Kann es sein, dass Fuß­baller flä­chen­de­ckend an der Glas­kno­chen­krank­heit leiden? Man möchte es annehmen, wenn man wieder mal sieht, wie ein Profi nach allen­falls leichtem Kör­per­kon­takt zu Boden geht, als habe ihn ein Blatt­schuss einer dop­pel­läu­figen Schrot­flinte erwischt.

Unsere Redak­ti­ons­prak­ti­kantin, die in ihrer Frei­zeit Rugby spielt und danach oft so aus­sieht, als habe sie sich am Wochen­ende durch meh­rere Wirts­haus­schlä­ge­reien gear­beitet, begegnet dem Gebaren der Kicker mit Fas­sungs­lo­sig­keit. Aktive, die sich nach jeder Berüh­rung wälzen wie eine zweit­klas­sige ukrai­ni­sche Boden­tur­nerin, würden im Rugby soziale Äch­tung erfahren. Im Fuß­ball hin­gegen ist die Weh­lei­dig­keit gesell­schaft­lich legi­ti­miert, es wird gejam­mert, gewin­selt und noch im Flug die nötige Aus­wechs­lung ange­zeigt, wie es die Spe­zia­lität des frü­heren Bie­le­fel­ders Fatmir Vata war.

Ein gel­lender Schrei: Knie­schei­ben­bruch!“

Bedau­er­lich, wenn das Vor­bild des Pro­fi­tums bis an die Basis durch­schlägt. So hatten wir in unserem Wilde-Liga-Team einen Kol­legen, der einst nach jedem harm­losen Zwei­kampf mit dem gel­lenden Schrei Knie­schei­ben­bruch!“ zusam­men­klappte. Ein anderer lief, nachdem er bei einem Kopf­ball­duell einen leichten Cut über dem Augen erlitten hatte, über den halben Platz und rief: Das ist so gemein! So gemein!“ Na ja, wahr­schein­lich Schock, wollen wir mal nicht zu streng mit ihm sein.

Trotzdem lobe ich mir jene, die auch im Ange­sicht schwerer Ver­let­zungen Würde und Con­ten­ance bewahren. Einmal fiel in einem Spiel ein Akteur der geg­ne­ri­schen Mann­schaft so unglück­lich, dass irgend­etwas Blödes mit seinem Arm pas­sierte, jeden­falls stand der Unterarm lot­recht vom Oberarm ab, leider in die fal­sche Rich­tung. Der Mann blieb ruhig liegen, und als der Kran­ken­wagen kam, um ihn abzu­trans­por­tieren, sagte er mit fester Stimme: Nein, nein, bitte nicht. Ich möchte hier ein­fach ein wenig aus­ruhen.“ Man musste ihn außer Gefecht spritzen, um ihn ins Spital zu bekommen. Sol­chen Leuten würde auch im Rugby eine große Kar­riere offen stehen.

Ich ver­misse die Wilde Liga…

Wie man über­haupt sagen muss, dass ich die Wilde Liga ver­misse. Ich ver­misse es, mit dem geg­ne­ri­schen Libero zwanzig Minuten lang über eine Abseits­stel­lung zu dis­ku­tieren, im festen Bewusst­sein, dass er es ist, der am Ende gewinnen wird, denn eine Regel steht auch in Zeiten der Vie­rer­kette über allem: Abseits ist, wenn der letzte Mann es sagt.

Ich ver­misse es, als Mit­tel­stürmer zum x‑ten Mal in aus­sichts­rei­cher Posi­tion in die Gasse zu gehen und zum x‑ten Mal erleben zu müssen, wie sich unser Mit­tel­feld­re­gis­seur zu einem sinn­freien Distanz­schuss hin­reißen lässt, der min­des­tens zwanzig Meter vorbei geht, worauf sich garan­tiert ein Hor­nochse findet, der dem Schützen zuruft: War richtig so!“

Ich ver­misse es, vom Tor­wart des gefürch­teten Teams aus einem sozialen Brenn­punkt bei Heepen über das Gelände gejagt zu werden, mit den Worten: Alter, ich steck dir die Brille in’n Arsch!“

Ich ver­misse es, mich im November durch den Schlamm der Bie­le­felder Rad­renn­bahn zu pflügen, was die Brille so ver­dreckt, dass man sie mir auch gleich in den Arsch ste­cken könnte.

Ich ver­misse das Gefühl, im Pokal­fi­nale in letzter Minute den Aus­gleich zu schießen und beim anschlie­ßenden Jubel­lauf einen sol­chen Waden­krampf zu erleiden, dass ich nicht mehr mit dem eigenen Auto nach Hause fahren kann.

Ich ver­misse das ganze Gelaber, den schlechten Atem sonn­tags um zehn, die Schürf­wunden von den Asche­plätzen in Schil­desche, Sud­brack und Sieker. Des­halb: Lang lebe die Wilde Liga, darauf ein kra­chendes Knie­schei­ben­bruch!“ und die späte Erkenntnis: War richtig so.