Fuß­ball, Du bist ein Arsch­loch. Eine Drecksau. Ein Schwein. Und noch was: Du stinkst. Und zwar gewaltig. Nach Selbst­ge­fäl­lig­keit. Nach Hoch­glanz­po­litur. Bäh. Und ja, ich hasse Dich. Ich recke dir den Mit­tel­finger ent­gegen. Und die raus­ge­streckte Zunge. Für ein halb­volles Ber­nabeu im Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nale. Für den Auf­tritt von Real Madrid, diesen Haufen auf­ge­plus­terter Geld­säcke, die übers Feld stol­zieren wie ein Rudel rol­liger Kater. Geil auf sich selbst. Und die dafür auch noch belohnt werden. Ich hasse Dich für das Brim­bo­rium, das um Dich gemacht wird. Für Exper­ten­runden. Für Blitz­ana­lysen. Für leere Schlag­zeilen über Beton­fuß­ball. Über den Pro­blem-Prince. Ich würde mich gerne ein­fach umdrehen und gehen. Für immer. Zum Vol­ti­gieren. Oder mei­net­wegen auch zum Eis­ho­ckey.

Zehn Zen­ti­menter haben gefehlt

Aber weißt Du was, Fuß­ball? Ich kann nicht. Und noch schlimmer: All das stimmt über­haupt nicht. Denn wie kann man Dich nach einem Abend wie ges­tern nicht lieben? Für dieses Fuß­ball­drama auf der großen Bühne. Dafür, dass man als Schalke-Fan an der Sen­sa­tion schnup­pern durfte. Dass man wasch­echte BVB-Fans dabei beob­achten konnte, wie sie Piroutten der Auf­re­gung drehten, weil Klaas-Jan Hun­telaar mal wieder nur die Latte traf. Weil Bene­dikt Höwedes in der 90. Minute an Iker Cas­illas schei­terte. Weil zehn Zen­ti­meter gefehlt haben für einen Diver auf dem Wohn­zim­mer­tisch. Man muss Dich lieben, weil man als Schalker heute mit breiter Brust über den Büro­flur mar­schieren darf. Sich die Schulter wund­klopfen lässt. Weil man ein biss­chen stolz sein darf auf seinen Verein. Wenigs­tens einen Tag.

Hover-Boards unter den Töppen

Stolz auf Chris­tian Fuchs, der schon so viele Leis­tungs­täler durch­laufen hat, dass seine Fuß­ball­schuhe Blasen haben müssten und plötz­lich gegen Real Madrid ein Tor schießt und zwei wei­tere ent­schei­dend ein­leitet. Auf Leroy Sané (19), der durch das Ber­naubeu schwebte, als habe er Hover-Boards unter seine Töppen geschnallt. Auf Timon Wel­len­reu­ther (20), der zwar in jedem Spiel seinen Fehler macht, aber trotzdem auf­steht und wei­ter­macht, als wäre nichts gewesen. Auf Leon Goretzka (20), der nach neun Monaten Lei­dens­zeit wieder auf die Bühne trat und erstmal Luca Modric und Toni Kroos abkochte. Auf Tran­quillo Bar­netta, der so weg vom Fenster war, dass man es schon vor lauter Scham zumauern wollte, um nicht an ihn erin­nert zu werden. Der für einen Abend Schalke ver­kör­perte, als hätte er königs­blaues Blut in den Adern. Und der ackerte bis zum Umfallen. Gegen Ronaldo. Gegen die Unge­rech­tig­keit.

Kein Verein für Gewinner

Danke Fuß­ball, dass Du allen Ungläu­bigen mal wieder gezeigt hast, wie groß­artig es sein kann, Fan des FC Schalke 04 zu sein. Weil man nie­mals eupho­risch die Arme in die Luft reißen darf, weil einem dann ein Cris­tiano Ronaldo in die Eier haut. Mit dem Kopf. Zwei Mal. Ansatzlos. Weil Du gezeigt hast, dass Schalke nun mal kein Verein für Men­schen ist, die es gerne leicht haben, son­dern für Men­schen, die das Leben mit all seinen Facetten lieben. Die Zun­gen­küsse und die Arsch­tritte. Nein, Schalke ist kein Verein für strah­lende Gewinner, son­dern für Men­schen, denen das Schei­tern in die Gene gelegt wurde. Und denen das scheiß­egal ist.

Fuß­ball, nur Du machst einen der­maßen bescheuert, dass man nach einem bedeu­tungs­losen Sieg an einem bedeu­tungs­losen Abend gegen ein bis zu Unkennt­lich­keit ver­un­stal­tetes Real Madrid ernst­haft glaubt, einem gehöre die Welt.

Zumin­dest bis Samstag. Dann spielt Schalke in Berlin. Und wenn es schlecht läuft, bin ich der Erste, der dir den Mit­tel­finger ent­ge­gen­reckt. Weil ich Dich hasse. Weil ich Dich liebe.