Karsten Heine, sind Sie im Nach­hinein froh, dass Hertha BSC Ihren Ver­trag als U23-Trainer im ver­gan­genen Jahr nicht ver­län­gert hat?
So denke ich nicht. Ich hatte schon lange den Wunsch, irgend­wann noch mal was anderes zu machen. Der Zeit­punkt der Tren­nung hat mich aller­dings ein wenig über­rascht, gera­dezu irri­tiert. Glück­li­cher­weise haben wir die Sache inzwi­schen geklärt. Da bleibt somit nichts hängen.
 
Sie hätten den Klub, für den Sie über 14 Jahre in ver­schie­denen Funk­tionen tätig waren, frei­willig ver­lassen?
Noch mal: Zu diesem Zeit­punkt war ein Abschied für mich kein Thema, des­halb auch die erwähnten Irri­ta­tionen. Das Schöne an der Geschichte: Die Ver­ant­wort­li­chen und ich haben alles aus­ge­räumt und auch heute noch ein sehr gutes Ver­hältnis zuein­ander. Ins­ge­samt war es eine wun­der­bare Zeit in Berlin.
 
Hertha-Manager Michael Preetz sagte damals: Wir wollen mit unser Neu­ori­en­tie­rung unseren jungen, talen­tierten Nach­wuchs­trai­nern den Weg nach oben öffnen“. Herr Heine, sind Sie ein Trainer der alten Schule?
(Lacht) Bis­lang hat man mich eher in die Schub­lade gesteckt: Der kann nur gut mit jungen Spielen“. Ich sehe mich weder als Trainer der alten Schule noch bin ich stur oder unbe­lehrbar. Ich finde es absolut okay, wenn ein Klub sagt, er wolle dem Nach­wuchs eine Chance geben. Wenn ich die Lesart wei­ter­führe, könnte man auch sagen: Der Heine hat fünf Jahre einen Trai­ner­posten blo­ckiert. Auch wenn es abge­dro­schen klingt: Es gibt nur erfolg­reiche oder weniger erfolg­reiche Trainer.
 
Was ist für Sie Erfolg?
Wenn ich die U23-Jungs derart unter­stütze und anleite, dass der eine oder andere von ihnen den Sprung in den Pro­fi­kader schafft, dann ist das ein großer Erfolg. Ebenso ist es ein Erfolg, mit einer Pro­fi­mann­schaft auf­zu­steigen oder Deut­scher Meister zu werden. Dass die zweite Vari­ante deut­lich lukra­tiver ist, steht außer Frage. Den­noch sollte uns bei der Beur­tei­lung immer klar sein: Es gibt unheim­lich viele moti­vierte und zugleich hoch­pro­fes­sio­nelle Trainer, die nie die Chance erhalten werden, eine Pro­fi­mann­schaft zu trai­nieren.
 
Und was wollen Sie damit sagen?
Die Liga­zu­ge­hö­rig­keit sagt nicht immer etwas über die Qua­lität eines Trai­ners aus. Da kommen näm­lich auch die Fak­toren Glück, Bezie­hung und Timing ins Spiel. Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Es hat auch in der Bun­des­liga schon Trainer gegeben, die – vor­sichtig aus­ge­drückt – nicht gerade das Prä­dikat über­ra­gend“ tragen. (Lächelt)
 
Was machen die jungen, modernen Trainer heute anders als die Genera­tionen zuvor?
Das kann ich schwer beur­teilen. Abge­sehen von ein paar Trai­nings­me­thoden hat sich meiner Ein­schät­zung nach nicht viel ver­än­dert. Der eine Trainer legt mehr Wert auf Ball­be­sitz, der andere auf schnelles Kon­ter­spiel. Ein guter Trainer ent­scheidet sich für ein System, das zu seinen Spie­lern passt. Deren Qua­li­täten sollten aus­schlag­ge­bend sein, ob er eher eine offen­sive oder defen­sive Aus­rich­tung wählt.
 
Wel­cher Trainer fällt Ihnen da spontan ein?
Jupp Heynckes! Ein Para­de­bei­spiel. Er hat mit 68 alle Titel geholt, die man auf Ver­eins­ebene holen kann. Er wusste genau, wann er welche Taktik wählen muss. Ich hatte nie den Ein­druck, Heynckes gehe mit der Ein­stel­lung durchs Leben, er wisse alles besser. Die übliche Jour­na­lis­ten­phrase, Der Trainer ist zu alt, er spricht nicht mehr die Sprache der Spieler“ ist ohnehin Schwach­sinn. Es ist doch in jedem Beruf gleich: Wer sich nicht wei­ter­ent­wi­ckelt, wer nicht mit der Zeit geht, der stößt irgend­wann an Grenzen. Ich muss aber auch nicht jedes Mode­wort kennen, um gut mit den Jungs zurecht­zu­kommen.
 
Ist es für junge Spieler mitt­ler­weile schwie­riger, nach oben zu kommen?
Die Aus­bil­dung in den Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren hat sich in den ver­gan­genen zehn Jahren her­vor­ra­gend ent­wi­ckelt. Ein talen­tierter und zugleich ehr­gei­ziger Spieler hat es heut­zu­tage ver­mut­lich leichter, auf sich auf­merksam zu machen. Die Spieler werden inzwi­schen schon in jungen Jahren exzel­lent betreut, sie werden indi­vi­duell geför­dert und ihnen wird im Alltag viel abge­nommen. Der Sprung in den Pro­fi­be­reich war früher eher schwie­riger.
 
Im Jahr 2005 – Sie waren damals Trainer der Hertha-Ama­teure – stießen die Boateng-Brüder zur Mann­schaft. War Ihnen schon zu jener Zeit klar, dass beide später eine derart erfolg­reiche Pro­fi­kar­riere hin­legen würden?
Es hätte sehr viel schief­gehen müssen, damit es Kevin-Prince und Jerome nicht in die inter­na­tio­nale Spitze schafften. Mich hat die Ent­wick­lung der beiden in keiner Weise über­rascht, denn sie waren schon in jungen Jahren extrem ehr­geizig. Sie hatten immer den Anspruch, die Besten zu sein. Egal, wie, wann oder wo – die wollten immer gewinnen! Sie können sich nicht vor­stellen, wie deren Stim­mung sank, wenn sie ein kleines Trai­nings­spiel ver­loren.
 
Kei­nerlei Bequem­lich­keit?
Zumin­dest nicht auf dem Spiel­feld. Dieser Sie­ges­wille hat mich schon damals beein­druckt. Die haben sich nie zurück­ge­lehnt, wenn es mal nicht so lief. Das kann man wahr­lich nicht von jedem Spieler behaupten. Ich bin über­zeugt, Kevin-Prince und Jerome würden gern noch mal irgend­wann zusam­men­spielen.
 
Haben Sie denn noch Kon­takt zu den beiden?
Nein. Ich habe Jerome mal auf einer Geburts­tags­feier getroffen, das war’s. Jeder macht sein Ding, das ist völlig normal. Ich ver­folge die Ent­wick­lung meiner ehe­ma­ligen Spieler aber ganz genau.
 
Und was ist Ihnen zuletzt bei Jerome Boateng auf­ge­fallen?
Er hat einen Rie­sen­sprung nach vorn gemacht. Noch vor wenigen Jahren hatte er inner­halb der 90 Minuten immer wieder den einen oder anderen Bock drin. Unmo­ti­vierte Fouls und Stel­lungs­fehler, das gehörte meist dazu. All das hat er inzwi­schen abge­stellt. In seinen ersten Bun­des­li­ga­jahren war er nicht abge­klärt genug. Dass seine über­ra­gende Schnel­lig­keit seit jeher zu seinen großen Stärken zählt, muss ich nicht erwähnen. Zudem ist er beid­füßig und sehr ath­le­tisch. Aber keine Sorge, ich höre jetzt auf mit der Schwär­merei. (Lacht)