Herr Lauth, können Sie das Wort phleg­ma­tisch noch hören?

Phleg­ma­tisch, hm – ich hab da im Internet schon mal nach­ge­lesen. Wenn man denkt, das ist nur etwas Nega­tives, dann irrt man sich. Phlegma hat auch viele posi­tive Eigen­schaften. Es trifft schon ein biss­chen auf mich zu.

Im posi­tiven Sinne bedeutet phleg­ma­tisch: ordent­lich, zuver­lässig, diplo­ma­tisch. Bei Ihnen bezogen sich die Kri­tiker aber auf die nega­tive Bedeu­tung: Sie seien auf dem Platz oft zu blut­leer, mit zu wenig Biss und Durch­set­zungs­willen.

Ach, ich habe das schon tau­sendmal gesagt: Wenn es gut läuft bei mir, heißt es: Der ist locker und geschmeidig. Wenn’s nicht läuft, bin ich behäbig und lasch. So ist das Geschäft.

Vier Jahre haben Sie dieses Geschäft fern der Heimat erlebt, jetzt ist der »ver­lo­rene Sohn« zurück. Fühlen Sie sich wie ein Nach-Hause-Gekom­mener?

Ja, schon. Ich war elf, als ich mein erstes Pro­be­trai­ning hier gemacht habe. Wenn du seit der D‑Jugend bei einem Verein bist, dann ist das Heimat. Ich habe erlebt, wie sich alles ent­wi­ckelt hat. Man kennt das Gelände. Und man kennt die Men­schen.

Sie haben gesagt: Ich wechsle nicht in die Zweite Liga, ich wechsle zu Sechzig!

Es hat bei meiner Ent­schei­dung keine Rolle gespielt, in wel­cher Liga 1860 spielt. Ich wäre zu keinem anderen Zweit­li­gisten gegangen, aber ich wollte hierher. Ich bin der Mei­nung, dass die Löwen zu Unrecht in der zweiten Liga spielen. Ich will mit­helfen, dass sie wieder dorthin kommen, wo sie hin­ge­hören. Wenn man die Rah­men­be­din­gungen hier sieht, dann sind so viele Jahre in der zweiten Liga ein­fach schade.

Als junger Profi bei 1860 star­tete Ihre Kar­riere kome­ten­haft: eine tolle Saison an der Seite von Markus Schroth, Aus­hän­ge­schild, Natio­nal­spieler, Tor des Jahres, Nutella-Wer­bung, Spitz­name: Benny Bomber. Glauben Sie heute, dass man­ches damals zu schnell ging?

Es war schon extrem. Aber als junger Spieler bist du machtlos. Im Nach­hinein hätte man sicher das eine oder andere Inter­view weg­lassen, sich weniger zeigen können. Aber ich wusste als junger Spieler nicht, wie das alles funk­tio­niert. Das kam ja von heute auf morgen. Und für den Verein war es damals auch eine gute Gele­gen­heit, sich mit einem Talent aus der eigenen Jugend nach außen zu prä­sen­tieren. Also haben die auch nicht gesagt: Wir nehmen den Spieler kom­plett raus.

Haben Sie irgend­wann gemerkt, dass Sie gar nicht dieser Benny sind, dieser »junge Wilde«, diese Wer­be­figur, den die Öffent­lich­keit oft gezeichnet hat?


Die Leute von außen hatten diesen anderen Ein­druck von mir. Es sah so aus, als würde ich mich gerne überall im Vor­der­grund zeigen. So bin ich nicht. Aber ich konnte das nicht stoppen.

Wie sind Sie denn wirk­lich?

Offen, aber eher ruhig. Ich stehe nicht gerne vorne dran.


Lest weiter auf Seite 2: Lauth über sein Ver­hältnis zu den Trai­nern und die Sta­tionen seiner Kar­riere.

Für Jour­na­listen sind Sie trotzdem eine Reiz­figur geblieben. Erst kürz­lich wurden Sie mit einem teuren Sport­wagen foto­gra­fiert, den schon James Bond fuhr. Dazu die bis­sige Schlag­zeile: »Autos wie 007, spielt aber 08÷15«.

Solche Schub­laden kann man manchmal nicht ver­hin­dern. Aber man lernt, damit umzu­gehen. Wenn solche Dinge in der Welt sind, ist es schwer, sie zurecht­zu­rü­cken. Ich will das auch gar nicht. Ich muss mich nicht recht­fer­tigen.

Sie sind 1860 abge­stiegen. Damals hieß es: Trainer Falko Götz sei eifer­süchtig gewesen, weil mit Ihnen ein Star in der Mann­schaft war. Der Ein­druck war: Götz hat sie schlecht behan­delt. Und damit Ihre Ent­wick­lung auf­ge­halten.

Es hat man­ches nicht gepasst, aber mir liegt nichts daran, die Ver­gan­gen­heit auf­zu­ar­beiten. Mit Peter Pacult als Trainer kam ich vorher besser zurecht, das ist kein Geheimnis. Als Junger habe ich oft nicht ver­standen, dass sich der Trainer (Götz, d.Red.) bei Kritik von außen nicht vor mich gestellt hat.

Von Marco Kurz können Sie solche Rücken­de­ckung nun erwarten. Sie sind mit dem Löwen-Trainer befreundet. Könnte das der Schlüssel sein, damit bald wieder der alte, tor­ge­fähr­liche Lauth zu sehen sein wird?

Es ist immer gut, wenn du weißt, dass du bei ein, zwei schlechten Spielen nicht sofort aus der Mann­schaft fliegst. Der Trainer war sehr wichtig für meine Ent­schei­dung, hierher zu kommen. Wir hatten ja auch privat immer Kon­takt. Aber dass ich Marco gut kenne, ist keine Garantie für mich. Ich muss Leis­tung bringen, wie jeder.

Lassen Sie nochmal Ihre vier Aus­wärts­jahre Revue pas­sieren. Sie waren 2004 auch beim FC Bayern im Gespräch, gingen dann nach Ham­burg …

Ich habe mir meinen Verein selber aus­ge­sucht, ich musste nir­gendwo hin­gehen, weil mich ein anderer nicht wollte. Bei allen Ent­schei­dungen hatte ich das rich­tige Näs­chen. Als ich nach Ham­burg ging, war der HSV noch eine graue Maus im Mit­tel­feld, aber ich spürte: Da ent­steht was – und so ist es gekommen. Dann ging ich nach Stutt­gart – und wurde Deut­scher Meister. Und jetzt bei Han­nover das Gleiche: Wir haben die beste Bun­des­liga-Saison des Ver­eins seit ewigen Zeiten gespielt.

Klingt alles wun­derbar. Leider war Ihre per­sön­liche Bilanz das nicht.

Für mich lief es nicht so, wie ich mir das vor­ge­stellt hatte und wie es sich die Leute von mir erwartet haben. Die Mess­latte lag durch meine Zeit bei 1860 eben sehr hoch.

Sie waren quasi auf dem Gipfel ins Geschäft ein­ge­stiegen.

Ja, das war schon eine Bürde. Beim HSV hatte ich zwei­ein­halb schöne Jahre, im zweiten wurden wir Dritter, wir haben den UI-Cup gewonnen und ich habe im Team die meisten Spiele gemacht. In Stutt­gart wurden wir Meister, in den letzten Spielen war ich immer von Beginn an dabei. Und in Han­nover hatte ich auch über 20 Ein­sätze. Wäre ich vorher ein Durch­schnitts­spieler gewesen, dann würde sich das alles gar nicht so schlecht anhören. Aber alle, auch ich, hatten mehr erhofft. Des­halb heißt es jetzt: Der ist geschei­tert.

Sie sehen das natür­lich anders?

Ich bin nicht zufrieden, wie es gelaufen ist. Aber »geschei­tert« ist ein­deutig über­trieben.

Es gab 2007 sogar mal die Kicker-Schlag­zeile: »Der schlech­teste Bun­des­liga-Spieler der Hin­runde«.

Das wurde anhand irgend­wel­cher Noten errechnet. So etwas ist nicht schön, aber ich nehme es nicht so ernst.


Lest weiter auf Seite 3: Die Beson­der­heiten der Stürm­er­po­si­tion und die Liebe zu Mün­chen.

Warum gibt es bei Stür­mern immer wieder diese beson­deren Leis­tungs-Extreme: Mal wochen­lang Welt­klasse, dann rät­sel­haft schwach?

Das ist das Reiz­volle an dieser Posi­tion. Mario Gomez hat gesagt, bei Stutt­gart konnte er schießen, wie er wollte – der Ball ging rein. Jetzt bei der EM legt ihm im ersten Spiel gegen Polen Klose den Ball rüber, der hätte nur ein biss­chen sau­berer gespielt sein müssen, dann hätte Mario nach drei Minuten sein erstes EM-Tor erzielt – und das Tur­nier wäre viel­leicht anders gelaufen. So geht der erste Ball vorbei, der zweite auch, gegen Öster­reich springt ihm der Ball vor dem leeren Tor nochmal auf, schon kommst du in einen Nega­tiv­lauf. Du schal­test deinen Kopf ein – und vorher hast du ohne Nach­denken jeden Ball getroffen.

Das könnte bedeuten: Ein posi­tives Schlüs­sel­er­lebnis – und Ben­jamin Lauth ist bei den Löwen wieder der alte Tor­jäger.

Zu treffen, ist halt das wich­tigste, auch wenn man vorne nur ange­schossen wird. So ist es.

Bei 1860 hat ihre Rück­kehr Euphorie aus­ge­löst. Der Geschäfts­führer sprach von einem »Signal«, viele Fans träumen. Wie können Sie die hohen Erwar­tungen erfüllen?

Ich werde den jungen Spie­lern auf alle Fälle sagen, dass man durch guten Team­geist sehr viel errei­chen kann. Das ist nach meinen Jahren im Pro­fi­fuß­ball die wich­tigste Erkenntnis. Das beste Bei­spiel war Stutt­gart: Das war eine ver­schwo­rene Ein­heit, auch die ganze Ersatz­bank ist bei Toren auf­ge­sprungen. Wenn du eine Super­truppe hast, läuft es. In Ham­burg lief es sofort schlechter, als das Team durch­ein­an­der­ge­wür­felt wurde. Es ist immer wichtig, einen Kader zu ver­stärken, aber man darf nie ver­gessen, wie alles zusam­men­passt.

Passt das Ener­gie­feld hier bei 1860? Oder fehlen noch ein paar Bud­dhas?

Die ersten Ein­drücke waren sehr gut. Die älteren und die jungen Spie­lern har­mo­nieren gut.

Treibt Sie der Gedanke an, zusammen mit einigen Kol­legen von damals (Schwarz, Hof­mann, Hoff­mann, Bier­ofka, Schroth) den Betriebs­un­fall des 2004-Abstiegs end­lich zu kor­ri­gieren?

Ich sehe es eher positiv: Das war damals ein Aus­rut­scher, und jetzt ist mein Ansporn, dass ich mich nicht lange in der zweiten Liga auf­halten will.

Stimmt eigent­lich das Image vom »baye­ri­schen Bub«. Brau­chen Sie – wie Daniel Bier­ofka – die Münchner Wohl­fühl­at­mo­sphäre?

Ich bin froh, wenn meine Freunde und die Familie nah bei mir sind. Und Mün­chen bietet eine sehr hohe Lebens­qua­lität. Des­halb bin ich natür­lich am liebsten hier, aber ich habe mich auch in Ham­burg sehr wohl gefühlt. Ich kann auch woan­ders leben.