Seite 2: „Die Diagnose Krebs – und ich war nüchtern“

Warum sind Sie nicht zum Arzt gegangen?
Ich hatte Angst. Bei der WM in Frank­reich schoss ich im Ach­tel­fi­nale ein wich­tiges Tor gegen Nigeria, bis dahin der Höhe­punkt meiner Kar­riere. Ich wollte diesen Moment so lange wie mög­lich aus­kosten und schwieg vor lauter Furcht, dass alles vorbei sein könnte. Als ich dann beim Arzt war und einen Termin für den Ultra­schall bekam, ver­schob ich auch diesen um einen Tag. Ich wollte noch unbe­dingt die Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League mit Bröndby spielen.

Was pas­sierte am fol­genden Tag?
Wir fei­erten nach dem Spiel ohne Ende, am nächsten Morgen musste mich meine Frau zum Termin fahren. Ich war noch halb besoffen. Dann kam die Dia­gnose Hoden­krebs – und ich war schlag­artig nüch­tern. Doch komi­scher­weise habe ich in diesem Moment total ruhig reagiert. Ich war weder auf­ge­löst noch habe ich geweint. Ich habe ein­fach direkt für den fol­genden Tag einen Termin für die Ope­ra­tion bean­tragt.

Hatten Sie keine Angst um Ihr Leben?
Hoden­krebs ist ein Krebs mit hoher Über­le­bens­chance von 95 Pro­zent. Ich habe mir ein­ge­redet, dass ich es schaffe. Aber wenn du abends im Bett liegst, denkst du auch mal an die fünf ver­blei­benden Pro­zent. Es dau­erte 14 Tage, bis ich die erlö­sende Nach­richt bekam, dass die Ope­ra­tion gut ver­laufen war. Ich war geheilt. 17 Tage nach meiner Ope­ra­tion spielte ich mit Bröndby gegen Bayern, wir gewannen sen­sa­tio­nell mit 2:1.

Das hört sich an, als hätten Sie so eine Erkran­kung schnell weg­ge­steckt.
Ich stand zwar auf dem Platz, aber mental beschäf­tigte mich die Krank­heit noch eine ganze Weile. Der Kopf macht dann ein­fach, was er will. Bei jeder Prel­lung und jeder kleinen Ver­let­zung ver­bin­dest du das mit dem Krebs. Außerdem war ich ein halbes Jahr lang voll­kommen moti­va­ti­onslos. Der Sport ist nicht das Wich­tigste im Leben, dachte ich. Das sollte dir klar sein – außer­halb des Platzes. Aber wenn du auf den Rasen gehst, muss es für dich in den 90 Minuten eben das Wich­tigste sein.

Wie kamen Sie aus diesem Loch heraus?
Rudi Assauer war der Schlüssel. Er wollte mich unbe­dingt zu Schalke holen. Wenn ein Manager eines so großen Ver­eins dich trotz dieser schweren Krank­heit haben will, ist das ein unglaub­li­ches Zei­chen. Ich werde nie ver­gessen, wie ich am Tag der Trans­fer­ver­hand­lungen in das Büro in Kopen­hagen kam. Dort saßen fünf Funk­tio­näre von Bröndby an einem langen Tisch. Auf der anderen Seite erkannte ich durch die Rauch­schwaden einen ein­zigen Mann von Schalke. Typisch Assauer, Ver­hand­lungen in Däne­mark, eins gegen fünf. So gefiel ihm das.

Haben Sie sich nicht mit Ihrem Berater abge­spro­chen?
Nein, ich hatte in meiner ganzen Kar­riere keinen Berater. Selbst wenn später andere Ver­eine ange­fragt haben sollten, ich habe davon nichts mit­be­kommen. Ich spielte für Bröndby und Schalke – was sollte ich woan­ders? Die Ver­eine haben den Transfer in Kopen­hagen unter sich aus­ge­macht. Danach gingen alle runter in eine Kneipe, aßen Hering, bestellten Schnaps und Bier. Sie drehten sich zu mir und fragten: Ebbe, was willst du trinken?“ Ich war etwas ver­schüch­tert, weil dort schließ­lich auch mein neuer Chef mit am Tisch saß. Ich ver­zich­tete auf den Schnaps, aber bestellte ein Bier. Wissen Sie, ich mag ein­fach gern ein kühles, frisch gezapftes Pils.

Damit passten Sie sehr gut ins Ruhr­ge­biet.
Wir haben das als Mann­schaft auf Schalke auch gepflegt. Jeden Dienstag trafen wir uns zum Team­a­bend im Zutz“, einer alten Loka­lität in Gel­sen­kir­chen-Buer. Vorne hockten die Rentner am Tresen vor ihrem Korn, hinten ver­sam­melten wir uns mit der Mann­schaft, jede Woche an die zwanzig Spieler. Wenn du mal in deinen pri­vaten Kla­motten zusam­men­sitzt, ist das Ganze viel unge­zwun­gener als in der Kabine.