Mat­thias Gro­eneveld, vor 20 Jahren wurden die Harras Bulls“ gegründet – Mün­chens erstes Flücht­lings-Fuß­ball­team. Wie hat sich das Pro­jekt seither ent­wi­ckelt?
Aus ein­zelnen Spielen zwi­schen Flücht­lings­mann­schaften ist ein kon­ti­nu­ier­li­cher Liga-Betrieb unter dem Namen bunt­kicktgut geworden, der allen sozialen Ein­rich­tungen sowie selbst­or­ga­ni­sierten Mann­schaften offen steht. Die Begeis­te­rung der Jugend­li­chen und das Enga­ge­ment von bunt­kicktgut-Leiter Rüdiger Heid haben das Pro­jekt kon­ti­nu­ier­lich wachsen lassen. Neben Mün­chen haben wir inzwi­schen auch Stand­orte in Berlin, Dort­mund, Düs­sel­dorf, Würz­burg, Nie­der­bayern und Basel. Ins­ge­samt nehmen rund 4000 Jugend­liche pro Woche an unseren Ange­boten teil.

bunt­kicktgut besteht aus drei Säulen: die Jugend­ar­beit in den Stadt­teilen und Unter­künften, die Stra­ßen­liga und die Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten. Wie können sich die Jugend­li­chen betei­ligen?
Neben dem umfas­senden Spiel­be­trieb gibt es viele wei­tere Bau­stellen im Pro­jekt wie etwa den bunt­ki­cker, ein Stra­ßen­fuß­ball­ma­gazin. Außerdem bilden wir die Jugend­li­chen zu Refe­rees aus, sodass sie ihre Spiel­tage eigen­ständig leiten können. Alle Kids gemeinsam bilden mit uns Orga­ni­sa­toren den Liga-Rat, das zen­trale Ent­schei­dungs­gre­mium unseres Pro­jekts, in dem alle Anträge, Schwie­rig­keiten und Vor­komm­nisse inner­halb der Liga dis­ku­tiert werden. Ein gutes Bei­spiel für die Betei­li­gung und Ent­wick­lung der jungen Leute ist Ismail Wali aus Afgha­ni­stan. Er hat bei uns als Spieler ange­fangen, lange Jahre mit­ge­spielt, dann als Kapitän Ver­ant­wor­tung für seine Mann­schaft über­nommen. Mit der Zeit ist er zum Street Foot­ball Worker geworden und hat ein Trai­ning für jün­gere Jugend­liche geleitet. Nach einem Prak­tikum bei bunt­kicktgut, hat er eine Aus­bil­dung als Sport- und Fit­ness­kauf­mann begonnen.

Der Liga-Rat hat ent­schieden, dass der Samuel eine Chance bekommt, da er zum Liga-Rat per­sön­lich mit einem Ent­schul­di­gungs­brief erschienen ist“, heißt es in einem Pro­to­koll. Funk­tio­niert die Selbst­or­ga­ni­sa­tion durch den Liga-Rat?
Das ist ein ganz ent­schei­dender Aspekt. Die Jugend­li­chen kommen zu anderen Jugend­li­chen und dis­ku­tieren die Vor­fälle unter­ein­ander, es gibt also kein hohes Schieds­ge­richt bestehend aus Ange­stellten. Ein anderes Bei­spiel wäre: Wer den Schieds­richter belei­digt, muss selbst den Schieds­richter-Kurs belegen und Schieds­richter werden. So schafft man Ver­ständnis. Die Sank­tionen funk­tio­nieren sehr gut.

Der Spiel­be­trieb wird nach dem Prinzip Zeigt uns euer Sta­dion“ orga­ni­siert. Worum geht es?
Die Kids sind sehr stark in ihrem Stadt­teil ver­wur­zelt und bewegen sich nur wenig im öffent­li­chen Raum. Zeigt uns euer Sta­dion“ besagt, dass jeder, der in der Liga mit­spielt, einen Bolz­platz im eigenen Viertel als Heim-Sta­dion nomi­niert. Dahin lädt er die anderen Mann­schaften der Liga ein. Durch die Rolle des Gast­ge­bers schafft man ein ganz neues Gefühl. Gleich­zeitig lernen die Jugend­li­chen indi­rekt, sich im öffent­li­chen Raum zurecht­zu­finden, Fahr­stre­cken zu planen, pünkt­lich anzu­kommen. Auf einem der außer­ge­wöhn­lichsten Plätze spielt ein Team aus dem Jugend­treff Akku in Unter­gie­sing. Mitten auf dem Bolz­platz steht ein Brü­cken­pfeiler.

Seit dem Sommer 2015 sind die Flücht­lings­ströme in Rich­tung Europa in den Mit­tel­punkt der öffent­li­chen Dis­kus­sion gerückt. Hat sich Ihre Arbeit im Zuge dessen ver­än­dert?
Eigent­lich nicht. Schließ­lich kommen wir aus der Flücht­lings­ar­beit und das war schon immer eine unserer Auf­gabe. Aber die Arbeit hat sich auf jeden Fall inten­si­viert, wir haben massiv junge Men­schen und Übungs­leiter geworben, die uns helfen, unsere Ange­bote umzu­setzen. Unsere Eigen­ge­wächse“ – also die Jugend­liche aus unserer Liga – haben ein unheim­li­ches Poten­tial und schaffen durch ihre eigene Bio­grafie, sprach­liche und inter­kul­tu­relle Kom­pe­tenz oft einen sehr schnellen und direkten Zugang zu den teil­neh­menden Gel­flüch­teten. Es ist sehr schön zu beob­achten, dass im Gegen­satz zu Flücht­lings­strömen der 90er-Jahre aus dem Balkan- und Jugo­sla­wi­en­kon­flikt heute die Flücht­lings­ströme mit sehr viel offe­neren Armen emp­fangen werden.

Wie stellen Sie Kon­takt zu den Flücht­lingen her?
Da sind wir sehr prag­ma­tisch. Wir gehen in die Unter­künfte, bringen Ball, Trai­nings­leib­chen und ein paar Leih­schuhe mit und rufen laut: Hier ist ein Ball – Lasst uns gemeinsam spielen!“ Dann dauert es meis­tens nicht lange bis man 30 oder 40 Jugend­liche um sich hat. Zuerst schaut man, ob man eine gemein­same Sprache findet und sonst ver­sucht man es eben non­verbal: Teams ein­teilen, ein kurzes Auf­wärm­pro­gramm, ein kleines Trai­ning und danach ein Tur­nier. Wenn sich die Trai­nings­ein­heiten eta­bliert haben, bilden wir Mann­schaften, die an der Liga teil­nehmen können. Dort kommen die Fuß­baller in Kon­takt, sam­meln Erfah­rungen, bauen Vor­ur­teile ab und finden neue Freunde.

Was raten Sie anderen Ver­einen, die ver­su­chen, ein Inte­gra­ti­ons­pro­jekt im Bereich Fuß­ball auf die Beine zu stellen?
Ich glaube, es ist ein­fach wichtig, dass man eine große Por­tion Offen­heit, Men­schen­kenntnis und inter­kul­tu­relles Inter­esse mit­bringt. Wichtig sind kon­ti­nu­ier­liche zuver­läs­sige Ter­mine nach dem Motto: Ab sofort ist hier jeden Don­nerstag Trai­ning. Da könnt ihr euch drauf ver­lassen, ich komm’ immer, bei Wind und Wetter und wir spielen dann gemeinsam Fuß­ball. Damit kann man viel bewegen – und trifft auf ganz viel Dank­bar­keit.

bunt­kickgut ist immer auf der Suche nach Unter­stüt­zern für die Trai­nings­ein­heiten und die anderen Bereiche des Pro­jekts. Meldet euch ein­fach unter: team@​buntkicktgut.​de