Theo Rebergen, in den sech­ziger Jahren waren Sie als Jazz-Pia­nist aktiv. Wie sind Sie Fuß­ball-Hote­lier geworden?
Wir sind damals mit ver­schie­denen Gruppen um die halbe Welt gereist, Aus­tra­lien, Frank­reich, Schweden. Ich habe das sehr gerne gemacht, aber viel Geld konnte ich mit der Musik nicht ver­dienen. Eines Tages bekam ich mit, dass das Sport­hotel in Quick­born einen Manager suchte, und da bewarb ich mich. Die Nähe zu Ham­burg mit all den Jazz- und Musik­clubs gefiel mir. Wenig später bot man mir an, das Hotel zu kaufen – und das machte ich.

Was war das Sport­liche an Ihrem Hotel?
Die Gäste konnten bei uns Tennis oder Bil­lard spielen, es gab auch eine Kegel­bahn. Und auf der anderen Seite lag der sehr gepflegte Fuß­ball­platz des TuS Hol­stein Quick­born. Schon Anfang der Sieb­ziger kam der HSV gerne zur Spiel­vor­be­rei­tung. Ich freun­dete mich mit Trainer Kuno Klötzer an, der Stamm­gast bei mir im Restau­rant wurde. Gele­gent­lich über­setzte ich, wenn er mit aus­län­di­schen Spie­lern zu tun hatte. Oder ich half im Trai­ning aus, wenn ein Spieler beim Elf gegen Elf fehlte.

Sporthotel quickborn
Sie haben Post! – Ach, wie schön. Und dann noch aus Quick­born.
Imago Images

Vor der WM 1974 bewarben Sie sich mit Ihrem Hotel als offi­zi­elles WM-Quar­tier. Hand aufs Herz: Welche Mann­schaft haben Sie sich damals gewünscht?
Ich wollte mein Hotel bekannter machen, des­halb kam mir die Idee mit dem WM-Quar­tier. Nachdem ich die Zusage des DFB bekam, tru­delten die ersten Anfragen ein. Aus Chile und Schott­land. Die Bra­si­lianer waren sogar vor Ort. Ich erin­nere mich, wie die Ver­bands­leute die Küche inspi­zierten und fragten, was es denn zu essen gebe. Mein Küchen­chef war außer sich, Köche sind da ja sehr eigen. (Lacht.) Es gibt, was ich koche!“, rief er und drohte mit der Brat­pfanne. Da haben sich die Herren schnell wieder ver­krü­melt. Aber klar, die Bra­si­lianer wären schon toll gewesen.

Sie bekamen die DDR.
Aber auch das war okay, ich bin ein offener Mensch.

Wie ver­lief das erste Ken­nen­lernen?
Die DDR-Dele­ga­tion kam einige Wochen vor Tur­nier­start nach Quick­born. Ein paar Männer aus dem Ver­band und einige Männer in langen Män­teln. Nachdem sich die Herren vor Ort umge­schaut hatten, sagten sie, dass wir das Hotel kom­plett abrie­geln müssten. Ich dachte noch: Klar, am besten mit einer Mauer, aber ich ver­kniff mir den Kom­mentar.

Es durften also keine anderen Gäste im Hotel sein?
Das war die For­de­rung der DDR-Funk­tio­näre, aber ich ließ mich nicht drauf ein. Ich ver­si­cherte den Funk­tio­nären, dass die DDR-Spieler unge­stört sein würden, dass sie gut trai­nieren könnten und gutes Sport­ler­essen bekämen. Alle 28 Zimmer reser­vierte ich für die Mann­schaft, aber meine Restau­rant­stamm­gäste, unter anderem Kuno Klötzer oder Uwe Seeler, sollten wei­terhin kommen. Die Funk­tio­näre zogen sich zu einer Bespre­chung zurück, und schließ­lich sagten sie zu. Ich glaube, sie mochten mich, weil ich Hol­länder bin. Für sie war ich neu­tral.

Wie sahen die Sicher­heits­vor­keh­rungen aus?
Am Tag der Ankunft war überall Polizei, das lag aber vor allem an einer Dro­hung der Baader-Meinhof-Bande, die bei uns ein­ge­gangen war. Als das DDR-Team aus dem Bus stieg, wollte es wegen des Rum­mels gleich wieder umkehren. Wir bleiben in Ost-Berlin“, sagte einer. Uwe Seeler, der zum Emp­fangs­ko­mitee gehörte, tippte mir auf die Schulter und sagte: Keine Sorge, Theo, das dürfen die gar nicht. Die müssen ihr Quar­tier im Aus­tra­gungs­land haben.“ Als ich den Funk­tio­nären das erklärte und sie ein biss­chen beru­higte, kamen sie wieder aus dem Bus und bezogen ihre Zimmer.

Theo Rebergen

Der Hol­länder war in den Sech­zi­gern Jazz-Pia­nist und schrieb unter anderem Songs für die Sän­gerin Mari­anne Mendt. Anfang der Sieb­ziger über­nahm er das Sport­hotel Quick­born, das er 1977 wieder ver­kaufte. Den Fuß­ball ver­folgt der heute 77-Jäh­rige immer noch. Sein 20-jäh­riger Enkel, Adam Lovatt, spielt für Has­tings United und gilt als einer der besten Non-League-Spieler Eng­lands. Er hatte Ange­bote von Sun­der­land und Lei­cester, im Früh­jahr sollte er zu Stoke City wech­seln – dann kam Corona.

Joa­chim Streich sagte mal: Die Gast­freund­schaft war groß. Die haben uns im Hotel jeden Wunsch von den Augen abge­lesen.“ Welche Wün­sche hatten die Spieler denn?
Einige Spieler hatten Rot­käpp­chen­sekt oder Hal­ber­städter Würst­chen mit­ge­bracht, die wir ihnen manchmal ser­vierten. Im Laufe der Zeit freun­deten wir uns auch an, sie nannten mich Kamerad Theo, und manchmal durfte ich wieder mit­ki­cken. Und dann ging’s auf die Ree­per­bahn. Eine ris­kante Aktion.

Inwie­fern?
Willi Boldt, der damals Mann­schafts­leiter und zweit­wich­tigster Funk­tionär war, fragte einen Tag vor dem Spiel gegen West­deutsch­land, ob ich sie nicht nach St. Pauli bringen könnte. Sie wollten etwas Spaß haben, aber hatten auch Sorge, dass die Presse davon Wind bekommt. Ich sagte, klar, kein Pro­blem. Ich kannte ja viele Leute auf dem Kiez, unter anderem den Poli­zei­chef, der dabei half, dass die ganze Aktion heim­lich ablief. Wir fuhren zum Salambo“ (Sex-Theater auf St. Pauli, d. Red.), das einem Bekannten gehörte. Da schlüpften die Herren durch einen Hin­ter­ein­gang rein, und nach ein paar Stunden kamen sie glück­lich wieder raus.

Wie haben Sie das Spiel gegen West­deutsch­land ver­folgt?
Ich durfte mit ins Volks­park­sta­dion und saß mit dem Mann­schafts­arzt direkt hinter der Trai­ner­bank. Als Jürgen Spar­wasser das Tor machte, sprang die gesamte Truppe auf und schmiss mich samt Stuhl zu Boden. Die Stim­mung war ab da extrem gelöst. In den Tagen danach ver­an­stal­teten wir sogar Auto­gramm­stunden auf dem Gelände.

Jürgen Spar­wasser berich­tete von einer rau­schenden Fete nach dem Sieg gegen die BRD. Mann­schafts­leiter Willi Boldt sprang los­ge­löst im Anzug in den Hotel­teich.
Nach außen gaben sie sich oft etwas ernster, aber intern herrschte eine große Aus­ge­las­sen­heit. In der Nähe des Hotels gab es eine Dis­ko­thek, die Spieler fragten am Abend nach dem Sieg gegen die BRD, ob sie dort mit den Zim­mer­mäd­chen und Kell­ne­rinnen feiern dürften. Und sie bekamen tat­säch­lich die Erlaubnis. Für eine Stunde. Aber nicht alle kehrten heim.

Es gab einen Flucht­ver­such?

Nein, das nicht. Aber zwei waren nach einer Stunde noch nicht wieder da: Jürgen Spar­wasser und eine Kell­nerin. Also schickte ich ein Taxi zur Disko und ließ sie holen. Durch den Hin­ter­ein­gang brachte ich Spar­wasser ins Hotel. Ich sagte: Wenn jemand fragt, sag, du hast dich auf dem Rückweg ver­laufen!

Imago0000036035h
Urster Typ: DDR-Natio­nal­spieler Konrad Weise gibt Auto­gramme.
Imago Images

Die DDR spielte in der Zwi­schen­runde unter anderem gegen Ihre Lands­leute aus Hol­land. Waren Sie wieder im Sta­dion?
Ich wurde zu jedem wei­teren WM-Spiel ein­ge­laden, aber die Spiele fanden nicht mehr in Ham­burg statt, und ich hatte leider keine Zeit für län­gere Reisen. Aber ich bin später oft in die DDR gefahren. So oft, dass ich eines Tages Besuch vom BND bekam.

Erzählen Sie.
Die Funk­tio­näre schickten mir vor den Besu­chen immer Listen mit West­pro­dukten, die ich ihnen mit­bringen sollte. Kla­motten, Musik oder Ersatz­teile für ihre Mer­cedes-Limou­sinen. Den Leuten vom BND fielen meine regel­mä­ßigen Touren irgend­wann auf, und so fragten sie mich aus. Aber Ärger gab’s nicht.

Wie war es an der Grenze, wenn Sie mit einem Wagen voller West­pro­dukte vor­fuhren?
Pro­bleme hatte ich auch dort nie, alle schienen infor­miert über meine Mis­sion. Nur als ein Grenz­po­li­zist einmal eine James-Last-Platte mit­nahm und ewig nicht zurück­kehrte, wurde mir mulmig. Bis er wie­derkam und erklärte, dass er sich die Platte nur auf Kas­sette über­spielen musste.

Das Sport­hotel Quick­born, das heute See­garten“ heißt, ist Teil unserer neuen Titel­strecke über legen­däre und wich­tige Fuß­ball­orte Deutsch­lands. 11FREUNDE #223 bekommt ihr ab sofort am Kiosk oder bei uns im Shop.