Seite 2: Zu Besuch bei Maradona

Wo waren Sie zu diesem Zeit­punkt?
Nicht zu Hause, sonst würde es dieses Gespräch nicht geben. Zufällig war ich in dieser Zeit mit meiner kleinen Tochter auf einem Aus­flug in Ita­lien. Im Hotel fingen mich schließ­lich Poli­zisten ab und for­derten mich auf, umge­hend nach Hause zurück­zu­kehren. In Deutsch­land sei etwas Schreck­li­ches pas­siert. Ich packte meine Tochter ins Auto und raste los. Kurz vor der deut­schen Grenze kaufte ich mir eine ita­lie­ni­sche Zei­tung. Darauf ein Foto der bren­nenden Her­borner Alt­stadt und die Über­schrift: Min­des­tens 40 Tote bei Kata­strophe in Deutsch­land!“. Die Sicher­heits­kräfte wussten noch nicht, dass die Piz­zaria an diesem Tag zu war, sie dachten, die Gäste seien unter den Toten. Auf einer Liste der Toten fand ich auch meinen Namen. In Her­born ange­kommen, war von meinem Haus und meinem Restau­rant nichts mehr übrig. Es sah aus, wie nach einem Bom­ben­an­griff. Ich hatte alles ver­loren.

Wie ging es weiter?
Keine Ahnung, wie meine Familie und ich die nach­fol­genden Monate über­standen. Das Haus war gerade erst gebaut worden, die Kre­dite muss ich bis heute abbe­zahlen. Die Ver­si­che­rung hat uns nahezu nichts bezahlt und warf uns dau­ernd Stöcke zwi­schen die Beine. Es dau­erte Jahre bis ich wieder auf die Beine kam. Aber bis heute spüre ich die Spät­folgen der Kata­strophe.

Haben Sie in den fol­genden Jahren noch mit Fuß­ball zu tun gehabt?
Selbst­ver­ständ­lich. Ein Krebs­ge­schwür lässt sich viel­leicht behan­deln, aber die Liebe zum Fuß­ball ist unheilbar. Ich nutzte meine Kon­takte nach Ita­lien und arbei­tete nebenbei als Spie­ler­ver­mittler. Der Wechsel von Karl-Heinz Riedle zu Lazio Rom, der Transfer von Mat­thias Sammer zu Inter Mai­land, Carsten Jancker zu Udi­nese Calcio – ich habe in all den Jahren bei vielen Trans­fers zwi­schen Deutsch­land und Ita­lien geholfen. Aber längst nicht so pro­fes­sio­nell und über­be­zahlt wie das heute der Fall ist. Spie­ler­ver­mittler war eher mein Hobby.

Aber was die Bene­fiz­spiele anging, hatten Sie erstmal die Nase voll?
Von wegen. Anfang der Neun­ziger habe ich mal die Bayern nach Her­born geholt und Uli Hoeneß ken­nen­ge­lernt, ein super Typ! Werder Bremen habe ich für ein Bene­fiz­spiel in Ost­fries­land gewinnen können, der Gewinn ging an die Kin­der­krebs­hilfe. Und bei­nahe hätte ich sogar den besten Fuß­baller der Welt für ein Freund­schafts­spiel ver­pflichtet.

Pelé?
Diego Mara­dona! Ich besuchte Diego ein­fach wäh­rend eines Trai­nings­la­gers seines SSC Neapel und stellte mich vor.

Wie war er so?
Ein ganz feiner Kerl. Er hörte mir auf­merksam zu, ich erzählte ihm von meinen Plänen, Neapel für ein Bene­fiz­spiel zu gewinnen. Diego fand das groß­artig, er sagte mir: Raf­fa­ello, sag mir ein­fach wann und wo, ich ver­suche zu kommen.“ Dass es letzt­lich nie geklappt hat, lag eher an seinem Klub, als an ihm. 

Sie sind beken­nender Schalke-Fan, trotzdem sieht man Sie auf einem Foto (siehe Bil­der­ga­lerie) mit einem BVB-Logo auf der Kra­watte. Was war denn da los?
Das war im Dezember 1997, wenige Monate nachdem Schalke den UEFA-Cup, aus­ge­rechnet gegen Inter!, und Dort­mund die Cham­pions League gewonnen hatte. Ich hatte ein Hal­len­tur­nier orga­ni­siert, ein­ge­laden waren auch die zweiten Mann­schaften von Schalke und dem BVB. Die Dort­munder waren gerade erst Welt­po­kal­sieger geworden, den Pokal haben sie dann ein­fach mit nach Her­born gebracht! Das, was Sie auf dem Foto sehen, ist also der echte Welt­pokal. Nicht im Bild sind die beiden Leib­wächter, die nur den Pokal bewa­chen sollten…

Raf­fa­ello De Bas­tiani, Sie sind inzwi­schen 57 Jahre alt und arbeiten noch immer als Piz­za­bä­cker in Her­born. Zurück zur Aus­gangs­frage: Was würden Sie den Kol­legen vom Zeit-Magazin“ erzählen, wenn sie Sie für die Rubrik Ich habe einen Traum“ befragen würden?
Ich will nicht bet­teln, ich bin nicht unbe­dingt der gebo­rene Bitt­steller. Aber von der Brand-Kata­strophe habe ich mich bis heute finan­ziell nicht erholt. Die Explo­sion begleitet mich jeden Tag. Jetzt, nachdem ich so viele Spiele für den guten Zweck orga­ni­siert habe, wäre es ein Traum, wenn jemand mal für mich ein Bene­fiz­spiel ver­an­stalten würde. Nur ein kleines. Es muss ja nicht unbe­dingt Inter Mai­land sein…