Herr Kuntz, wel­ches Image trans­por­tiert eigent­lich ein Schnurr­bart?

Zunächst ist es nur eine bestimmte modi­sche Ein­stel­lung. Aber ich kann hier nur für mich spre­chen: Als ich aus der Pubertät rauskam und dann so langsam end­lich etwas gewachsen ist, war es für mich auch durchaus ein Männ­lich­keits­symbol. Das sehe ich heute natür­lich etwas anders.

Wie sehen Sie es denn heute?

Als eine fal­sche Ent­schei­dung, wenn ich mir alte Bilder anschaue.

Warum haben Sie ihn abra­siert?

Um ehr­lich zu sein, ist das jah­re­lange Bet­teln meiner Frau der wahre Grund dafür gewesen. Ich musste dann auch zugeben, dass ich es durchaus schon geschätzte vier Jahre früher hätte machen können.

Sie schlugen unmit­telbar nach ihrer aktiven Zeit als Pro­fi­fuß­baller die Trai­ner­lauf­bahn ein. In fünf Jahren waren Sie bei vier Ver­einen beschäf­tigt. Dann war plötz­lich Schluss.

Ich habe gemerkt, dass mir der Trai­nerjob nicht soviel Spaß gemacht hat wie erwartet. Ich habe keine rich­tige Erfül­lung darin gefunden, und ich hatte, ehr­lich gesagt, auch keinen durch­schla­genden Erfolg.

Was hat Sie am Trai­ner­beruf über­rascht?

Schwie­rige Themen waren für mich die Ein­stel­lung, Dis­zi­plin und Selbst­ver­ant­wor­tung man­cher Spieler. Ich habe selbst 16 Jahre lang Pro­fi­fuß­ball gespielt und in man­chen Fällen wahr­schein­lich zu viel vor­aus­ge­setzt. Anfangs habe ich gedacht, dass ich die Nähe zum Fuß­ball noch brauche – Gras rie­chen muss, wie man so schön sagt. Aber dem war nicht so.

Wie kamen Sie schließ­lich auf die Idee, Manager eines Fuß­ball­ver­eins zu werden?

Zunächst habe ich mir eine Aus­zeit genommen, um ein wenig Abstand von der Fuß­ball­welt zu gewinnen. Dann haben so ein paar graue Zellen in meinem Kopf gefragt: Machst du aus diesem Leben noch etwas anderes, oder war es das jetzt? Ich habe ein Fern­stu­dium Fuß­ball­ma­nage­ment begonnen und meine grauen Zellen haben mir schnell zu ver­stehen gegeben, dass sie gerne wei­terhin aktiv tätig sein wollen. Ich merkte, dass mich die Sache inter­es­siert und reizt. Meine Arbeit macht mir auch des­halb wahn­sinnig Spaß, weil ich merke, wie sehr ich mich als Person wei­ter­ent­wi­ckele.

Hatten Sie Vor­bilder in diesem Beruf?

Nein.

Der TuS Koblenz sollte die erste Sta­tion des Mana­gers Stefan Kuntz werden. Wie ist der Verein auf Sie gekommen?

Das war einer dieser Zufälle. Ein Spieler von Koblenz, der im Saar­land lebt, wusste, dass der Kuntz lieber Manager machen möchte als Trainer. Die TuS suchte gerade nach einem, und so kam es zu den ersten Gesprä­chen.

Ihr Name hat Ihnen sicher nicht geschadet?

Sicher­lich wurde das im Hin­blick auf die Spon­so­ring­ge­schichten mit in Erwä­gung gezogen. Ein wei­terer Grund war, dass Koblenz jemand Externes haben wollte, um sich von alten Seil­schaften zu lösen.

In Koblenz konnten Sie inner­halb kür­zester Zeit pro­fes­sio­nel­lere Bedin­gungen ein­führen. Wer hat Ihnen als Berufs­an­fänger“ geholfen?

Es war viel lear­ning by doing. Ich hatte eine äußerst enga­gierte Assis­tentin, die mir sehr viel Arbeit abge­nommen hat und mit Herz­blut dabei war. Alle Mit­ar­beiter waren sehr hilfs­be­reit und enga­giert. Auch die Spon­soren standen meiner Ver­pflich­tung von vorn­herein positiv gegen­über. So hatte ich von Beginn an eine große Sicher­heit, auch was das Inves­ti­ti­ons­vo­lumen anbe­langte.

Also der ideale Ort für den Ein­stieg in die Mana­ger­kar­riere?

Absolut. Ich habe sehr viele Erfah­rungen gesam­melt, weil wir den Verein wirk­lich gestalten konnten. Auch der sport­liche Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die Zusam­men­ar­beit mit dem Trainer lief her­vor­ra­gend, und die Stadt hat uns bei allem, was wir taten, unter­stützt und uns Rücken­de­ckung gegeben.

Sie sind aus­ge­bil­deter Poli­zist.

Ja, das ist richtig.

Kann Ihnen diese Aus­bil­dung im Manage­ment­be­reich wei­ter­helfen? Viel­leicht in bri­santen Ver­hand­lungen, wenn Sie die Nerven behalten müssen?

Nee. (Pause) Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass ich dank meiner Aus­bil­dungen im Kampf­sport­be­reich viel­leicht dem ein oder anderen Ver­hand­lungs­partner kör­per­lich über­legen bin. (lacht laut) Nein, im Ernst: Für mich war es damals ein­fach wichtig, noch zusätz­lich einer nor­malen Tätig­keit nach­gehen zu können. Daraus konnte ich viel Selbst­wert­ge­fühl ziehen. Das emp­fehle ich sowieso jedem jün­geren Spieler, und es gehört auch zur Phi­lo­so­phie des VfL Bochum.

Welche Erfah­rungen als Spieler helfen Ihnen nun als Manager?

Ich erkenne sehr schnell bestimmte Strö­mungen und Stim­mungen inner­halb einer Mann­schaft. Da ich das alles selbst erlebt habe, nehme ich so etwas viel­leicht schneller wahr als andere. Und das kann in meinem Beruf durchaus hilf­reich sein. Ich war sehr lange Profi, von daher kann ich sowohl junge, als auch alte Spieler an meinen Erfah­rungen teil­haben lassen – was sie daraus ziehen, muss natür­lich der jewei­lige Spieler selbst ent­scheiden.

1995 spielten Sie eine Saison in der Türkei für Bes­iktas Istanbul. Eine wei­tere Erfah­rung, von der Sie auch als Manager pro­fi­tieren werden. Hatten Sie Pro­bleme mit der Inte­gra­tion?

Nein, im Gegen­teil: Die Türken haben es mir und meiner Familie sehr leicht gemacht. Ich kann wirk­lich von keinem ein­zigen nega­tiven Erlebnis berichten.

Die kul­tu­rellen Unter­schiede haben Ihnen keine Schwie­rig­keiten bereitet?

Nein. Natür­lich habe ich Rück­sicht auf kul­tu­relle Eigen­heiten genommen, das ver­steht sich ja von selbst. Aber es wurde mir und meiner Familie auch sehr leicht gemacht. Die Türken waren sehr tole­rant. Nach dem Trai­ning bin ich einmal nackt in die Dusche gelaufen, und da standen dann vier, fünf Spieler, die ihre Shorts noch anhatten. Ich dachte, ich hätte mir jetzt einen Riesen-Fauxpas geleistet. Der Kapitän kam auf mich zu und hat gesagt, das liege nur an der Glau­bens­rich­tung, und ich solle mir bloß keine Sorgen machen. Ich könne mich so ver­halten, wie ich es für richtig halte.

Seit dem 1. April 2006 sind Sie Manager vom VFL Bochum. Welche Rolle hat Ihr Ver­hältnis zu Herrn Alte­goer bei Ihrem Wechsel von Koblenz nach Bochum gespielt?

Nun, er hat das Gesicht des Ver­eins ent­schei­dend geprägt, und er war für mich in Fuß­ball­an­ge­le­gen­heiten immer schon eine Art väter­li­cher Berater. Als es dann zu den Ver­trags­ge­sprä­chen kam, war bereits im Vor­feld alles sehr klar struk­tu­riert. Die Kon­zep­tionen des Ver­eins waren so genau auf den Punkt gebracht, dass ich mit klaren Vor­stel­lungen bezüg­lich meiner Tätig­keit aus diesem Gespräch gekommen bin. Diese Pro­fes­sio­na­lität hat mich beein­druckt und war ein Rie­sen­un­ter­schied zu anderen Ver­einen, die in der Zeit eben­falls Inter­esse hatten.

Für den VFL Bochum mussten Sie dieses Jahr fast eine kom­plette Mann­schaft ver­pflichten. Wie ist das Ver­hältnis zwi­schen Glück und Können bei einem sol­chen Mam­mutakt?

Ich wusste natür­lich, dass in Bochum von mir erwartet wurde, Spieler zu finden, deren Poten­tial noch nicht ganz aus­ge­schöpft ist. Umso wich­tiger war es, dass mir Trainer und Vor­stand viel Ver­trauen ent­ge­gen­ge­bracht haben. Und wissen Sie, Glück gehört immer dazu. Als ich damals als Stürmer ent­deckt wurde, war der Scout eigent­lich wegen meines direkten Gegen­spie­lers da. Ich habe in diesem Spiel aber drei Tore geschossen, und dann hat er eben mich emp­fohlen.

Welche Auf­gaben umfasst Ihre Tätig­keit beim VfL?

Bei uns ist es so, dass ich mit meinem Vor­stands­kol­legen Ansgar Schwenken das kom­plette ope­ra­tive Geschäft führe. Neben den Leuten, die gegen den Ball treten, zählt auch die Öffent­lich­keits­ar­beit zu meinem Auf­ga­ben­be­reich. Der VfL ist ins­ge­samt dadurch geprägt, dass flache Hier­ar­chien herr­schen, und es inso­fern zwi­schen den ein­zelnen Abtei­lungen einen sehr regen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch gibt. Ich könnte zwar nicht jeder­zeit eine Bilanz schreiben, um mal ein Auf­ga­ben­ge­biet von Ansgar Schwenken zu nennen, aber er könnte zum Bei­spiel immer eine von mir begon­nene Ver­hand­lung wei­ter­führen. Diese enge Zusam­men­ar­beit war auch für die Ent­wick­lung unseres Leit­bildes und die gesamte Mar­ken­ent­wick­lung sehr för­der­lich.

Ihr Leit­bild beinhaltet eine klare Ziel­set­zung des Ver­eins: Sie wollen sport­lich und wirt­schaft­lich auf Dauer erst­klassig sein. Dies ver­knüpfen Sie mit bestimmten Werten wie der Nähe zu den Fans, der Iden­ti­fi­ka­tion mit der Region und sozialer Ver­ant­wor­tung. Wie kann man sich das in der Praxis vor­stellen?

Auf der einen Seite wirt­schaften wir sehr solide, und auf der anderen Seite bauen wir unsere Mann­schaften vor allem mit Leuten aus der Stadt und der Region auf. Dann ver­su­chen wir durch gezielte Aktionen wie unsere Schulof­fen­sive, bei der bekannte Per­sön­lich­keiten aus unserem Verein Klas­sen­be­suche machen, die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem VfL zu stärken und gerade Kinder und Jugend­liche für uns zu begeis­tern. Wir legen großen Wert auf unsere Nach­wuchs­ar­beit.

Ver­su­chen Sie, den VfL auf diese Weise zwi­schen den beiden großen Ruhr­ge­biets­mann­schaften zu posi­tio­nieren?

Mit unserem Leit­bild ver­su­chen wir meh­rere Dinge gleich­zeitig: Zum Einen sollen unsere Mit­ar­beiter eine Art Ori­en­tie­rungs­leit­faden bekommen. Sie sollen wissen, worum es beim VfL eigent­lich geht – das kann man natür­lich nicht vor­aus­setzen, wenn jemand von außer­halb kommt. Zum Anderen ist es aber auch eine klare Posi­tio­nie­rung für die Öffent­lich­keit. Und dar­über hinaus sollen über das Leit­bild Ver­eins­tra­di­tionen lebendig gehalten werden. Dass es dar­über zu einer klaren Posi­tio­nie­rung kommt, ist gewis­ser­maßen ein ange­nehmer Neben­ef­fekt der ganzen Geschichte.

Sehen Sie schon Ergeb­nisse?

Alle Mit­ar­beiter haben an dem Ent­wick­lungs­pro­zess des Leit­bildes aktiv teil­ge­nommen, und allein das hat dazu geführt, dass jeder Mit­ar­beiter sen­si­bi­li­siert wurde, sich also stark mit unserem Leit­bild iden­ti­fi­ziert. In Zukunft wird es inter­es­sant, wenn neue Mit­ar­beiter hinzu stoßen. Span­nend wird es auch bei den nächsten Ver­hand­lungen, wenn ich die Spieler mit unserem Leit­bild kon­fron­tiere und sie frage, ob sie sich damit iden­ti­fi­zieren können.

Wel­cher Job ist besser: Fuß­baller oder Manager?

Pro­fi­fuß­baller‘ ist gene­rell der beste Job.

Warum?

Sie können Ihr Hobby zum Beruf machen und brau­chen sich über nichts anderes mehr Gedanken zu machen. Sie werden unter der Woche trai­niert, um am Wochen­ende vor sehr vielen Men­schen Ihr Können unter Beweis zu stellen. Dieser Job ist nicht zu toppen! Aber es ist der zweit­beste Job, jungen Men­schen diesen besten Job zu ermög­li­chen.

Zusätz­lich arbeiten Sie noch für die Stif­tung fd21, die den Kinder- und Jugend­fuß­ball in Deutsch­land för­dert. Haben Sie dafür über­haupt noch Zeit?

Immer, wenn es sich mit meinem Job ver­ein­baren lässt, nehme ich mir die Zeit dazu. Die Aktionen finden in ganz Deutsch­land statt. Sobald etwas in meiner Nähe ist, bin ich für fd21 unter­wegs.

Welche Auf­gaben über­nehmen Sie dort?

Wir sind häufig in Schulen zu Gast und ver­su­chen, die Schüler für Sport zu moti­vieren. Stan­dard­pro­gramm ist die Frage, wer alles eine Rolle kann. Da tun sich noch meis­tens etwa Drei­viertel der Kinder hervor. Wenn du dann aber sagst, ich meine ne Rolle rück­wärts, lichten sich die Reihen. Wir ver­su­chen den Kin­dern zu zeigen, dass Bewe­gung etwas Schönes ist. Und bei so einem Spiel ist mit wenig Auf­wand sehr viel Spaß zu erzielen.

Wel­ches ist die beste Frage, die Ihnen in diesem Rahmen von einem Kind gestellt wurde?

Wie viel Geld hast du früher ver­dient?

Haben Sie ehr­lich geant­wortet?

Nein. Ich habe ver­sucht zu erklären, dass die Höhe des Gehalts sicher nicht die Trieb­feder bei der Berufs­wahl sein sollte. Man muss etwas finden, das einem Spaß macht und zu einem passt.

Und wie würden Sie diesem Kind Ihre jet­zige Tätig­keit beim VFL Bochum erklären?

Ich ver­suche, Spieler zu finden, die zum VfL Bochum passen. Diese Spieler müssen andere Spieler ersetzen, die uns ver­lassen. Und ich muss darauf achten, dass der VfL immer gut dasteht bei allem, was über ihn geschrieben wird.

Zum Abschluss: Haben Sie eigent­lich das Light­ning-Seeds-Video zu Foot­balls Coming Home“ gesehen?

Ja. (Pause)

Konnten Sie dar­über lachen?

Ich kann dar­über lachen. Nur war es meiner Mutter schwer zu erklären, warum das Video noch mal geän­dert wurde, und alle jetzt das Trikot mit meinem Namen tragen. Ich konnte das umschiffen, indem ich ihr gegen­über mut­maßte, es läge bestimmt daran, dass ich im Halb­fi­nale gegen Eng­land das Tor geschossen habe. Ich musste meiner Mutter also nicht die eng­li­sche Bedeu­tung unseres aus­ge­spro­chenen Nach­na­mens erklären. Und es wäre auch schön, wenn das so bleibt. (lacht laut)

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