimmi mutig hinein, gegen zwei Abwehr­beine, und ver­senkte den Ball. Das Sta­dion tobte und ich rannte von hinten zu ihm zur Eck­fahne. Ich war so los­ge­löst, dass ich beim Zurück­laufen richtig k.o. war.

Als Der­by­sieger haben Sie Geschichte geschrieben. Bleiben Sie also beim FC St. Pauli?
Das weiß ich noch nicht und lasse alles auf mich zukommen. Ich bin erst einmal nur ein Jahr aus­ge­liehen, die Klubs Ander­lecht und St. Pauli müssen das mit­ein­ander aus­ma­chen. Ich will hier erst einmal die Zeit bis zum Sommer genießen.

Seit ver­gan­genem Jahr sind Sie wali­si­scher Natio­nal­spieler. Stimmt die Geschichte, dass das auch mit einer Mail Ihres Vaters zusammen hing?
Ja, mein Vater schreibt gerne Mails. Wäh­rend meiner Zeit in der Slo­wakei mel­dete er dem wali­si­schen Ver­band, dass ich wegen meiner Oma auch für Wales spielen könnte. Als ich dann nach Ander­lecht wech­selte, fingen der Natio­nal­trainer Ryan Giggs und sein Assis­tent an, mich zu beob­achten. Ich hätte tat­säch­lich auch für Süd­afrika spielen können, weil mein Opa aus dem Land stammt.

Vor Ihrer ersten Beru­fung hatten Sie Wales noch nie besucht.
Ja, das ist die Schuld meiner Eltern. (Lächelt.) Meine Oma ist auch recht früh von Wales nach Eng­land gezogen. Unter den wali­si­schen Fans ist das manchmal ein heiß dis­ku­tiertes Thema, dass einige Natio­nal­spieler wie ich eigent­lich aus Eng­land stammen. Doch ich finde: Wenn du alles für das Land gibst und dich rein­haust, sehen dich die Leute auch als einen der ihren an.

Wie läuft die Arbeit mit Ryan Giggs und Gareth Bale ab?
Giggs ist total nett. Bei unserem ersten Treffen haben wir lange mit­ein­ander geplau­dert, nicht nur über den Fuß­ball. Als ich mich kürz­lich ver­letzte, rief er mich an und gab mir Rat­schläge für den Umgang damit. Das war nicht selbst­ver­ständ­lich. Und Gareth ist wirk­lich ein sehr boden­stän­diger und freund­li­cher Kerl, der die Zeit mit dem Natio­nal­team ein­fach genießt, weil er mit vielen Freunden von früher zusammen sein kann.

Giggs, Bale, Berg­kamp, Cruyff, dazu spielten Sie in der Jugend mit Harry Kane. Ihr Weg und die vielen zufäl­ligen Begeg­nungen erin­nern etwas an For­rest Gump.
(Lacht.) Ja, irgendwie habe ich Glück, so viele groß­ar­tige Spieler und Idole zu treffen.

Braucht eine Kar­riere also immer Glück – und E‑Mails des Vaters?
Jeder Profi wird sagen, dass er an der einen oder anderen Stelle Glück hatte. Du musst zur rich­tigen Zeit am rich­tigen Ort sein; dazu müssen die rich­tigen Leute das mit­be­kommen. Gleich­zeitig bedarf es des eigenen Wil­lens und der Bereit­schaft, in solche Lagen zu kommen. Wenn du bereit bist, kommt der Rest von alleine. Ein wei­teres Bei­spiel: Es war Zufall, dass der Sport­di­rektor von Ander­lecht (Frank Arnesen) Ham­burg kannte und St. Pauli schätzte. Sonst wäre ich wohl nicht hier. Aber ich habe mich auch bewusst auf dieses Aben­teuer ein­ge­lassen.

Drei schnelle Fragen zum Schluss. Sie sind viel her­um­ge­kommen in der Fuß­ball­welt, wo herrscht die beste Sta­di­on­at­mo­sphäre?
Auf St. Pauli, ohne Zweifel. Ich habe mal aus­wärts bei Feye­noord gespielt, da ging es auch krass ab. Aller­dings war das für mich als Spieler der geg­ne­ri­schen Mann­schaft nicht so ange­nehm.

Welche Liga ist die här­teste?
Auch da gibt es eine klare Ant­wort: die slo­wa­ki­sche. Was die Schieds­richter dort für Tack­lings durch­gehen lassen, ist schon heftig. Es war teil­weise sehr brutal. In Bel­gien geht es ath­le­tisch zu, in Hol­land spie­le­risch und Deutsch­land ist so ein Mix daraus.

Welche deut­sche Eigenart finden Sie kurios?
Dieses An-der-Ampel-Stehen. Kein Mensch geht hier bei rot über die Straße, das ist in Eng­land kom­plett anders. Letz­tens stand ich mit zehn Leuten an einer Kreu­zung und kein Auto kam. Ich wollte die ganze Zeit über die Straße gehen, aber konnte mich im letzten Moment bremsen. Die Deut­schen war­teten in aller See­len­ruhe, bis die Ampel auf grün sprang.