Raf­fa­ello De Bas­tiani, kennen Sie die Rubrik im Zeit-Magazin“ Ich habe einen Traum“?
Die kenne ich.

Sie wären ein geeig­neter Kan­didat, oder?
Nicht ganz. Dann müsste die Rubrik Ich habe einen Traum wahr gemacht“ heißen.

Sie erfüllten sich Ihren Traum und ließen am 20. Mai 1987 Ihre Lieb­lings­mann­schaft Inter Mai­land gegen den VfL Bochum auf dem Sport­platz Ihrer Wahl­heimat Her­born spielen. Wie, in Gottes Namen, haben Sie das nur geschafft?
Ich war 18, als ich Inter das erste Mal spielen sah. Damals lebte ich noch in Meluno, einer kleinen Stadt in Nord­ita­lien. Ich schwor mir, diesen Verein einmal für mich spielen zu lassen.

Wie ging es weiter?
Ich machte meine Aus­bil­dung zum Koch, wan­derte nach Deutsch­land, genauer gesagt: nach Essen, aus, um dort in einem Restau­rant zu arbeiten. 1980 zog ich nach Her­born und eröff­nete bald darauf meine eigene Piz­zaria. Ich dachte die ganze Zeit an Inter, auch wenn inzwi­schen Fan von Schalke 04 geworden war. 1984 schrieb ich den ersten Brief an Inters dama­ligen Prä­si­denten Ernesto Pel­li­grini.

Und der schrieb gleich zurück: Klar, Raf­fa­ello, wir kommen mal eben vorbei“?
Natür­lich nicht. Dass er mir über­haupt ant­wor­tete, fand ich schon groß­artig. Drei Jahre lang standen wir im stän­digen Brief­wechsel. Irgend­wann lud er mich mit Freunden aus Her­born nach Mai­land ein. Auf dem Trai­nings­ge­lände lernte ich Karl-Heinz Rum­me­nigge und Inters Sport­di­rektor Gian­carlo Bel­trami kennen!

Wann bekamen Sie Ihre Zusage?
Inter war damals eine sehr gefragte Mann­schaft und dau­ernd in der Welt für Freund­schafts­spiele unter­wegs. Wenn wir einen freien Termin finden, dann spielt Inter bei euch in Her­born“, sagte Pel­li­grini. Schon nach der WM 1986 hätte es eigent­lich klappen sollen, doch dann kam noch etwas dazwi­schen. Aber im April 1987 unter­schrieben Bel­trami und ich einen Ver­trag über ein Freund­schafts­spiel von Inter Mai­land in Her­born!

Umsonst werden die Mai­länder nicht ange­rückt sein.
Nein. Laut Ver­trag standen ihnen 25 Mil­lionen Lire, also etwa 25.000 DM, zu. In Wirk­lich­keit mussten wir sogar noch wesent­lich mehr ble­chen. Ich moti­vierte die ganze Region, trieb Spon­soren zusammen und zahlte den Rest selbst. So kurz vor dem Ziel wollte ich mich von Zahlen nicht abbringen lassen. Als Gegner konnte ich den VfL Bochum gewinnen, deren Manager Klaus Hil­pert brauchte ich nur sagen, gegen wen es gehen sollte. Er sagte sofort zu.

Kurz nach der Erfül­lung ihres Traums, mussten Sie aller­dings einen furcht­baren Schick­sals­schlag hin­nehmen…
Es war am 7. Juli 1987, nicht mal zwei Monate nach dem Besuch aus Mai­land. Bei einem mit Benzin voll­be­la­denen Tank­laster ver­sagten die Bremsen auf einer steilen Straße mitten in Her­born. Er raste unge­bremst in mein Haus, in mein Eis­diele und in meine Piz­zaria. Alles flog in die Luft, die halbe Innen­stadt stand in Flammen. Sechs Men­schen starben, 38 wurden ver­letzt, zwölf Häuser brannten kom­plett aus.