Er trat so ab, wie es sich für Tarzan gehört: mit ordent­lich Gebrüll.
Was genau zwi­schen Chef­trainer Boris Schom­mers und Gerry Ehr­mann vor­ge­fallen war, behielten die betei­ligten Lager nach der gest­rigen Frei­stel­lung der Tor­wart­le­gende beim FCK für sich. Doch die For­mu­lie­rung in der offi­zielen Pres­se­mel­dung, dass nach einer Reihe von internen Vor­komm­nissen eine ziel­ge­rich­tete und team­ori­en­tierte Zusam­men­ar­beit zum Wohle des Ver­eins“ nicht mehr mög­lich gewesen sei, ließ Raum viel für Inter­pre­ta­tion. Und wer die explo­sive Ader des 61-jäh­rigen Mus­kel­bergs aus Tau­ber­bi­schofs­heim kennt, kann sich aus­malen, wie sehr es im Trai­ner­team des pfäl­zi­schen Tra­di­ti­ons­ver­eins gerap­pelt haben muss.

Dabei hätten die sediert im Dritt­liga-Abstiegs­kampf düm­pelnden Roten Teufel“ einen mit Ehr­manns Ver­drän­gung am kom­menden Wochen­ende gut gebrau­chen können. Der 1. FC Kai­sers­lau­tern muss zum Derby nach Waldhof. Da ist der Blut­druck tra­di­tio­nell schon hoch, doch die Barackler“ steuern den Durch­marsch an, was die Bri­sanz und die üble Laune in der Pfalz wohl noch um einiges erhöht. Doch Ehr­mann wird als men­tale – und im Zweifel phy­si­sche – Stütze nicht mehr mit von der Partie sein. Dieser ker­nige Adre­na­lin­klotz, der 36 Jahre lang brav seinen Dienst auf dem Bet­zen­berg tat, 301 Par­tien für den FCK absol­vierte und der große Rück­halt der Meis­terelf von 1991 war.

Ehr­mann war in den ver­gan­genen Jahr­zehnten zur fleisch­berg­ge­wor­denen Anti­these zur Ver­eins­le­gende Fritz Walter geworden. Ganz anders als der Alte natür­lich – und doch auf seine Weise uner­setz­lich. Der 54er-Welt­meister hatte mit seiner leisen, sen­si­blen Art das Image des demü­tigen Lau­te­rers geprägt. Ehr­mann hin­gegen stand für den reni­tenten Rotz­löffel, der sich auch von Münchner, Kölner oder Ham­burger Angrei­fern nicht den Schneid abkaufen ließ und die feinen Pinkel aus den Metro­polen, wenn sie denn die Traute hatte, vor seinem Kasten auf­zu­tau­chen, in den Senkel stellte und sie das Fürchten lehrte.

Außer Ehr­mann könnt Ihr alle gehen“

Walter war das beschei­dende Genie, Ehr­mann das pum­pende Arbeits­tier. Zwei Arche­typen, die unter­schied­li­cher nicht sein konnten und doch wuchsen beide in der Gewiss­heit zu Gali­ons­fi­guren des Klubs, dass sie als Lau­terer nichts geschenkt bekamen und letzt­lich nur Ehr­geiz und Über­zeu­gung zum Erfolg führen. Zwei Genera­tionen, zwei Anti­thesen, die jeweils auf ihre Weise bis in die Gegen­wart dafür Sorge tragen, dass der 1. FC Kai­sers­lau­tern selbst als schlin­gernder Dritt­li­gist als Klub und Marke Strahl­kraft besitzt.

Seit 1984 hat Ehr­mann am Bet­zen­berg gewirkt, 14 Jahre als Profi, seit 1998 als Tor­wart­trainer. In seiner zweiten Lauf­bahn wurde er für den Verein fast noch wich­tiger als in der aktiven Zeit. Er wer­kelte in seinem Biotop und brachte eine eigene Spe­zies hervor. Er formte an der Streck­bank, mit Gewichten, Power und Getöse aus hoff­nungs­vollen Talenten Spit­zen­tor­hüter: Roman Wei­den­feller, Tobias Sippel, Kevin Trapp, Julian Pol­lers­beck und natür­lich Tim Wiese ent­stammen seiner Stahl­schmiede und halfen mit, dass der chro­nisch klamme FCK zumin­dest aus seiner nach­hal­tigen Nach­wuchs­ar­beit noch gute Erlöse erzielen konnte.

Dass auch Ehr­mann im Kern seine Tätig­keit mit einer Fritz-Walter-haften Demut versah, zeigt sich allein daran, dass er mit über 60 noch uner­müd­lich auf dem Trai­nings­platz und im Fit­ness­studio mit den Eleven und Wie­der­gän­gern ackerte. Auch wenn er sich seiner Sym­bol­kraft und seines Stan­dings zwei­fellos sicher sein konnte. Wenn es beim FCK nicht lief, war es auf den Rängen Usus, dass die heiß­blü­tigen Fans skan­dierten: Außer Ehr­mann könnt ihr alle gehen“.

Ein Schwar­zen­egger des Fuß­balls, abge­schmeckt mit einer Prise Bud Spencer

In dem Verein, der wie kaum ein anderer deut­scher Tra­di­ti­ons­klub her­un­ter­ge­wirt­schaftet wurde und so suk­zes­sive der frei­dre­henden Kom­mer­zia­li­sie­rung zum Opfer fiel, blieb Ehr­mann eine Kon­stante. Ein Ber­serker mit einem Hauch von Melan­cholie im Blick. Ein Arnold Schwar­zen­egger des deut­schen Fuß­balls, fein abge­schmeckt mit einer Prise Bud Spencer. Ein gestan­denes Manns­bild, an dem sie sich in der pfäl­zi­schen Peri­pherie gern aus­richten. Und natür­lich einer, der Kraft seiner sport­li­chen Erfolge für bes­sere Zeiten beim FCK steht und durch seine Beharr­lich­keit jedem auf dem Bet­zen­berg signa­li­siert hat: Wir können allen Wid­rig­keiten und im Zweifel sogar der Ver­än­de­rung trotzen – wir müssen nur bereit sind, alles dafür zu tun.

Ges­tern ist Gerry Ehr­mann vom 1. FC Kai­sers­lau­tern frei­ge­stellt worden. Schon seit Län­gerem hörte man, dass er und FCK-Coach Boris Schom­mers kon­träre Ansichten in Bezug auf die Arbeit ver­traten. Der Kicker“ berichtet, beim sonn­täg­li­chen Aus­laufen nach dem ent­täu­schenden 0:0 gegen den FSV Zwi­ckau habe der Chef­trainer die Reiß­leine gezogen. Das ist eine per­sön­liche Sache zwi­schen Herrn Schom­mers und mir. Fakt ist, ich bin frei­ge­stellt und jetzt schauen wir mal, ganz unauf­ge­regt. Wichtig ist, dass der Verein die Kurve bekommt“, erklärte Ehr­mann dem Kicker“. Was unauf­ge­regt“ bei einem Tes­to­steron-Bündel wie ihm bedeutet, möchte man sich besser nicht aus­malen.

Fakt ist auch, dass dem 1. FC Kai­sers­lau­tern mit Ehr­mann der letzter Ver­treter der erfolg­rei­chen neun­ziger Jahre abhanden kommt, der noch in zen­traler Funk­tions im Verein geblieben war. Tarzan, der König des Dschun­gels, ver­lässt sein Revier. Und wer die Launen der Natur kennt, weiß, dass der Dschungel nun seine eigenen Gesetze macht.