Michael Probst, Sie haben in Ihrer Fuß­ball­kar­riere nur zwei Bun­des­li­ga­spiele gemacht. Bezeichnen Sie sich heute als Ex-Bun­des­li­ga­spieler?

Michael Probst: Ich bezeichne mich als Uefa-Cup-Sieger. (lacht) Ich stand in der Saison 1995/96 bei neun von zwölf Uefa-Cup-Spielen im Kader – zum Ein­satz kam ich leider nicht.

Sie waren 33 Jahre alt, als Sie 1995 Ihr erstes Bun­des­li­ga­spiel machten. Wie sind Sie eigent­lich beim FC Bayern gelandet?

Michael Probst: Ich spielte viele Jahre in bay­ri­schen Ama­teur­ligen, bei Klubs wie BSC Send­ling 1918 Mün­chen oder SV Türk Gücü Mün­chen. Als ich beim SV Lohhof unter Ver­trag stand, trai­nierte ich unter dem ehe­ma­ligen Profi Wolf­gang Dremmler, der zugleich Scout des FC Bayern war. Er ver­mit­telte mich 1995 an die Bayern-Ama­teure.

Sie waren aber von Beginn an im Kader der Profis.

Michael Probst: Weil der Ersatz­tor­wart Sven Scheuer an einer lang­wie­rigen Ver­let­zung labo­rierte, war ich vom ersten Spieltag an Teil der Pro­fi­mann­schaft. Das war mit­unter sehr umständ­lich, schließ­lich übte ich wei­terhin meinen Job als IT-Leiter im Rat­haus von Unter­ha­ching aus.

Sie hatten einen nach­sich­tigen Chef?

Michael Probst: Und Kol­legen, die mir den Rüclen frei­hielten. Zudem fei­erte ich in dem Jahr 15 Tage Urlaub und 150 Über­stunden ab. Wenn es ins Aus­land ging, wurde es richtig kom­pli­ziert, denn oft bekam ich erst kurz vor den Uefa-Cup-Spielen einen Anruf mit dem Hin­weis, dass Sven Scheuer wei­terhin aus­falle. Das bedeu­tete für mich: Sachen packen und am nächsten Morgen im Bayern-Sakko ins Rat­haus. Dort arbei­tete ich meine Sachen bes­ten­falls bis zum Mitt­woch vor, danach ging es zum Flug­hafen.

Im Uefa-Cup-Ach­tel­fi­nale gegen Ben­fica Lis­sabon wären Sie bei­nahe zum Ein­satz gekommen.

Michael Probst: Oliver Kahn ver­letzte sich wäh­rend des Spiels an den Adduk­toren. Jeder andere Spieler hätte sich ver­mut­lich aus­wech­seln lassen, doch Olli biss auf die Zähne – und ich lief mich 60 Minuten lang warm. Schade.

Wenige Tage später, am 9. Dezember 1995, debü­tierten Sie in der Bun­des­liga bei einem Aus­wärts­spiel in Düs­sel­dorf. Wie stark flat­terten die Nerven?

Michael Probst: Die Anspan­nung war groß, klar. Schließ­lich war das Rhein­sta­dion zum ersten Mal seit 1974 aus­ver­kauft. Außerdem wusste ich, dass alle Augen auf mich gerichtet waren: Den Stell­ver­treter des großen Olli Kahn. Ein 33-jäh­riger Ama­teur­keeper, der in den ver­gan­genen Jahren für Lohhof oder Türk Gücü gespielt hatte.

Was gab Ihnen Otto Reh­hagel mit auf den Weg?

Michael Probst: Er nahm mich einen Tag vor dem Spiel zur Seite. Herr Probst“, sagte er. Sie wissen, dass Sie am Samstag spielen werden.“ Ich nickte. Eine Frage nur: Wie ver­halten Sie sich bei Flanken?“ Ich ant­wor­tete: Wie sonst auch: Ich ver­suche sie je nach Situa­tion abzu­fangen.“ Er sagte tro­cken: Nein, Sie bleiben im Kasten.“ Ihm war scheinbar auch nicht ganz geheuer bei der Vor­stel­lung, dass ein Ama­teur­keeper das Tor des FC Bayern hüten sollte.

Sie machten Ihre Sache aller­dings gut. Der FC Bayern gewann 2:0. Wie waren die Reak­tionen nach dem Spiel?

Michael Probst: Groß­artig. Ich gab Inter­views für Sat1, DSF, die ARD. In den meisten Berichten wurde ich als bester Mann auf dem Platz erwähnt. Ein wun­der­barer Tag. Zumal es am Abend noch zur Weih­nachts­feier ging.

Gab es Lob von den Stars, von Mat­thäus, Klins­mann oder Kahn?

Michael Probst: Ich kam etwas später zur Weih­nachts­feier, weil ich meine Frau noch abholen musste. Als ich den Saal betrat, gab es laut­starken Applaus. Ein tolles Gefühl. Lothar sagte später noch: Wo hast du dich denn über all die Jahre ver­steckt gehalten?“

Am 34. Spieltag der Saison 1995/96 kamen Sie erneut gegen For­tuna Düs­sel­dorf zum Ein­satz. Es war ihr zweites und letztes Bun­des­li­ga­spiel. Dabei hätte die Partie gar nicht zählen dürfen.

Michael Probst: In der Halb­zeit­pause signa­li­sierte Olli Kahn, dass es für ihn nicht mehr wei­ter­gehe, er hatte sich an der Schulter ver­letzt. Es stand zu dem Zeit­punkt 0:2. Aller­dings wech­selte Augen­thaler neben mir drei wei­tere Spieler ein. Nie­mand bemerkte etwas. Wir machten noch zwei Tore, das Spiel endete 2:2. Da es für beide Teams bedeu­tungslos war, sahen die Düs­sel­dorfer von einer Klage ab.

Haben Sie nach der Saison nie Ange­bote von anderen Klubs bekommen?

Michael Probst: Angeb­lich soll For­tuna Düs­sel­dorf mal ange­fragt haben. Wer sonst? (lacht) Ernste Gespräche hat es aller­dings nie gegeben. Wenn Otto Reh­hagel Trainer geblieben wäre, hätte ich gute Chancen auf einen Pro­fi­ver­trag gehabt. Unter dem neuen Coach Gio­vanni Tra­pat­toni hatte ich mit meinen 33 Jahren aber keine Chance mehr. 1997 ging ich zum TuS Gerets­ried. Meine Fuß­ball­schuhe hängte ich 2003 beim FC Mies­bach an den Nagel.

Was blieb von Ihrer Zeit beim FC Bayern?

Michael Probst: Viele schöne Erin­ne­rungen – und eine Kar­riere als Bun­des­li­ga­tor­wart ohne ein ein­ziges Gegentor.

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Im 11FREUNDE Bun­des­liga-Son­der­heft: Minuten des Ruhms. Spieler, die nur ein ein­ziges Mal in der Bun­des­liga spielten.