Nor­bert Sieg­mann, wie oft haben Sie mitt­ler­weile über Ewald Lie­nens Ober­schenkel geredet?
Bestimmt 1000 Mal.

Würden Sie uns die Situa­tion trotzdem noch mal schil­dern?
Es war das zweite Bun­des­li­ga­spiel mit Werder nach dem Auf­stieg. Das erste hatten wir in Glad­bach gewonnen, am zweiten Spieltag kam Bie­le­feld zu uns. Ein Flut­licht­spiel mit ganz beson­derer Atmo­sphäre. Ich spielte Außen­ver­tei­diger, und die Bie­le­felder haben sich ganz schön rein­ge­hauen und gingen hart zu Werke. Irgend­wann soll Otto Reh­hagel rein­ge­rufen haben, dass wir auch mal ordent­lich hin­langen sollen.

Haben Sie das gehört?
Nein, ich habe nichts der­glei­chen gehört. Die Bie­le­felder gaben auf jeden Fall ziem­lich Gas und wir hielten dagegen. Es gab einen Frei­stoß links in unserer Hälfte im Halb­feld. Der Ball kam auf Ewald Lienen, der auf der anderen Seite stand. Ich war beim Frei­stoß ein­ge­rückt, des­wegen konnte ich auch gar nichts von Reh­hagel hören, selbst wenn er – wie später behauptet wurde – Pack ihn!“ rein­ge­rufen hätte. Das war nicht mög­lich.

Was pas­sierte, als Lienen den Ball annahm.
Ich rückte wieder aus. Ewald war ein guter Spieler und hatte zum dama­ligen Zeit­punkt eine außer­or­dent­lich gute Phase. Wenn er am Ball war, war es sehr schwer gegen ihn. Ich stellte mich seit­wärts zu ihm und tak­tierte. Wenn ich ihn wirk­lich hätte umhauen wollen, wäre ich direkt in ihn rein­ge­grätscht. Der Ball ver­sprang Ewald ein biss­chen, in Knie­höhe, und ich dachte Jetzt oder nie“ und setzte die Grät­sche an. Ich war in der Luft und es gab kein Zurück mehr.

Wussten Sie direkt, was pas­siert war?
Nein. Ich habe vor Kurzem erst ein Foto gesehen, das direkt nach dem Foul geschossen wurde. Der Schieds­richter zeigt mir die Gelbe Karte, Ewald sitzt mit der Wunde ver­deckt zu mir, und ich schaue gar nicht hin. Ich wusste, dass es ein Foul war, aber ich emp­fand es eher als Aller­welts­foul. So bezeich­nete der Schieds­richter es auch.

Aber dann wurde die Wunde sichtbar. 
Und es ging drunter und drüber. Ewald lief auf­ge­bracht hin und her. Ich wurde gefragt, ob ich wei­ter­spielen will. Wir waren ja harte Kerle damals und ich blieb auf dem Platz. Aber ich stand unter Schock. Ich kann mich bis heute nicht an die zweite Halb­zeit erin­nern. 

Wann wurde Ihnen die Trag­weite der Grät­sche bewusst?
Am nächsten Tag kamen Mord­dro­hungen aus ganz Europa. Die Zei­tungen titelten Dinge wie Mord­an­schlag auf Lienen“. Natür­lich war das ein Foul, aber ich habe Ewald ja nicht absicht­lich derart ver­letzt. Wer kann denn absicht­lich mit einer Grät­sche eine 25 Zen­ti­meter lange Wunde schlagen?

Wie lang hielt der mediale Rummel an?
Ein halbes Jahr etwa. In Bremen selber ging es, da kippte die Stim­mung nach einer Woche und ich wurde in Schutz genommen. Aber überall sonst war die Stim­mung aggressiv. Wenige Tage nach dem Spiel hatten wir ein Freund­schafts­spiel im Bremer Umland. Da hat sich nie­mand mehr für unsere Natio­nal­spieler inter­es­siert, da ging es nur noch um mich. Mit allen nega­tiven Begleit­erschei­nungen. Beschimp­fungen, Pla­kate, der Bus wurde bespuckt. Ich bekam auch immer weiter Briefe. Bis Weih­nachten hängen wir dich auf“, stand in einem. 

Mussten Sie geschützt werden?
Ich stand über Wochen unter Poli­zei­schutz. Im Früh­jahr war das Rück­spiel und Otto Reh­hagel musste auf der Bank eine schuss­si­chere Weste tragen. Nach dem Rück­spiel legte es sich aber. 

Sie sagten einmal, Sie hätten erst nach dem Foul richtig Fuß­ball spielen gelernt.
Viele denken, ich hätte nach dem Foul an Ewald auf­ge­hört. Ich habe aber noch fünf Jahre wei­ter­ge­spielt und wir waren sehr erfolg­reich. Und auch ich per­sön­lich habe mich danach ver­bes­sert und irgend­wann auf der Sechs gespielt. Im Trai­ning nannten mich die Jungs Zico“, auch wenn ich das im Spiel selten zeigen konnte. 

Und mit dem Foul haben Sie Ihren Frieden gemacht?
Ja. Das habe ich Ewald zu ver­danken. Der kicker“ hat vor Kurzem ein Treffen arran­giert. Vorher war ich sehr nervös und wollte es fast wieder absagen. Aber dann saßen wir sechs Stunden zusammen und haben geredet und viel gelacht. Es war, als wären wir schon seit Jahr­zehnten Freunde. Dieses Treffen hat defi­nitiv etwas mit mir gemacht. Es hat mich geheilt, könnte man sagen.