Steffen Karl, wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Ich saß in Ros­tock in meiner Kaserne. Zu dem Zeit­punkt war ich bei der NVA und durfte gar keinen Fuß­ball spielen.

Wie kam es dazu?

Thomas Weiß, ein ehe­ma­liger Kol­lege von mir, war im Sommer 1989 bei einem UI-Cup-Spiel von Wismut Aue aus Schweden in den Westen abge­hauen. Einige Wochen später, Ende Juli 89, habe ich im Kreis meiner Mit­spieler vom Hal­le­schen FC nach zwei, drei Bier­chen über Thomas gesagt: Ich wün­sche ihm alles Gute, viel­leicht sieht man sich ja irgend­wann mal wieder.“ Das hat ein Mit­spieler gemeldet, und dar­aufhin wurde ich lebens­läng­lich für die erste und zweite Liga gesperrt.



Wissen Sie heute, wer das war?

Ich habe meine Unter­lagen ein­ge­sehen, aber der Name spielt keine Rolle. Damals wäre mein Leben ver­baut gewesen, aber zum Glück kam dann die Wende.

Und am 9. November saßen Sie mit den Kame­raden auf der Stube?


Abends saßen wir im Fern­seh­raum zusammen und sahen uns die Bilder der Men­schen an, die rüber fuhren. Alle haben geju­belt.

Aber Sie waren ja eigent­lich kein Soldat, son­dern Fuß­ball­spieler.

Die Kaserne war in Ros­tock direkt an der Koper­ni­kus­straße, genau gegen­über des Ost­see­sta­dions. Frei­tag­abends durfte ich mir dann ansehen, wie die Flut­lichter angingen und die Massen ins Sta­dion geströmt sind. Und ich konnte nicht raus!

Selbst Hansa unter­nahm keine Bemü­hungen, Sie zu reak­ti­vieren? Sie waren ja gerade 19, hatten Ihre fuß­bal­le­ri­sche Zukunft noch vor sich.

Kurz vor Weih­nachten lud mich der dama­lige Par­tei­se­kretär zu einem Spiel ein und bot mir einen Ver­trag an, den ich im Januar unter­schreiben sollte. Dazu kam es dann ja nicht mehr.

Anfang Januar ent­schieden Sie sich, nicht in Ihre Kaserne in Ros­tock zurück­zu­kehren.

Statt nach Ros­tock bin nach meinem Weih­nachts­ur­laub am 3. Januar 1990 mit meiner spä­teren Frau Peggy von Halle mit dem Taxi nach Leipzig gefahren und dort in den Zug nach Frank­furt am Main gestiegen.

War Ihre Degra­die­rung der Aus­löser für Ihre Fah­nen­flucht?


Für mich war es völlig unver­ständ­lich, wie man so eine Äuße­rung, die nach zwei, drei Bier getroffen wurde, so auf die Gold­waage legen konnte, um mich lebens­läng­lich zu sperren. Für mich ist eine Welt zusam­men­ge­bro­chen.

Vorher hatten Sie nie mit dem Gedanken gespielt, in den Westen zu gehen?


Über­haupt nicht. Mir ging es ja gut im Osten. Uns Fuß­bal­lern ging es gene­rell gut, wir hatten ein gere­geltes Ein­kommen und alle Pri­vi­le­gien, die man bekommen konnte. Warum hätte ich rüber­gehen sollen?

Wie erklären Sie sich die dras­ti­sche Bestra­fung?

Das war ein Staatsakt. Ein ganz klares Exempel, das da sta­tu­iert wurde. Man wollte damit andere abschre­cken.

Wer teilte Ihnen die Degra­die­rung mit?


Der dama­lige Prä­si­dent des HFC, Bernd Bransch. Am Don­ners­tag­abend habe ich die Sache über Thomas Weiß gesagt, und direkt am nächsten Mittag musste ich zum Rap­port.

Sie wurden dann zum Pro­vinz­verein Stahl Hett­stedt dele­giert.

Die Bezirks­liga, damals die dritte Liga in der DDR, war die höchste Klasse, in der ich noch spielen durfte. Dort waren acht Spieler aus dem Kader im Stahl­werk ange­stellt und acht auf dem Ver­eins­ge­lände. Ich habe zwei Mal pro Woche den Platz gemäht.

Wie sah der Alltag aus?

Um acht Uhr mor­gens trabte man an und um zwölf war schon Fei­er­abend, weil nach­mit­tags trai­niert wurde. Um halb vier war dann Schluss. Für mich hat sich im Ver­gleich zu Halle nicht viel ver­än­dert, außer dass ich plötz­lich zwei Klassen tiefer spielte. Das Stahl­werk habe ich nur zwei Mal von innen gesehen.

In Hett­stedt waren Sie ja sicher­lich der Star der Mann­schaft.

Das könnte man so sagen, obwohl ich noch sehr jung war. Ich hatte ja bereits alle U‑Auswahlen durch­laufen, von der U 15 bis zur U 21.

War der Mau­er­fall für Sie absehbar?

Dass sich was zusam­men­braute, merkte man schon. Aber es hätte ja auch andersrum laufen können, so wie es früher immer gelöst wurde. Mit Gewalt und Ver­haf­tungen.

Sie hätten unter Umständen den Demons­tranten auf Staats­seite gegen­über gestanden.

Ich wäre wahr­schein­lich der erste gewesen, der abge­hauen wäre. Ich hätte sicher­lich auf keinen geschossen!

Gab es je eine Reak­tion von Seiten der NVA?

Im Früh­jahr 1990 erhielten meine Eltern in Halle ein Schreiben, ich sei uneh­ren­haft ent­lassen.

Was haben Sie nach Ihrer Ankunft im Westen Anfang Januar 1990 gemacht?

Am Frank­furter Bahnhof bin ich in die erst­beste Tele­fon­zelle und habe ver­sucht, meinen alten Kumpel Thomas Weiß zu errei­chen. Über die Geschäfts­stelle von Ein­tracht Frank­furt, wo Thomas spielte, habe ich ihn nach langem Hin und Her erreicht.

Wie ging es weiter?

Zusammen mit Thomas’ Vater knüpften wir Kon­takte zu Bun­des­li­gisten. Zuerst spielte ich bei Glad­bach vor, Prä­si­dent Gras­hoff sah aber offenbar nicht durch bei der ganzen Sache, obwohl ich ihm meine Situa­tion geschil­dert habe. Zum Glück hatte ich einen Tag später ein Pro­be­trai­ning bei Borussia Dort­mund. Dort ging es dann schnell, ich flog direkt mit ins Trai­nings­lager nach Por­tugal.

Wie wurden Sie in der Mann­schaft voller Wessis auf­ge­nommen?


Ins­ge­samt ganz gut. In Por­tugal war ich aber mit Jürgen Weg­mann auf dem Zimmer. Der sprach prak­tisch gar nicht mit mir. Aber er war ja sowieso eher ein Eigen­brötler…

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