Eine gekürzte Form des Inter­views erschien in 11FREUNDE #216.

James Law­rence, ver­danken Sie Ihre Kar­riere einer E‑Mail Ihres Vaters?
Zumin­dest hat er mir damit sehr geholfen. Als ich 15 Jahre alt war, nahm meine Mutter einen Job in den Nie­der­landen an. Mein Vater und mein Bruder pen­delten mehr oder weniger zwi­schen unserer Heimat London und Ams­terdam. Es war nicht ganz klar, wo ich bleiben sollte. Mein Vater schrieb sämt­liche Fuß­ball­klubs in der Nähe von Ams­terdam an und berich­tete ihnen, dass ich in der Jugend bei Arsenal gespielt hatte. Der Verein Haarlem mel­dete sich zurück und bot mir ein Pro­be­trai­ning an. Ich selbst war aber skep­tisch.

Sie wollten zurück nach London?
Nein, es war eher so, dass ich damals noch zu schüch­tern war. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache – das war etwas viel für mich. Mein Vater musste mich über­reden. Tat­säch­lich hat es mir dann großen Spaß bereitet und ich blieb über den Sommer hinaus beim Verein. Glück­li­cher­weise arbei­teten ein Scout und der Sport­di­rektor des Klubs auch bei Ajax Ams­terdam. Sie haben mich gleich dorthin mit­ge­nommen.

Sie sollen bei Ajax auf Dennis Berg­kamp getroffen sein.
Ja, ohne es so richtig zu ahnen. Ich spielte einige Freund­schafts­spiele mit der Ajax-Jugend, Berg­kamp musste gleich­zeitig für seinen Trai­ner­schein Erfah­rung als Coach sam­meln. Ich saß also in der Kabine, als plötz­lich dieses Idol meiner Kind­heit her­ein­spa­zierte. Für meine Mit­spieler war das normal, sie sagten Hi, Trainer“ oder Hi, Dennis“. Doch ich blieb sitzen und bekam kein Wort heraus. Ich stot­terte selbst beim Hi“. Als lang­jäh­riger Fan von Arsenal konnte ich nicht glauben, wer da vor mir stand.

Hat Berg­kamp im Trai­ning mal mit­ge­spielt?
Oh ja. Und die Tor­hüter haben es gehasst. Bei den Tor­schuss­übungen haute er jeden Ball in den Winkel. Glauben Sie mir, ich über­treibe nicht: jeden! Wir bekamen als junge Spieler einen Ein­druck davon, wie Welt­klasse im Fuß­ball aus­sieht.

Wie kamen Sie in den Nie­der­landen zurecht?
Der Fuß­ball war kom­plett anders, als ich ihn aus Eng­land kannte. Bei meinem letzten Klub QPR hatte ich Pro­bleme mit dem Trainer. Ich bin neu­gierig gewesen, habe Nach­fragen gestellt und Abläufe hin­ter­fragt, weil meine Eltern es mir so bei­gebracht hatten. Der Trainer aller­dings sah seine Auto­rität infrage gestellt und meinte: Du machst es so, weil ich es dir sage.“ In den Nie­der­landen hin­gegen wird von den Jugend­li­chen selbst­stän­diges Denken erwartet. Da kor­ri­gieren sich die Spieler unter­ein­ander. Tak­tisch musste ich unglaub­lich viel auf­holen.

Warum?
Bei Ajax werden alle Spieler mit dem 4 – 3‑3-System groß. Sie wissen genau, wie man sich in den Räumen bewegt, wie man auf das Pres­sing des Geg­ners reagiert, wie das Spiel von hinten auf­ge­baut wird. Jeder Ein­zelne ist tak­tisch gut geschult, für mich waren das echte Lehr­jahre. Genau zu dieser Zeit erlebte ich einen Wachs­tums­schub und die Trainer zogen mich vom Mit­tel­feld auf die linke Ver­tei­di­ger­po­si­tion oder auf die Innen­ver­tei­di­gung zurück. Das war ent­schei­dend für meinen wei­teren Weg.

Haben Sie auch die Ajax-Ikone Johan Cruyff getroffen?
Meh­rere Male. Das erste Treffen war beson­ders kurios. Ich arbei­tete als Vol­un­teer für seine Stif­tung, küm­merte mich um Kinder mit Han­dicap. Eines Tages waren schon alle anderen gegangen, ich lief noch einmal durch die Halle. Dann setzte ich mich in einen der leeren Roll­stühle, lehnte mich zurück, sodass ich auf zwei Rädern stand, und fing in dieser Posi­tion an, einen Fuß­ball zu jon­glieren. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie ein Mann mich beob­ach­tete. Mir fiel der Ball hin und der Mann kam näher. Er sagte: Junge, wenn etwas nicht klappt, musst du es weiter pro­bieren.“ Und ich dachte mir: Ok, wenn jemand wie Johan Cruyff das sagt, muss etwas dran sein.