Das Gespräch wurde bereits im Sep­tember 2011 geführt und ver­öf­fent­licht. Zu dieser Zeit stand Merkel gerade frisch beim FC Genua unter Ver­trag.

Alex­ander Merkel, ent­schul­digen Sie die Indis­kre­tion gleich zu Beginn, aber wann war zuletzt der Abfluss Ihrer Dusche ver­stopft?


Alex­ander Merkel: Ähm, zum Glück noch nie. Wieso fragen Sie?

Es heißt, Sie seien nach Ihrem Wechsel vom AC Mai­land zum FC Genua in die alte Woh­nung von Ex-Bayern-Stürmer Luca Toni gezogen. Wer dessen wal­lende Mähne kennt, weiß, dass man da durchaus Sorgen haben könnte.

Alex­ander Merkel: Nein, nein, es ist alles in bester Ord­nung. Hier stand nicht einmal mehr eine alte Tube Haargel von ihm herum (lacht). Ich habe auch erst im Nach­hinein erfahren, dass ich die Woh­nung von Luca Toni über­nehme. Mich hat vor allem der Aus­blick auf das Wasser über­zeugt.

In der letzten Saison debü­tierten Sie als 17-Jäh­riger beim AC Mai­land in der Cham­pions League. Bereits bei Ihrem dritten Ein­satz schossen Sie Ihr erstes Tor. Und gerade als man sich in Deutsch­land an den Gedanken gewöhnt hatte, dass sich ein deut­sches Talent bei Milan durch­setzt, wech­selten Sie über­ra­schend zum FC Genua. Was ist pas­siert?

Alex­ander Merkel: Nichts. Ich wollte ein­fach nur regel­mäßig spielen, denn nur so kann ich mich wei­ter­ent­wi­ckeln. Bei Milan hat man als junger Spieler anfangs eben nur wenige Ein­satz­zeiten. Um besser zu werden, muss man regel­mäßig spielen. Des­wegen habe ich mich ent­schieden, bei einem etwas klei­neren Verein Spiel­praxis zu sam­meln. 

Um dann eines Tages wieder mir wehenden Fahnen in das Mit­tel­feld des AC Mai­land zurück­zu­kehren?

Alex­ander Merkel: Jetzt zählt erst einmal nur Genua. Aber Milan wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ich bin mit 14 aus Stutt­gart nach Mai­land gezogen, habe von heute auf morgen allein im Milan-Internat gewohnt, ohne ein Wort ita­lie­nisch zu spre­chen. Heute spreche ich die Sprache flie­ßend. Diese Zeit hat mich geprägt und wird mich immer an Milan binden. Ich habe dort wahn­sinnig viel gelernt – über mich und über den Fuß­ball.

See­dorf, Pirlo, Ronald­inho, Gat­tuso – wie gehen die Top­stars beim AC Mai­land mit einem 17-Jäh­rigen Nach­wuchs­ta­lent um?

Alex­ander Merkel: Respekt­voll. Wie sich diese Spieler um mich geküm­mert haben, war ein­malig. Mit all ihren Erfolgen und ihrer Erfah­rung hätte sie es nicht nötig gehabt, mir Tipps zu geben. Aber so denken diese Spieler nicht. Sie helfen einem, wo es nur geht.

Ach, kommen Sie, kein Schuhe putzen? Kein Hüt­chen ein­sam­meln? Kein Bälle schleppen?

Alex­ander Merkel: Nein. Bei Milan war jeder gleich. Mein ein­ziger Nach­teil: Ich musste beim Auf­wärmen immer als erstes in den Kreis. Aber damit kann man leben, wenn um einen herum aus­schließ­lich Welt­stars stehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass man als junger Spieler in so einem Umfeld abhebt?

Alex­ander Merkel: Wer abhebt, hat schon ver­loren. Bei einem Welt­klub wie Milan muss man sich jeden Tag zu 100 Pro­zent auf seine Leis­tung kon­zen­trieren, sonst hat man keine Chance.

Nach Ihrem ersten Tor für Milan nannte Sie die Cor­rierre della Serra das Baby-Genie“. So etwas lässt doch keinen kalt.

Alex­ander Merkel: Natür­lich freut man sich, wenn man so etwas über sich liest, weil es die eigene Leis­tung wert­schätzt. Aber ich bin ein junger Spieler, der noch sehr viel an sich arbeiten muss. Da habe ich keine Zeit, mich auf irgend­wel­chen Lob­ge­sängen aus­zu­ruhen.

Aber Ihre Mutter sam­melt zuhause schon alle Zei­tungs­ar­tikel, die sich mit Ihnen beschäf­tigen?

Alex­ander Merkel: Das weiß ich gar nicht. Aber ich muss gestehen, dass ich mir den ein oder anderen Artikel aus der Zei­tung gerissen habe. Als schöne Erin­ne­rung.

Beim AC Mai­land trafen Sie auch auf Kevin-Prince Boateng, den man hier­zu­lande lange unter­schätzt hat. Mitt­ler­weile ist er ein zen­traler Bestand­teil im Spiel des AC Mai­land. Hat seine Ent­wick­lung Vor­bild­cha­rakter für Sie?

Alex­ander Merkel: Natür­lich. Als Kevin hier herkam, haben nicht Wenige gedacht, er würde nur auf der Bank sitzen. Aber er ist ein über­ra­gender Fuß­baller – und ein posi­tiver Mensch. Einer der ohne Pause an sich arbeitet, weil er den Willen hat, sich in allen Berei­chen zu ver­bes­sern. An dieser Ein­stel­lung ori­en­tiere ich mich.

Wenn wir Ihnen einen Tipp geben dürfen: Außer­halb des Platzes sollten Sie sich nicht so sehr an Kevin-Prince Boateng halten. Sein Image als Rüpel hält sich hier­zu­lande sehr beständig.

Alex­ander Merkel: Ich kenne Kevin sehr gut. Wir sind Freunde. Und ich kann ihnen sagen, dass ich selten einen coo­leren Typen getroffen habe wie ihn. Haben Sie seinen Moon­walk im aus­ver­kauften San Siro gesehen? Wel­cher Fuß­baller traut sich so etwas schon? Kevin ist ein­fach ver­rückt – aber im posi­tiven Sinne. Sein Image haben ihm Men­schen ver­passt, die ihn gar nicht kennen. Und wer ihn kennt, der weiß, dass dieses Bild nicht der Rea­lität ent­spricht.

Was ist der größte Unter­schied zwi­schen dem AC Mai­land und dem FC Genua?

Alex­ander Merkel: Bei uns ist momentan nicht jede Posi­tion dop­pelt mit einem Welt­klas­se­spieler besetzt. Aber diesen Luxus haben nur die wenigsten Klubs. Ich glaube den­noch, dass wir eine starke Mann­schaft haben, mit der wir die großen Ver­eine ärgern können.

Ärgern ist gut. Am dritten Spieltag war Genau sogar Tabel­len­führer, der­zeit ran­giert der Klub auf Platz drei. Das klingt nach einem Höhen­flug.

Alex­ander Merkel: Wir sind richtig gut gestartet. Am letzten Spieltag haben wir dann unglück­lich ver­loren. Aber hier hebt keiner ab. Im Verein herrscht genug Erfah­rung, um zu wissen, dass die momen­tane Situa­tion nur eine Moment­auf­nahme ist. Wir wollen oben dabei sein, aber dafür müssen wir auch hart arbeiten.

In Genua konnten Sie nach der Vor­be­rei­tung bisher leider nur ein Spiel machen. Der­zeit arbeiten Sie an Ihrem Come­back. Reicht es für einen Ein­satz am Wochen­ende gegen den FC Parma?


Alex­ander Merkel: Ich habe mir im ersten Pokal­spiel einen vier Zen­ti­meter langen Riss in der Ober­schen­kel­mus­ku­latur zuge­zogen. Das braucht seine Zeit, bis es ver­heilt ist. Aber in dieser Woche konnte ich erst­mals kom­plett an allen Trai­nings­ein­heiten der Mann­schaft teil­nehmen. Ich fühle mich gut und bin heiß auf mein erstes Liga­spiel. Am Ende ent­scheidet aber der Trainer, ob ich spielen werde.

Durch Ihre Ver­let­zung hatten Sie zuletzt etwas mehr Zeit. Schaut man dann auch mal mit einem Auge in Rich­tung Bun­des­liga?

Alex­ander Merkel: Natür­lich. Wenn ich die Zeit dazu habe, schaue ich mir viele Spiele live an. Mir gefällt die Bun­des­liga. Volle Sta­dien, tolle Fans, toller Fuß­ball. Das macht Spaß.

So viel Spaß, dass Sie sich selber einmal vor­stellen können wieder in Deutsch­land zu spielen? Als junger Spieler würden Sie doch toll zu Borussia Dort­mund passen.

Alex­ander Merkel: Dort­mund ist ein super Klub, aber das ist mein Hei­mat­verein, der VfB Stutt­gart, auch. Genauso der FC Bayern, Schalke 04 und Borussia Mön­chen­glad­bach. Aber ich spiele der­zeit beim FC Genua. Hier möchte ich durch meine Leis­tung über­zeugen und ein bes­serer Fuß­baller werden. Was in der Zukunft pas­siert, kann man heute noch nie­mand sagen. Des­wegen mache ich mir dar­über auch keine Gedanken.

Sie haben bisher nahezu alle Jugend-Aus­wahl­mann­schaften des DFB durch­laufen, Haben Sie keine Angst, dass Sie durch Ihr Enga­ge­ment in Ita­lien ein wenig außer­halb des Radars des Bun­des­trai­ners liegen, wenn zeit­gleich Spieler wie Mario Götze, Marco Reus oder Julian Draxler in der Bun­des­liga für Furore sorgen?

Alex­ander Merkel: Ich spiele ja nicht auf dem Mond. Aber erst einmal geht es für mich darum, mich bei einem Serie-A-Klub durch­zu­setzen. Ich muss mich ver­bes­sern, um kon­stant gute Leis­tungen zu bringen. Und wer weiß, viel­leicht wird dann auch die Natio­nal­mann­schaft irgend­wann mal ein Thema. Aber bis dahin ist es noch ein sehr, sehr langer Weg.