Herr Schäfer, erin­nern Sie sich noch an den 10. November 1990?

War da das Spiel gegen Bochum?

Ja, genau das. Es war das Spiel, mit dem eine große Tor­hü­ter­kar­riere ihren Anfang nahm und die an diesem Samstag endet.

Klar habe ich die Bilder noch vor Augen.. Schon in den Wochen zuvor hat jeder darauf gewartet, dass ich den Olli ins Tor stelle. Aber ich konnte doch nicht ein­fach meine dama­lige Nummer eins, den Alex­ander Famulla, raus­nehmen.

Gegen Bochum war es aber soweit.

Famulla war unwahr­schein­lich nervös. Er spürte, dass Olli mit den Füßen scharrte. Und tat­säch­lich machte er zwei kapi­tale Fehler. Wir lagen zur Halb­zeit 1:2 hinten, und ich wech­selte den Tor­hüter. Olli hat dann in einer Szene das 1:3 ver­hin­dert – wenn auch mit viel Glück. So begann eine große Kar­riere. Am Ende haben wir das Spiel mit 3:2 gewonnen. Olli war fortan meine Nummer eins.

Beschreiben Sie den jungen Kahn.

Er hatte einen unwahr­schein­lich starken Willen. Und er war als Jugend­spieler auf dem Platz schon sehr prä­sent, gab laut­stark Kom­mandos. Ich werde nie ver­gessen, wie ich mich ein paar Jahre zuvor zwi­schen Olli und Stefan Wimmer, dem Sohn der Karls­ruher Tor­hüter-Legende Rudi Wimmer, als Nummer zwei hinter Famulla ent­scheiden musste. Ich setzte ein Shoo­tout an und stellte beide abwech­selnd in den Kasten. Zuvor hatte ich die Jungs gefragt, wie viele Tore ich ihnen bei zehn Ver­su­chen wohl rein­hauen würde. Stefan meinte drei und Olli sagte, er würde keinen durch­lassen.

Hat er Recht behalten?

Nein, mein erster Schuss lan­dete unhaltbar im Winkel. Ich fragte: Na Olli, sollen wir jetzt schon auf­hören? Der Junge war so geladen, ich dachte, der geht mir an die Gurgel. Wir machten weiter und nach einer halben Stunde sagte ich dann: Okay, Schluss für heute. Ich hatte so oft aufs Tor geschossen, dass mir der Ober­schenkel brannte. Was, jetzt schon auf­hören, meinte Olli. Ich ent­schied mich für ihn. Seine Wil­lens­stärke gab den Aus­schlag.

Es heißt, Alex­ander Famulla wollte sich nicht das Zimmer mit seinem Her­aus­for­derer teilen, weil er Angst hatte, der Ehr­geiz­ling würde ihm nachts ein Kissen aufs Gesicht drü­cken.

Ich kenne die Geschichte. Aber ich weiß nicht, ob sie wirk­lich stimmt. Da müssen Sie den Alex­ander schon selber fragen.

Wie war die Stel­lung des Neu­lings Kahn inner­halb des KSC-Teams?

Er hat sich schnell bei allen Mit­spie­lern Respekt ver­schafft. Weil sie erkannten, dass sie mit Olli im Tor etwas errei­chen und vorne mit­spielen konnten. Olli gab immer alles. Egal ob im Trai­ning oder im Punkt­spiel, er wollte immer gewinnen. Der eine oder andere Team­kol­lege hat sich über den ver­rückten Kahn“ schon mal lustig gemacht. Dann ging es im Trai­ning ordent­lich zu Sache. Aber ins­ge­heim wussten die anderen, dass man so einen Typen wie Olli in der Mann­schaft braucht.

Respek­tiert zu werden, ist eine Sache, beliebt sein die andere.

Olli war kein Außen­seiter und ein in jeder Sekunde ver­bis­sener Typ. Dieses Bild stimmt nicht. Er konnte auch ein lus­tiger Kerl sein. Nur hat er das nach außen hin nicht gezeigt. Eines war aber auf­fällig. Olli hat sich immer als Erster in sein Zimmer ver­zogen, wäh­rend die anderen noch zusammen saßen, zum Bei­spiel nach dem Essen. Olli las viel, wollte immer weiter kommen, nicht nur im Fuß­ball.

Im Fuß­ball musste er zum FC Bayern Mün­chen gehen, um seinen Weg nach oben fort­zu­setzen. Waren Sie Ihrem Zög­ling böse, als er Sie und den KSC ver­ließ?

Nein, auf keinen Fall. Es war für ihn auf jeden Fall das Beste. Man hätte beim KSC ver­su­chen können, über Spon­soren so viel Geld auf­zu­bringen, um Olli zu halten. Aber er sagte, es gehe ihm in erster Linie um die sport­liche Per­spek­tive. Und die war lang­fristig gesehen beim FC Bayern natür­lich viel­ver­spre­chender als bei uns. Auch wenn wir zum dama­ligen Zeit­punkt besser waren als die Bayern.

Wel­cher Faktor war der ent­schei­dende für den Auf­stieg von Oliver Kahn zum Welt­tor­hüter: der Trai­nings­fleiß, sein Wille oder das Talent?

Olli hat sich das hart erar­beitet. Natür­lich hat er auch Talent mit­ge­bracht. Aber Sepp Maier zum Bei­spiel hat ganz andere Vor­aus­set­zungen mit­ge­bracht. Der war zwei­fellos talen­tierter. Aber Olli hat sich nie aus­ge­ruht. Bis­weilen musste man ihn als Trainer sogar bremsen. Zeit­weise ver­brachte er zuviel Zeit im Kraft­raum. Ich sagte ihm, dass er seine Geschmei­dig­keit ver­lieren würde.

Für kurze Zeit dachte man aller­dings, Kahn könnte seine Lust am Fuß­ball ver­lieren. Er wurde immer häu­figer auf Golf­plätzen und in Dis­ko­theken gesichtet.

Das ist Mün­chen – manchmal ein ver­füh­re­ri­scher Ort. Viel­leicht hatte Olli auch das Gefühl, dass er etwas nach­holen müsste. Wichtig war wohl zu dieser Zeit, dass er einen Mann wie Uli Hoeneß an seiner Seite hatte, der ihn nicht als Vor­ge­setzter, son­dern als Freund zur Seite nahm.

Die bit­terste Nie­der­lage musste der Titan ein­ste­cken, als Jürgen Klins­mann Jens Lehman bei der WM 2006 den Vorzug gab. Hätten Sie gedacht, dass Kahn die Rolle als Nummer zwei annimmt?

Nein. Auch weil dieser Schritt nicht gerecht­fer­tigt war. Es gab keinen Grund dafür, Leh­mann statt Kahn ins Tor zu stellen. Im Nach­hinein lässt sich natür­lich nicht klären, ob Deutsch­land mit Kahn als Nummer eins das End­spiel erreicht hätte. Olli hat auf jeden Fall in mensch­li­cher Hin­sicht viel dazu gewonnen, als er sich als Ersatz­tor­hüter zur Ver­fü­gung stellte. Ich bin übri­gens davon über­zeugt, dass Kahn heute noch der bes­sere Tor­hüter als Leh­mann ist.

Gibt es eine Szene, die Sie für immer mit dem Namen Kahn ver­binden werden?

Davon gibt es viele. Zum Bei­spiel bei unserem legen­dären 7:0‑Sieg im Uefa-Cup gegen Valencia. Alle reden nur von den sieben Toren, die wir geschossen haben. Aber dass Olli in der ersten Halb­zeit zwei Unhalt­bare her­aus­ge­holt hat und wir ansonsten das Spiel wahr­schein­lich ver­loren hätten, wird immer ver­gessen.

Bei der WM 2002 trafen Sie als Trainer von Kamerun auf Ihren ehe­ma­ligen Zög­ling. Sie werden keine guten Erin­ne­rungen daran haben.

Das kann man so sagen. Olembe ist 1,70 Meter groß. Aber als er im Vor­run­den­spiel gegen Deutsch­land alleine auf den Olli zulief, war er auf 1,40 Meter geschrumpft. Olembe bekam Angst und schei­terte an diesem phan­tas­ti­schen Tor­hüter. Ich bin mir sicher, wenn Olembe den rein macht, dann hätten wir und nicht die Deut­schen die wei­tere Reise ins Finale ange­treten.

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Damit auch nach Kahns Rück­tritt noch wei­ter­ge­ju­belt werden kann, ver­losen wir in Zusam­men­ar­beit mit dem Heye Verlag 11 Exem­plare des
exklu­siven FC Bayern-Jubel­ka­len­ders.

Beant­worte dazu ein­fach fol­gende Frage:

Wen biss Kahn einst bei einem Bun­des­liga-Spiel in den Hals?


… und schicke Deine Ant­wort an quiz@​11freunde.​de