Patrick Helmes, wie haben Sie die Euro­pa­meis­ter­schaft ver­folgt? 
Zu Hause ganz gemüt­lich auf der Couch, ich habe kein Spiel ver­passt. 

Wie sagen Sie zu der Dis­kus­sion um Mario Gomez? 
Mario hat mit seinen Toren die rich­tige Ant­wort gegeben, aber ein paar Leute suchen immer ein Haar in der Suppe. Genauso unver­ständ­lich ist, dass der Bun­des­trainer jetzt von einigen in Frage gestellt wird – das kann ich nicht ver­stehen. 

Mario Gomez und Sie ähneln sich vom Spie­lertyp her. Die Kritik an ihm dürften Sie kennen. 
Ein­spruch! Ich bin ein ganz anderer Spie­lertyp. Richtig ist, ich bin einer, der sich das nicht mehr so zu Herzen nimmt, was geschrieben wird. Für mich zählt, was der Trainer sagt – und nicht, was in den Zei­tungen steht oder irgend­welche Experten sagen. Spe­ziell im letzten Jahr habe ich erfahren, dass es auch mal bergab geht. Da lernt man, dass andere Dinge wie die Familie und Freunde wich­tiger sind als Fuß­ball. 

Vor einem Jahr waren Sie kurz davor, den Verein zu ver­lassen. Es heißt, dass Felix Magath Sie mit aller Macht an den fran­zö­si­schen Verein AS St. Eti­enne ver­kaufen wollte. 
Der Trainer hat mir gesagt, dass ich mir einen anderen Klub suchen kann. Aber es war zu knapp vor Ende der Trans­fer­pe­riode. Für einen Schritt ins Aus­land wollte ich keinen Schnell­schuss. 

Mehr als ein halbes Jahr war nicht klar, ob sie bleiben oder wech­seln. 
Diese Unge­wiss­heit war das Schlimmste. Ich muss mich hei­misch fühlen, geborgen und sicher. Ich mag das Hotel­leben nicht, obwohl sich dort alle um mich super geküm­mert haben und ich mich wohl gefühlt habe. Ich hatte meine Kla­motten, den Fern­seher, die X‑box, aber die Möbel und die Ein­rich­tung waren nun einmal vom Hotel. Ich war hier in Wolfs­burg auch das erste Mal weit weg von zu Hause, von meiner Familie. Ich habe Zeit gebraucht, bis ich mich auf die neue Umge­bung ein­ge­stellt habe. 

Sie wurden im November 2011 zu den Ama­teuren geschickt. 
Felix Magath hat mir damals gesagt, dass wir zur Zeit keinen guten, offen­siven Fuß­ball spielen. Dass er des­halb im Moment nicht auf mich setzt, weil meine Stärken dadurch ein­fach nicht zur Gel­tung kommen. Das war ein Gespräch von fünf Minuten. Ich habe seine Mei­nung akzep­tiert. 

Geht das so ein­fach? 
Ja. 

Aber die Zeit mit ein­samen Jog­ging­läufen am Mit­tel­land­kanal war doch mit Sicher­heit nicht ein­fach. 
Natür­lich habe ich da an mir selbst gezwei­felt. Zum Glück haben mir meine Freundin und meine Familie immer wieder gesagt: Du warst jah­re­lang gut, du packst es wieder.“ Ich wollte unbe­dingt spielen. Des­halb wäre Ein­tracht Frank­furt für mich im ver­gan­genen Winter auch eine Alter­na­tive gewesen. Ich war mir sicher, dass die den Auf­stieg packen und ich dort Spiel­praxis bekommen hätte. 

Sie liefen im letzten November als Natio­nal­spieler bei einem Viert­liga-Spiel auf. Was haben Sie da gedacht? 
Der Gedanke kommt schon: Ver­dammt, was mache ich hier bei den Ama­teuren? Aber ganz ehr­lich: Das war das Beste, was mir pas­sieren konnte. Ich habe wieder Selbst­ver­trauen getankt. Und ich habe dort Freunde gefunden, mit denen ich Wolfs­burg und das Umfeld besser ken­nen­ge­lernt habe. 

Haben Sie sich irgendwie beson­ders moti­viert? Mit einem Spruch oder einem Song? 
Zeig Ihnen, dass du Profi bist“, habe ich mir gesagt. Es ist nun einmal ein Qua­li­täts­un­ter­schied von der ersten zur vierten Liga. Zwi­schen einem Profi und einem Ama­teur­spieler müssen diese Unter­schiede zu erkennen sein. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, dann hätte ich Pro­bleme bekommen. 

Pro­bleme mit der Kar­riere? 
Nein, dafür ver­traue ich zu sehr auf meine Stärken. Aber es ging für mich auch darum, den Spaß am Fuß­ball zurück zu gewinnen. Ich brauche immer eine gewisse Locker­heit. Die war weg, als ich auf der Bank saß. Des­wegen habe ich die Zeit bei den Ama­teuren im ersten Moment gar nicht als so schlimm emp­funden. Ich konnte wieder bei null anfangen. Und plötz­lich war der Spaß am Kicken wieder da. 

Wie war Ihr Ver­hältnis zum Trainer der Ama­teur­mann­schaft, Lorenz-Gün­ther Köstner? 
Das passte vom ersten Tag. Ich bin zu ihm gegangen und habe mich ange­meldet: Hallo, ich soll jetzt hier mit­ma­chen.“ Er hat gesagt: Ich weiß.“ Dann ging es auf den Trai­nings­platz. Er hat mir in jeder Ein­heit geholfen, mich ermu­tigt. Dabei gab es natür­lich auch mal Aus­ein­an­der­set­zungen auf dem Platz. Aber damit wollte er mich moti­vieren. Der Trainer hat mir viele Rat­schläge gegeben. Herr Köstner hat mir sehr viel gegeben und geholfen in dieser Zeit. 

Haben Sie so eine solch schwie­rige Zeit schon einmal erlebt? 
Wäh­rend meiner Zeit in Siegen in der Jugend wurde ich in die B2 ver­setzt. Der dama­lige Trainer hatte ein Pro­blem mit mir. Damals hatte ich den Spaß am Fuß­ball ver­loren und wollte hin­schmeißen. Das war eine ähn­liche Situa­tion. Dar­über habe ich noch kürz­lich mit meiner Freundin gespro­chen. 

Sie wollten die Fuß­ball­kar­riere abhaken? 
Die hatte ja noch gar nicht begonnen. Aber klar habe ich mich da gefragt, wofür? Meine Kum­pels zockten auf der Wiese, ich war immer im Fahr­dienst unter­wegs zum Trai­ning. Mit 17 habe ich dann gesagt: Mir reichts, ich will auch mal mit den Jungs was unter­nehmen. Ich hatte schon viel ver­passt. Ich habe das mit meiner Mutter bespro­chen und sie hatte Ver­ständnis. Meinem Vater konnte ich das aber nicht sagen, also habe ich ihm einen Zettel auf den Küchen­tisch gelegt und bin raus­ge­gangen. 

Ihr Vater Uwe war selbst Bun­des­li­ga­spieler. Der ließ sie wahr­schein­lich nicht ein­fach so auf­geben. 
Ich kam abends nach Hause, da saß er da und meinte nur: Bevor ich das unter­schreibe, kannst du dir eine eigene Woh­nung suchen.“ Da habe ich aus Trotz wei­ter­ge­spielt – auf Asche, auf den Dör­fern, in der Kreis­klasse. Da bin ich teil­weise ohne zu duschen nach Hause gefahren, weil die Gegen­spieler nach dem Spiel total aggressiv waren. Ich habe in fast jedem Spiel Tore gemacht und so den Spaß am Fuß­ball zurück­be­kommen. 

Hat Ihr Vater Ihnen auch im letzten Jahr geholfen? 
Er hat gesagt: Bleib dran. Du hast die Qua­li­täten.“ Ich muss zugeben, dass ich es früher ruhiger angehen ließ, wenn es gut lief. Viel­leicht brauchte ich so einen Denk­zettel. 

Also war die Maß­nahme von Felix Magath auch ein Denk­zettel zur rechten Zeit? 
Der Trainer hat mir wieder die Chance gegeben und ich habe sie genutzt. So ist das im Fuß­ball: Wer seine Leis­tung bringt, der wird belohnt. Ich habe immer meinen Mund gehalten und ver­sucht für den VfL alles zu geben. Ich habe die Mei­nung des Trai­ners akzep­tiert. Viele redeten mir rein, sagten: Oh Magath, hartes Trai­ning, harter Hund.“ Doch ich habe gelernt, auf nie­manden mehr zu hören und mir meine eigene Mei­nung zu bilden. Ich habe ein gutes Ver­hältnis zu Felix Magath. So wie es zwi­schen Trainer und Spieler sein sollte.

Wie hart ist die Vor­be­rei­tung wirk­lich? 
Man muss sich als Spieler erst einmal umstellen und braucht Zeit. Der Körper muss sich ein­fach daran gewöhnen. Das war bei mir nicht anders. Meine vor­he­rigen Trainer, wie zum Bei­spiel Uwe Rapolder oder Bruno Lab­badia haben auch hart trai­nieren lassen. Aber das war kein Ver­gleich zu dem, was wir hier leisten. Und es tut mir gut. 

Wie läuft die Kom­mu­ni­ka­tion mit Felix Magath? 
Er schätzt es, wenn man offen und ehr­lich ist. Genauso bin ich. Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, gehe ich zu ihm ins Büro oder rufe ihn an. Jeder Spieler kann ihn jeder­zeit anrufen, wenn er Fragen oder Pro­bleme hat. 

Sie können Tag und Nacht bei ihm durch­klin­geln? 
Ja, wenn er nicht direkt ran geht, ruft er zurück. Immer. Ich gehe nur noch den direkten Weg. Ich schicke keinen Berater mehr vor. Noch in der Som­mer­pause habe ich Felix Magath ange­rufen und ihn gefragt, wie er mit mir in der kom­menden Saison plant. Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt lange im Hotel gewohnt habe und dass ich Vater werde und meine Familie bei mir sein wird. Ich brauchte die Gewiss­heit, wie es wei­ter­geht. 

Was hat Magath gesagt? 
Patrick, such dir hier in Wolfs­burg ein schönes Zuhause.“ 

Wolfs­burg hat noch einmal Stürmer geholt. Bedrückt Sie der Kon­kur­renz­kampf? 
Kon­kur­renz ist gut. Aber ich mache vorne keinen Platz und ver­suche, meinen Platz zu ver­tei­digen. 

Ist die Natio­nal­mann­schaft ein Thema? 
Ich hab meine Leis­tung in der Rück­runde gebracht und wäre so fast auf den EM-Zug auf­ge­sprungen. Im Winter saß ich noch mit meinen Kum­pels zusammen und wir haben gestöhnt, wie schnell ich vom Fenster weg war – auch bei der Natio­nal­mann­schaft. Nun läuft es besser und ich lass mich ein­fach über­ra­schen, was kommt. Ich habe doch gesehen, wie schnell im Fuß­ball alles gehen kann.