Seite 3: „Dann eskalierte die Frustparty“

Haben Sie auch mit Emile Mpenza viel unter­nommen?
Ihr Zusam­men­spiel ist legendär. Nein, fast gar nicht. Wir waren so unter­schied­lich außer­halb des Platzes, wie man nur sein kann. Er war 21 und hatte eine ganz andere Lebens­welt. Doch wenn wir den Rasen betraten, waren wir wie eins. Ich habe ein sol­ches Ver­ständnis mit einem Sturm­partner weder vorher noch nachher erlebt. Wir haben uns gegen­seitig besser gemacht. Ich habe mit Emile 2001 meine beste Saison gespielt.

Sie kamen auf 22 Tore und zehn Vor­lagen. Trotzdem endete die Saison in Tränen mit der Meis­ter­schaft der Herzen“. Wie erlebten Sie das letzte Spiel?
Ich darf eigent­lich gar nicht dar­über nach­denken. Dieser Mann von Pre­miere hatte die Nach­richt ver­breitet, wir wären Meister. Andreas Müller gab bereits ein Inter­view, in dem er dem Ham­burger SV für die Schüt­zen­hilfe dankte. Wir liefen jubelnd in die Kabine und sahen dort im Trai­ner­büro die Fern­seh­bilder. Da rea­li­sierten wir, dass das Spiel der Bayern in Ham­burg noch lief.

Dann pfiff Markus Merk einen indi­rekten Frei­stoß …
… der ja auch keiner war. So etwas wird in zehn Fällen maximal einmal gepfiffen. Das Tor für die Bayern war ein Schlag in den Magen. Du willst nicht mehr in deinem eigenen Körper bleiben. Einige fingen an, die Kabine aus­ein­an­der­zu­nehmen. Andere weinten. Der Trainer schickte uns raus auf die Tri­büne zu den Fans. Sie standen in Zehn­tau­senden unten auf dem Rasen und sangen weiter. Ich blickte so durch dieses weite Rund, in die Gesichter der Fans und dachte: Jetzt weißt du, was Schalke ist.“ Ich hätte es diesen Leuten so sehr gegönnt.

Wie ging der Abend weiter?
Du kannst an so einem Tag nicht alleine nach Hause gehen. Also lud Frode Grodas, unser Ersatz­tor­wart, alle zu einer Frust­party ein. Es begann schlep­pend, doch mit der Zeit eska­lierte es. Irgend­wann mor­gens, als es schon hell war, fand jemand eine sil­berne Obst­schale. Wir reichten sie umher wie die Meis­ter­tro­phäe und ver­an­stal­teten Polo­naisen. Von da an wurde es richtig wild.

Manche erzählen, Frode Grodas musste dann reno­vieren.
Quatsch. Er musste nur sehr viele Wände strei­chen …

Eine Woche später stand das Pokal­fi­nale an. Konnten Sie so schnell umschalten?
Bis dahin ging es uns kör­per­lich wieder gut. Und bei unserem Abschluss­trai­ning kamen 15 000 Fans zum Gelände, um uns Mut zuzu­spre­chen. Wir waren zwar anfangs etwas nervös, aber Jörg Böhme hat uns mit zwei phan­tas­ti­schen Toren gerettet. Mit dem Pokal­sieg haben wir eine groß­ar­tige Saison gekrönt.

Wenig später erlebte Schalke einen Umbruch und auch Sie Ihre erste Krise als Stürmer.
Das kann man so sagen. 2003 blieb ich ein halbes Jahr ohne ein ein­ziges Tor. So etwas war mir in meiner gesamten Kar­riere noch nie pas­siert. Zum Auf­takt der Rück­runde spielten wir dann in Dort­mund und Trainer Jupp Heynckes ließ mich aus­ge­rechnet in diesem Spiel auf der Bank. Doch nicht nur das, er wech­selte auch noch den 18-jäh­rigen Mike Hanke vor mir ein. In diesem Moment spürte ich: Jetzt machst du es. Es reicht.“ Ich kam rein und traf in der letzten Minute zum 1:0‑Sieg. In Dort­mund! Das war eine Erlö­sung und mit Sicher­heit einer der emo­tio­nalsten Momente meiner Kar­riere.

Sie haben im Jahr 2006 auf­ge­hört. Was machen Sie seitdem?
Ich habe viele Jahre als Stür­mer­trainer der däni­schen Natio­nal­mann­schaft gear­beitet. Außerdem habe ich eine Fuß­bal­laka­demie in Shanghai eröffnet und will nun eine Sport­aka­demie in Dubai auf­bauen. Wir leben seit einiger Zeit dort, weil mein Sohn eine Schim­mel­pilz­all­ergie hat, er kommt mit der Luft in Däne­mark nicht zurecht. Und ich bin seit einer Weile im Sport­li­chen Beirat auf Schalke, zusammen mit Huub Ste­vens und Mike Büs­kens. So reise ich einmal im Monat zu meinem zweiten Zuhause, auf Schalke.

Sagen Sie, stimmt eigent­lich die Geschichte, dass Sie einmal mit dem Taxi von Däne­mark nach Schalke gefahren sind?
(Lacht.) Ja, das war kurz vor der Geburt unseres Sohnes. Ich war gerade wegen eines Län­der­spiels in Däne­mark, als mich meine Frau anrief. Sie war hoch­schwanger und machte mir klar, dass es nicht mehr lange dauern würde. Also stürmte ich zum Taxi­stand und sagte, dass ich schnell nach Deutsch­land müsse, ins Ruhr­ge­biet. Wir standen da gerade in Aarhus, das war knapp 700 Kilo­meter ent­fernt.

Wie reagierte der Taxi­fahrer?
Er war total begeis­tert. Aber ich bin ja nicht blöd und habe einen Fest­preis aus­ge­macht. Wir fuhren die ganze Nacht durch, bei scheuß­li­chem Wetter, es reg­nete und schneite. Für mich hat alles geklappt: Ich schaffte es recht­zeitig zur Geburt meines Sohnes. Für den Fahrer hatte es nicht nur Vor­teile. Er musste bei diesem Sau­wetter den ganzen Weg zurück. Und es gab wohl nicht allzu viele Fahr­gäste, die gerade vom Ruhr­ge­biet aus nach Däne­mark mit dem Taxi fahren wollten.