Bernd Leno, wie haben Sie die WM ver­folgt?
Wie alle anderen Fans auch: vor dem Fern­seher. Mal alleine, mal mit Freunden. Jetzt bin ich aber gespannt, warum Sie fragen.
 
Die WM galt auch als Welt­meis­ter­schaft der Tor­hüter. Neuer, Ochoa, Bravo, Navas, Howard. Wie haben Sie die Leis­tung der Kol­legen gesehen?
Da waren schon einige Teu­fels­kerle dabei, die richtig starke Leis­tungen gezeigt haben. Mir ist auf­ge­fallen, dass viele Tor­hüter bei der WM ruhig und sach­lich auf­ge­treten sind. Die haben keine wilden Aktionen gezeigt, keine Spieler umge­hauen oder gebissen. (lacht) Das fand ich schon beein­dru­ckend.
 
Wer hat Sie beson­ders fas­zi­niert?
Manuel Neuer. Wie er mit­ge­spielt hat, beson­ders gegen Alge­rien, das war schon Extra­klasse. Neben ihm haben mich vor allem Claudio Bravo von Chile und Guil­lermo Ochoa von Mexiko über­zeugt. Das waren rich­tige Per­sön­lich­keiten, mit einer per­fekten Aus­strah­lung und Ruhe. Ochoa kannte ich zum Bei­spiel gar nicht. Wie er im Spiel gegen Bra­si­lien gehalten hat, über­ra­gend!
 
Sie geraten ja richtig ins Schwärmen. Gucken Sie sich von diesen Tor­hü­tern Dinge ab?
Nein, das nicht. Aber ich schaue ihnen gerne zu. Bei einer WM treffen ver­schie­dene Tor­wart­schulen auf­ein­ander. Die Süd­ame­ri­kaner sind sehr schnell und flink auf den Beinen. In Deutsch­land hin­gegen legen wir mehr Wert darauf, dass sich die Tor­hüter groß machen und gute Reflexe zeigen. Die Spa­nier sind wieder anders, so ein Mit­tel­ding zwi­schen beiden Stilen. So etwas inter­es­siert mich.
 
Hatten Sie früher ein Vor­bild?
Iker Cas­illas. Heute hat er viel­leicht sein Limit erreicht, früher fand ich ihn aber super. Er hat alles gewonnen und eine unglaub­liche Kon­stanz gezeigt.
 
Cas­illas gilt als ein sehr ruhiger und abge­klärter Zeit­ge­nosse. Ähn­lich wie Sie…
So bin ich halt, ein ruhiger, sach­li­cher Tor­wart, der keine großen Show-Sachen macht. Ich muss nicht jedes Mal in den Pfosten beißen, um mich zu pro­fi­lieren.
 
Sie sind 22 Jahre alt, gehen nun in Ihre vierte Saison als Stamm­tor­wart bei Bayer Lever­kusen. Hätten Sie das gedacht, als sie vor drei Jahren gegen Werder Bremen debü­tierten?
Über­haupt nicht! Ich habe damals aus dem Nichts debü­tiert. Drei Tage nachdem Lever­kusen mich 2011 aus Stutt­gart ver­pflichtet hat, stand ich schon in der Startelf, einen Monat später spielte ich zum ersten Mal Cham­pions League. Auch wenn das alles gut lief, wusste ich ja lange Zeit nicht, wo die Reise hin geht. Ich war ja nur aus­ge­liehen. Daher war nicht abzu­sehen, dass es so gut laufen wird.
 
Wie ist das eigent­lich, wenn man vom Nobody zum Bun­des­li­ga­tor­wart wird?
In den Ver­hand­lungen mit Lever­kusen hat Sport­di­rektor Rudi Völler von Anfang an klar gesagt: ›Bis René Adler zurück­kommt, wirst du spielen!‹ Ich habe gedacht: ›Cool, hof­fent­lich klappt das.‹ Don­ners­tags bin ich dann tat­säch­lich gewech­selt – sonn­tags war das Spiel. Und plötz­lich war ich richtig nervös.
 
Warum?
Ich habe meine ganze junge Kar­riere auf den Moment hin­ge­ar­beitet, in der Bun­des­liga zu spielen. Plötz­lich hatte ich aber einen rie­sigen Respekt davor. Das Schlimmste war, als wir mit dem Bus zum Sta­dion gefahren sind. Ich war so nervös. Dann das Auf­wärmen, zurück in die Kabine, Blick auf die Uhr: Noch 13 Minuten. Ich erin­nere mich genau. Die Anspan­nung war höl­lisch.
 
Und dann?
Mit Betreten des Rasens war alles weg. Wir gingen raus, die Zuschauer jubelten. Das Gefühl kann ich kaum beschreiben, da hat man so eine Gän­se­haut. Plötz­lich war nur noch eine total posi­tive Anspan­nung da – und rie­sige Vor­freude.
 
Heute haben Sie bereits 99 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel.
Die drei Jahre kamen mir gar nicht vor wie drei Jahre. Und die 99 Spiele nicht wie 99 Spiele. Das ist für einen 22-jäh­rigen Tor­wart schon eine Menge. Ich bin Bayer Lever­kusen jeden­falls sehr dankbar, für die Chance und das Ver­trauen.
 
In diesem Jahr trai­nieren Sie bei Bayer bereits unter dem vierten Trainer. Fehlt in Lever­kusen die Kon­stanz?
Im Bezug auf die Trai­ner­po­si­tion viel­leicht. Es gab in den letzten Jahren zu viele Aufs und Abs. Zum Bei­spiel im ver­gan­genen Jahr. Es ist mir auch heute noch völlig uner­klär­lich, warum wir ein­ge­bro­chen sind. Ich hoffe jetzt, dass mit dem neuen Trainer Roger Schmidt wieder Kon­stanz rein­kommt. Wir wollen end­lich den nächsten Schritt machen, nicht immer nur kurz davor sein.
 
Wie haben Sie Roger Schmidt in der Vor­be­rei­tung erlebt?
Der Trainer hat einen klaren Plan. Er legt die rich­tige Mischung aus Aggres­si­vität und Mensch­lich­keit an den Tag. Spie­le­risch planen wir ein viel offen­si­veres Pres­sing. Ich finde richtig gut, dass wir end­lich Eigen­in­itia­tive ergreifen und nicht mehr so viel abwarten.
 
Was heißt das kon­kret?
Wir wollen den Gegner mehr über­ra­schen, nach einem Tor auch mal nach­legen und nicht direkt auf Defen­sive schalten. Wir wollen höher stehen, früher pressen, kom­pakt und kol­lektiv ver­schieben. Dadurch gehen wir zwar ein höheres Risiko, das wollen wir aber durch gutes Team­work auf­fangen.
 
Die Neu­zu­gänge Hakan Calha­noglu, Josip Drmic und Kyriakos Papado­poulos kennen die Bun­des­liga, dazu kommen mit Vladlen Yur­ch­enko, Tin Jedvaj und Wedell drei junge Talente. Was darf man von Bayer Lever­kusen erwarten?
Wir haben enorme Qua­lität dazu bekommen. Hakan Calha­noglu ist eine Waffe, das hat er in der Vor­be­rei­tung bereits gezeigt. Hinter Kieß­ling haben wir jetzt mit Drmic eine starke Alter­na­tive. Und auch die jungen Talente können jeder­zeit ein­springen. Mit diesem Kader wollen wir uns ver­bes­sern. Was das nach Platz vier heißt, kann sich jeder denken.
 
Wollen Sie auch in der Cham­pions League besser abschneiden?
Wir sollten erst einmal die Qua­li­fi­ka­tion gegen Kopen­hagen über­stehen. Anschlie­ßend wollen wir aber angreifen. Es wäre klasse, wenn wir in dieser Saison mal ein Aus­ru­fe­zei­chen setzen können – viel­leicht mit einem Vier­tel­fi­nal­einzug.
 
Sie sind bereits 16 Mal in Cham­pions- und sechsmal in der Europa-League-Spiele auf­ge­laufen. Wie zufrieden sind Sie mit ihrer per­sön­li­chen Bilanz?
In erster Linie bin ich stolz auf meinen großen Erfah­rungs­schatz. Wer hat den schon in diesem Alter? Aller­dings gab es auch Spiele wie das 1:7 in Bar­ce­lona oder die 0:4‑Pleite Anfang des Jahres gegen Paris. Das hätte auf jeden Fall besser laufen können.
 
Warum hat es trotz der inter­na­tio­nalen Erfah­rung bisher nicht zur Beru­fung für die Natio­nal­mann­schaft gereicht?
Keine Ahnung. Ich habe in der Cham­pions League immer meine Leis­tung gebracht, das haben die anderen jungen Kol­legen, außer Manuel Neuer, noch nicht vor­zu­weisen. Ich brauche mich vor keinem anderen zu ver­ste­cken. Wenn ich meine Leis­tung bringe, hoffe ich zeitnah einmal ein­ge­laden zu werden. Aller­dings kann ich mein Stan­ding beim Bun­des­trainer über­haupt nicht ein­schätzen, da ich noch nie nomi­niert wurde.
 
Viele Experten sehen in Ihnen und Marc-André ter Stegen, den zwei ewigen Rivalen, die Zukunft im deut­schen Tor.
Ach, dieses Gerede inter­es­siert mich gar nicht. Es ist bekannt, dass unser Ver­hältnis nicht gut ist. Trotzdem ist dieses Tor­wart-Duell eher ein Medi­en­thema. Wir werden sehen, wer sich sport­lich durch­setzt. Immer wenn wir gegen­ein­ander gespielt haben, hieß das Duell nicht Leno gegen ter Stegen, son­dern Lever­kusen gegen Glad­bach. Und das war meist sehr erfolg­reich für uns.
 
Ter Stegen ist vor dieser Saison zum FC Bar­ce­lona gewech­selt, seinem Traum­verein im Aus­land. Hatten Sie früher auch einen Lieb­lings­verein?
Ich habe ja bereits über Cas­illas gespro­chen. Noch heute kann ich mich genau an sein über­ra­gendes Spiel im Cham­pions-League-Finale gegen Bayer Lever­kusen erin­nern. Real Madrid hat mich früher schon sehr fas­zi­niert und war eine Art Lieb­lings­verein. Auf der Play­sta­tion zocke ich übri­gens heute noch am liebsten mit Real. (lacht)
 
Ist es ein Traum mal für die König­li­chen“ zu spielen?
Ich bin erst 22 Jahre alt. Bei Lever­kusen habe ich erlebt, dass alles sehr schnell gehen kann. Das Aus­land ist aber sicher reiz­voll. Eine neue Sprache, eine neue Kultur – das könnte ich mir durchaus einmal vor­stellen. Ich bin aber nicht so ver­messen, zu sagen, dass ich auf jeden Fall mal bei Real spielen werde.