Joa­chim Löw, wie wäre Ihre Kar­riere ver­laufen, wenn Jürgen Klins­mann Sie im Spät­sommer 2004 nicht ange­rufen hätte?
Keine Ahnung. Viel­leicht wäre ich heute Trainer in Leoben.

In Öster­reich, Regio­nal­liga Mitte. So schlimm?
Viel­leicht auch zweite Liga, das ist zumin­dest denkbar. Ich weiß, dass ich in meiner Trai­ner­kar­riere viel Glück hatte – schon als Rolf Fringer mich 1995 als Co-Trainer zum VfB Stutt­gart holte. Damals hatte ich sogar noch Bedenken, weil ich kurz zuvor Spie­ler­trainer beim FC Frau­en­feld in der zweiten Schweizer Liga geworden war und dort alle Ent­schei­dungs­mög­lich­keiten hatte. Aber eine innere Stimme hat mir dann doch gesagt: Hey, Löw! Diese Chance in der Bun­des­liga darfst du dir nicht ent­gehen lassen.“ Also bin ich nach Stutt­gart gegangen, und nach einem Jahr wurde ich Nach­folger von Fringer.

Sie waren damals erst 36 Jahre alt, kam das zu früh?
Der Erfolg hat sich schnell ein­ge­stellt, im ersten Jahr wurden wir auf Anhieb DFB-Pokal­sieger, im nächsten kamen wir ins Euro­pa­po­kal­fi­nale der Pokal­sieger. Aber natür­lich war ich noch jung, kaum älter als Thomas Bert­hold, und im Kopf noch ein halber Spieler.

Nach Stutt­gart ging es in Ihrer Kar­riere wild hin und her: Istanbul, Karls­ruhe, Adana, Öster­reich. Wo war es am schlimmsten?
Jeden­falls nicht beim Karls­ruher SC, obwohl mir nur ein Sieg in 18 Spielen gelungen ist. Inns­bruck war ein Schock! Beim FC Tirol hatten wir gerade die öster­rei­chi­sche Meis­ter­schaft gewonnen, und ich habe schon darauf spe­ku­liert, dass wir uns viel­leicht für die Cham­pions League qua­li­fi­zieren. Da kam der Prä­si­dent zu mir und sagte: Sie können jetzt gehen, Herr Löw. Wir bekommen keine Lizenz mehr.“ Und bei Aus­tria Wien musste ich als Tabel­len­führer kurz vor Sai­son­ende gehen, weil es Mei­nungs­ver­schie­den­heiten mit unserem Prä­si­denten und Mäzen Frank Stro­nach gab. Ich konnte mich mit einigen Vor­stel­lungen von ihm nicht arran­gieren und wurde des­halb nach einer Aus­sprache ent­lassen. (Löw sollte sich bei der Auf­stel­lung nach den Wün­schen von Stro­nach richten, d. Red.) Ich weiß noch, wie ich von der Geschäfts­stelle nach Hause fuhr und dachte: Hätte ich nicht kom­pro­miss­be­reiter sein sollen?“

Hätte Ihr Weg anschlie­ßend auch nach Abu Dhabi oder Geor­gien führen können, oder wie kurz standen Sie davor, dort Natio­nal­trainer zu werden?
Das war kein Thema für mich. Trotzdem habe ich mich, als Jürgen Klins­mann anrief, gefragt: Will ich wieder Co-Trainer sein? Immerhin war ich vorher viele Jahre bei durchaus inter­es­santen Klubs Chef­trainer gewesen. Aber er hat mich über­zeugt, mir zen­trale Kom­pe­tenzen über­tragen und auf meine Erfah­rung gesetzt. Das war neu für mich, denn ich selbst hatte als Chef­trainer zuvor alles selbst gemacht – bei Fener­bahce übri­gens zum Leid­wesen meines dama­ligen Assis­tenten Frank Wormuth. Er hätte mir einiges mehr abnehmen können, er wusste viel. Aber ich konnte schlecht dele­gieren. Das hat mich erst Jürgen gelehrt.

Ihre Spie­ler­kar­riere fand vor allem am Rand der Repu­blik beim Zweit­li­gisten Frei­burg statt. Zur Trai­ner­aus­bil­dung waren sie in der Schweiz, die in Deutsch­land lange nicht ernst­ge­nommen wurde, und bei Ihrer Rück­kehr galten Sie lange als der nette Herr Löw“, was oft über­haupt nicht nett gemeint war. Haben Sie sich im deut­schen Spit­zen­fuß­ball früher als Außen­seiter gefühlt?
Den Begriff Außen­seiter“ würde ich nicht benutzen. Aber richtig ist, dass die Schweiz mich geprägt hat. Ich habe dort Inhalte vor­ge­funden, nach denen ich mich unbe­wusst gesehnt hatte.

Können Sie Bei­spiele nennen?
Die dama­ligen Trai­nings­me­thoden in Deutsch­land habe ich ins­ge­heim gehasst, ich litt regel­recht kör­per­lich dar­unter. Von diesen Kon­di­ti­ons­läufen mit dem Medi­zin­ball unterm Arm, die bis zum Erbre­chen durch­ex­er­ziert wurden, wurde ich lang­samer. Ich habe mich selten topfit gefühlt. Auch in tak­ti­scher Hin­sicht wurde unheim­lich viel dem Zufall über­lassen. In der Schweiz wurde viel von Orga­ni­sa­tion, Raum­de­ckung, Posi­ti­ons­spiel oder Grup­pen­pro­zessen gespro­chen – ich war begeis­tert!

Und Sie haben viele sol­cher Ideen auch hier­zu­lande durch­ge­setzt. Sehen Sie sich als Revo­lu­tionär?
Nein, das habe ich nie. Jürgen Klins­mann war ein Revo­lu­tionär, weil er manche ver­krus­teten Struk­turen im Ver­band in Angriff genommen oder mit einem Sport­psy­cho­logen gear­beitet hat, was vorher weit­ge­hend tabu war.

Aber Sie finden die Frage offenbar nicht abseitig. Denn spä­tes­tens seit der WM 2010 wird die deut­sche Natio­nal­mann­schaft in der Welt nicht nur geachtet, son­dern für ihren schönen Fuß­ball geliebt.
Natür­lich freut mich das, weil Fuß­ball für mich immer etwas mit Ästhetik und Leich­tig­keit zu tun hat. Ich möchte am Ende eines Spiels fest­stellen: Wir sind spie­le­risch die bes­sere Mann­schaft gewesen und haben nicht nur auf­grund von Glück gewonnen.

Haben Sie ein fuß­bal­le­ri­sches Ideal?
Früher haben mir die Bra­si­lianer impo­niert, selbst wenn sie mal früh aus einem Tur­nier aus­ge­schieden sind. Socrates, Eder, Zico und Junior waren für uns Jugend­liche Zau­berer. Ihr Fuß­ball von damals hatte was Fas­zi­nie­rendes.

Und welche Mann­schaften inspi­rieren Sie heute?
Es gibt in jeder fuß­bal­le­ri­schen Epoche Mann­schaften, die inspi­rieren. Zum Bei­spiel den AC Mai­land mit dem Pres­sing unter Arrigo Sacchi. Beim FC Bayern in den guten Spielen unter Louis van Gaal hat man gesehen, dass nicht nur indi­vi­du­elle Klasse, son­dern eine klare Stra­tegie der Mann­schaft ent­scheidet. Der FC Bar­ce­lona ist dafür natür­lich aktuell ein her­vor­ra­gendes Bei­spiel, Real Madrid wird unter José Mour­inho fuß­bal­le­risch besser. In der ver­gan­genen Saison hat mich Borussia Dort­mund beein­druckt: druck­voll gegen den Ball, dem Gegner keine Zeit zum Atmen lassen. Man sieht auf dem Platz, was Jürgen Klopp trai­nieren lässt. Und grund­sätz­lich finde ich die Arbeit von Arsène Wenger gut.

Was gefällt Ihnen daran?
Er macht junge Spieler besser. Als Trainer schließt er nicht mit einem Transfer ab, wie ich das sonst manchmal fest­stelle, wenn ein Spieler geholt wird, zehn Mil­lionen kostet und dann funk­tio­nieren muss. Aber es kann gut sein, dass zunächst mal gar nichts funk­tio­niert und die Arbeit des Trai­ners erst beginnt. Oft denkt man viel­leicht: Der ist Natio­nal­spieler, der muss doch wissen, wie er laufen muss.“ Aber als Trainer muss man dem Spieler selbst­ver­ständ­lich zeigen, was man von ihm will. Wenger hat mal zu mir gesagt, er hätte alle Titel nur mit intel­li­genten Mann­schaften gewonnen. Er meinte damit eine Intel­li­genz im Sinne von Inter­esse am Fuß­ball, Offen­heit für Neues und die Bereit­schaft zu gutem Lebens­wandel.

Sie waren auch als Hos­pi­tant beim FC Bar­ce­lona, was kann man da lernen?
Kon­se­quenz! Der Jugend­ko­or­di­nator meinte zu mir: Wir erfinden das Rad auch nicht neu. Aber ein Punkt ist das Aller­wich­tigste: Wir sind die Kon­se­quen­testen in unserer Aus­bil­dung. Bei uns gibt es kein Wenn und Aber.“ Das hat mich beein­druckt, weil ich als Trainer früher manchmal den Fehler gemacht habe, zu sehr hin und her zu springen. Ich wusste manchmal nicht, was wirk­lich wichtig ist. Heute weiß ich es.

Wissen Sie denn auch, wie man Spa­nien schlägt?
Ja, denn die Ant­wort ist ganz ein­fach: Man muss fuß­bal­le­risch besser sein als sie, nur mit Aggres­si­vität und Härte wird man sie nicht in die Knie zwingen können. Fuß­bal­le­risch zu über­zeugen, ist die ein­zige Lösung, wenn man sich nicht auf das Glück ver­lassen will, das man in einem ein­zelnen Spiel sicher immer mal haben kann.
Und wie bekommen Sie die Natio­nal­mann­schaft dahin, so gut wie Spa­nien zu spielen? Wir haben seit acht Jahren eine klare Phi­lo­so­phie und Stra­tegie. Wir streben tech­nisch eine gute und hohe Fuß­ball­kultur an und arbeiten daran ständig. Ich will mich nicht auf den Zufall ver­lassen. Ich möchte das Spiel durch­dacht von hinten auf­bauen, durch­dacht wei­ter­führen und hatte des­halb die größte Freude daran, wie meine Mann­schaft 2010 gespielt hat.

Werden Sie lieber schön Dritter oder häss­lich Erster?
Die Frage ist falsch, denn ich bin fest davon über­zeugt, dass man auf häss­liche Weise keinen Titel mehr gewinnen kann. Man muss heute agieren und Gegner durch gute Spiel­züge aus­ein­an­der­nehmen. Wir haben gegen Spa­nien zwar einen Fehler gemacht, aber ich bin nach dem Tur­nier in dem Gefühl nach Hause gegangen: Wir haben unsere Auf­gabe erfüllt. Wir haben es zwar nicht geschafft, den Titel zu gewinnen, aber die Mann­schaft hat gut, ja attraktiv gespielt, ist in Ihrem Auf­treten sym­pa­thisch gewesen und sie hat Emo­tionen geweckt. Die Leute sagen: Uns gefällt das, wie ihr spielt. Und nicht: Spiel war schlecht, aber wir haben halt gewonnen. Das ist mir wichtig.

Nicht mehr wie zu den Zeiten, als es bei der Natio­nal­mann­schaft vor allem um die deut­schen Tugenden“ ging.
Die sind auch wichtig. Aber wenn ich die Ent­wick­lung der ver­gan­genen Jahre sehe, hatte ich immer das Gefühl, dass Ein­satz, Moral, Kampf und Wille allein zur Welt­spitze nicht mehr rei­chen. Andere Nationen haben in diesen Punkten längst auf­ge­holt. Natür­lich war es ein großer Erfolg von Team­chef Rudi Völler, 2002 das WM-Finale zu errei­chen, aber Bra­si­lien und andere Nationen waren uns bei dem Tur­nier spie­le­risch über­legen. Wenn ich heute sehe, dass wir gegen Bra­si­lien, die Nie­der­lande, Argen­ti­nien oder Eng­land nicht nur gewinnen, son­dern auch spie­le­risch die bes­sere Mann­schaft sind, stellt mich das auf ganz beson­dere Weise zufrieden.

Haben Sie die Spiel­weise der deut­schen Natio­nal­mann­schaft in den letzten beiden Jahren bewusst vom Konter- zum Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball ver­än­dert?
Ich würde nicht sagen, dass wir unsere Grund­idee ver­än­dert haben, wir haben sie viel­mehr wei­ter­ent­wi­ckelt. 2010 mussten wir uns auch darauf ein­stellen, in der Qua­li­fi­ka­tion mehr Ball­be­sitz zu haben und nicht auf Gegner zu treffen, die uns so atta­ckieren wie Eng­land oder Argen­ti­nien. Also mussten wir in der Raum­auf­tei­lung und in der Pass­si­cher­heit noch besser sein, um gegen defensiv aus­ge­rich­tete Mann­schaften leichter zu unseren Chancen zu kommen.

Das hat bes­tens geklappt, der Fluch der guten Tat ist aber: Nun wird von Ihnen bei der Euro­pa­meis­ter­schaft der Titel erwartet.
Natür­lich streben wir im Sommer den Titel an. Aber ich bin sehr ent­spannt, wenn einer sagt: Sollten wir die Euro­pa­meis­ter­schaft nicht gewinnen, geht die Welt unter. Denn selbst wenn wir nicht Euro­pa­meister werden, wird die Mann­schaft sehr gut gewesen sein und wir werden alle stolz auf sie sein können. Dieses Team und viele junge Spieler haben her­vor­ra­gende Per­spek­tiven. Die Ent­wick­lung der Mann­schaft wird mit diesem Tur­nier nicht zu Ende sein, egal wie sie spielt.

Die Ein­heit von Schön­heit und Erfolg gab es bei der deut­schen Natio­nal­mann­schaft zuletzt beim EM-Sieg 1972, als Sie zwölf Jahre alt waren. Welche Erin­ne­rungen haben Sie daran?
Meine ersten Erin­ne­rungen an Fuß­ball liegen noch etwas weiter zurück. Das war die WM 1970 in Mexiko, vor allem die Spiele gegen Eng­land und Ita­lien: Becken­bauer mit dem Arm in der Schlinge oder das Hin­ter­kopftor von Uwe Seeler. Das habe ich bei Ver­wandten gesehen, weil wir noch keinen eigenen Fern­seher hatten: 30 Leute, das ganze Wohn­zimmer voll und wir Kinder vorne auf dem Boden in der ersten Reihe. Was 1972 betrifft, erin­nere ich mich vor allem an den Sieg in Wem­bley gegen Eng­land. Günter Netzer war damals auch mein großes Idol.

Waren Sie beim Kicken daheim in Schönau also immer Netzer?
Das ist lange her … Netzer war jeden­falls ein Spieler, wie er mir gefallen hat: zwar kein allzu großer Radius, aber fuß­bal­le­risch genial, ein­falls­reich und mit einem Schuss Exzen­trik.

Könnten Sie Netzer heute in Ihrer Mann­schaft noch gebrau­chen?
Selbst­ver­ständ­lich nicht. (lacht)

Nicht einmal für Frei­stöße?
Auch das, glaube ich, ist über­holt. Natür­lich waren Netzer, Becken­bauer oder Cruyff in ihrer Zeit geniale Spieler. Inzwi­schen ist der Raum aber enger und die Zeit viel knapper. Unter diesen Bedin­gungen eine Lösung zu finden, zeichnet die großen Spieler von heute aus. Das begann mit Zidane, der auf engstem Raum unter großer Bedrängnis immer die Ori­en­tie­rung behielt.

Auch in Ihrer Mann­schaft sind inzwi­schen sehr viele Spieler, die das können.
Das stimmt. In den letzten zwei, drei Jahren sind Spieler dazu­ge­kommen, die sehr schnell lernen und das Gelernte auch schnell umsetzen. Denn darauf kommt es heute an. Als wir 2004 ange­fangen haben, war das noch nicht so aus­ge­prägt.

Woran lag das?
Vor einigen Jahren hatte ich noch das Gefühl, dass Ver­än­de­rungen mit wahn­sin­niger Vor­sicht und großer Skepsis wahr­ge­nommen wurden. Jeder ein­zelne kleine Schritt wurde wie eine Revo­lu­tion gesehen: Das kann man doch nicht machen, das haben wir noch nie so gemacht.“ Heute sind die Spieler froh, wenn man etwas ganz Neues macht. Diese Genera­tion, zumin­dest die Elite, die es ganz nach oben geschafft hat, ist sicher auch durch die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der Bun­des­liga anders auf ihre Kar­riere vor­be­reitet. Die Götzes, Hum­mels, Kroos, Bad­stu­bers, Reus oder Ben­ders sind unheim­lich ziel­strebig, seriös und mögen Ver­än­de­rungen.

Worauf kommt es im Umgang mit ihnen an?
Man muss sie ernst­nehmen und ihnen das Gefühl ver­mit­teln, dass ein Grund­ver­trauen exis­tiert. Nur dann sind sie auch kri­tik­fähig. Ansonsten ist ein ganz weites Spek­trum von Cha­rak­teren zu berück­sich­tigen. Mit allen Spie­lern muss man sehr sen­sibel arbeiten, und sie brau­chen klare Auf­ga­ben­stel­lungen. Manche reagieren beson­ders auf Nähe und Ver­trauen, andere auf eine klare, ratio­nale Ansprache. Der eine braucht Frei­raum, der andere strikte Anwei­sungen. Das muss ich jeweils her­aus­finden.

Und dann schlägt auch keiner über die Stränge?
Da bin ich völlig ent­spannt. Wenn ich einem Schwein­s­teiger oder Lahm sage, die Mann­schaft kann abends bis um eins in die Stadt gehen, dann weiß ich, dass sie sehr bewusst mit dieser Frei­heit umgehen. Pas­siert doch mal ein Fehler, kommen sie selbst und teilen das mit, des­halb brauche ich die Spieler auch nicht groß zu kon­trol­lieren. Natür­lich werden sie auch mal wäh­rend der Saison in die Dis­ko­thek gehen oder ver­su­chen, die Grenzen aus­zu­testen. Das ist normal, wenn man so durch Regeln ein­ge­schränkt ist. Aber das Leben der Pro­fi­fuß­baller heute ist viel trans­pa­renter, da muss man viel vor­sich­tiger sein. Und eigent­lich muss ich mit den Spie­lern nicht über ihren Lebens­wandel spre­chen. Das kann ich mir sparen. Die wissen alle, dass sie topfit sein müssen, da waren wir eine andere Genera­tion.

Viele unserer Leser beklagen, dass durch die Ver­nunft der jungen Spiel­erge­nera­tion der Para­dies­vogel aus­ge­storben ist. Können Sie diese Wehmut ver­stehen?
Ich per­sön­lich sehe das anders, denn in meinen Augen ist es manchmal auch ein­fach nur unse­riöses und ego­is­ti­sches Ver­halten gewesen. Wenn sich jemand damit rühmt, einst näch­te­lang unter­wegs gewesen und am Morgen alko­ho­li­siert zum Trai­ning gekommen zu sein, finde ich das im Mann­schafts­sport heikel. Ein Ein­zel­sportler kann tun und lassen, was er will, aber im Fuß­ball gibt es eine Ver­ant­wor­tung für den Gesamt­erfolg des Teams.

War Ihnen das als Spieler auch schon bewusst?
In den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern ist man gene­rell noch nicht so bewusst mit seinem Beruf umge­gangen, wie das hätte sein müssen. Wir haben noch geglaubt, man könne nach einem Sieg mal richtig die Sau raus­lassen. Nur wissen wir heute, dass es nach einer hohen Belas­tung das Schlech­teste ist, was man machen kann. Aller­dings ist das damals nicht weiter auf­ge­fallen, schließ­lich haben es alle gemacht.

Und damit war es doch wieder in Ord­nung.
Naja, ins­ge­samt gibt es in der Rück­schau doch etliche Fehl­wahr­neh­mungen. Etwa von ehe­ma­ligen Spie­lern, die sich bis heute rühmen, früher nur mit halber Kraft gespielt zu haben und trotzdem glauben, dass sie die Besten waren.

Nur, wie häufig haben diese angeb­lich genialen Fuß­baller solche Leis­tungen gebracht?
Viel­leicht fünfmal im Jahr, sie glauben aber heute noch, sie wären die Größten über­haupt gewesen.

Wel­cher Natio­nal­spieler ist denn Ihr bester, Ihr Most Valu­able Player?
Den gibt es nicht, besser gesagt: nicht mehr. Heute braucht man meh­rere Spieler, die das Kon­zept einer Mann­schaft tragen. Die ein Trainer für seinen Weg gewinnen kann, denen er tak­ti­sche und soziale Auf­gaben über­trägt. Bas­tian Schwein­s­teiger und Philipp Lahm, Miro Klose und Per Mer­te­sa­cker sind min­des­tens so ehr­geizig wie die Platz­hir­sche oder Leit­wölfe ver­gan­gener Tage. Aber sie schauen eben nicht nur auf ihre eigene Leis­tung.

War das früher anders?
In meiner Zeit als junger Profi habe ich diese Leit­wölfe jeden­falls allzu oft nur schreien hören, kon­krete Anwei­sungen gab es so gut wie nie. Du musst aggres­siver spielen“, hieß es. Aber wie? Ich wusste es nicht. Im nächsten Spiel habe ich dann eine Rote Karte kas­siert.

Auch wenn Sie keinen MVP haben, wer darf sich auf keinen Fall ver­letzen?
Das ist doch müßig! Selbst wenn sich Schwein­steiger oder Lahm ver­letzen würden, müsste ich damit leben. Des­halb arbeiten wir ständig mit einer Wenn, dann“-Strategie: Wenn dieser Spieler sich ver­letzt, dann ersetzt ihn jener. Es gibt ja auch Spieler, die wäh­rend eines Tur­niers, ohne dass man es vorher so erwartet hätte, einen unglaub­li­chen Willen auf­bauen und stark auf­spielen, wie etwa Arne Fried­rich wäh­rend der WM in Süd­afrika. Wir sind auf alle Even­tua­li­täten vor­be­reitet.

Das bezwei­feln wir nicht, den Euro­pa­meis­ter­titel für die beste Vor­be­rei­tung dürften Sie schon haben.
Aber da ist Oliver Bier­hoff die trei­bende Kraft. Der sitzt mir ohnehin ständig mit seiner Orga­ni­sa­ti­ons­manie im Nacken!

Orga­ni­sa­ti­ons­manie“, das sagen wir weiter!
Können Sie ruhig. Es wird Zeit, das mal zu sagen. (lacht) Aber im Ernst: Klar ist, dass seine Arbeit sehr gut und wichtig für uns ist. Er denkt immer über die Tur­niere hinaus und fragt das Trai­ner­team schon jetzt, gegen wen wir 2013 und 2014 Test­spiele bestreiten wollen. Selbst­ver­ständ­lich fällt uns die Ant­wort darauf schwer, dafür habe ich doch jetzt noch keinen Kopf. Aber Oliver lässt nie locker.

Und wenn es los­geht, sind Sie doch froh, wenn der Mann­schaftsbus pünkt­lich vor­fährt und der Fahrer auch noch weiß, wo es hin­geht.
Ja, aber das würde ich nie­mals zugeben.

Das Quar­tier in Danzig stand auch schon fest, als die Mann­schaft noch gar nicht qua­li­fi­ziert war. Wie wichtig ist die rich­tige Wahl?
Sie müssen bedenken, dass wir viele Wochen – bei der WM 2010 waren es sogar acht – in einer Gruppe von 70 Leuten ver­bringen. Das ist eine reine Män­ner­ge­sell­schaft, da muss man Aus­weich­mög­lich­keiten schaffen, Aggres­si­ons­puffer und Frus­tra­ti­ons­halden. Unser Ziel ist es, hart zu arbeiten, aber uns dabei eine gewisse Leich­tig­keit zu bewahren. Da sind das Ambi­ente und die Umge­bung ent­schei­dend. So gesehen: Nach Malente würden wir nicht unbe­dingt gehen.

Das soge­nannte Team hinter dem Team“ mit den Trai­nern, Ärzten, den Phy­sios, dem Psy­cho­logen, den Orga­ni­sa­tions- und Pres­se­leuten usw. ist seit acht Jahren ziem­lich unver­än­dert zusammen. Gehen die Ihnen inzwi­schen nicht manchmal auf den Keks?
Nein, weil jeder selb­ständig her­vor­ra­gende Arbeit leistet und alles so ein­ge­spielt ist, dass ich mich nicht um jedes Detail küm­mern muss. Das ist eine Vor­aus­set­zung dafür, dass ich mich auf das Wesent­liche kon­zen­trieren kann: die Arbeit mit der Mann­schaft.

Auch wenn Sie über Bier­hoff spotten, angeb­lich sollen die Trai­nings­pläne für die EM auch schon fertig sein. Wissen Sie aus dem Kopf, wie die Ein­heit am 19. Juni aus­sehen wird?
Das nun nicht, aber natür­lich haben wir bereits an den Plänen gear­beitet. Wir sind dabei, die Schwer­punkte fürs Tur­nier fest­zu­legen.

Nur Ecken und Frei­stöße kommen wahr­schein­lich erneut zu kurz und Ihr Assis­tent Hansi Flick grämt sich wieder.
Natür­lich ver­su­chen wir, die Stan­dards zu opti­mieren. Aber das tut jede Mann­schaft der Welt, und am Ende hat man soviel anderes zu tun, dass man nicht dazu kommt.

Besteht nicht sowieso die Gefahr, sich zu ver­lieren, weil man so viel machen kann?
Nein. Mir ist inzwi­schen klar, dass die Trai­nings­ein­heiten das Aller­wich­tigste sind, wenn man wei­ter­kommen will, und nicht nur Gespräche oder die Theorie im Sit­zungs­raum. Man muss Aktionen wie­der­holen, nur dann sind die Spieler darin sicher. Es muss zur Nor­ma­lität werden, nur dann kann es abge­rufen werden. Das ist wie beim Voka­bel­lernen.
Ihre Spieler büf­feln also. Und wie ergeht es Ihnen wäh­rend eines Tur­niers? Ich ent­wickle schon einen Tun­nel­blick. Sonst achte ich ja stets auf eine gewisse Lebens­qua­lität, dass ich gele­gent­lich abschalte, Moun­tain­bike fahre, mich mal mit Freunden treffe oder abends zu Hause mit meiner Frau ein Glas Wein trinke. Aber wäh­rend eines Tur­niers sinkt meine Lebens­qua­lität auf ein Minimum. Jeder, wirk­lich jeder Gedanke ist mit Fuß­ball behaftet. Ich ana­ly­siere, dis­ku­tiere, plane – alles unter Zeit­druck.

Aber Sie werden, wenn alles gut geht, mit Siegen belohnt.
Ja, nur kann ich sie nicht genießen. Selbst die Freude über einen Sieg wie das 4:0 gegen Argen­ti­nien bei der WM in Süd­afrika hat nur kurz ange­halten. Nach fünf Minuten habe ich schon an den nächsten Gegner gedacht und was wir in der Vor­be­rei­tung des nächsten Spiels alles beachten müssen.

Wie schade!
Ja, aber die Emo­tionen sind nicht ganz ver­loren. Sie kommen später raus, wenn die Anspan­nung von mir abfällt. Als ich im Fern­sehen den Jah­res­rück­blick 2010 sah, habe ich eine Gän­se­haut bekommen. Und ich dachte: was für Momente! Schade, dass ich sie damals nicht so wahr­ge­nommen habe.

Freuen Sie sich denn über­haupt auf die kom­mende EM?
Ja, Vor­freude emp­finde ich durchaus. Ich freue mich darauf, die Spieler wie­der­zu­sehen, mit ihnen zu arbeiten. Und ich freue mich auch auf die Gegner: Nie­der­lande, Por­tugal, Spa­nien – da steckt viel Bri­sanz drin. Kurz vor dem ersten Tur­nier­spiel aber gerate ich in diesen Tunnel. Der Adre­na­lin­spiegel steigt, ich fokus­siere mich immer stärker.

Sind Sie dann reiz­barer als sonst?
Nein, ständig gereizt zu sein, liegt nicht in meiner Natur. Ich werde im Stress sogar eher ruhiger. Erst nach dem Tur­nier beginnt eine Phase der Unruhe, dann rolle ich gewisse Situa­tion noch einmal auf und hin­ter­frage Ent­schei­dungen. Zum Schluss kommt die Erschöp­fung, und dann möchte ich mich vor­über­ge­hend nicht mehr mit Fuß­ball befassen. Vor dem Län­der­spiel in Däne­mark, einen Monat nach der Welt­meis­ter­schaft 2010, mussten Olli Bier­hoff und Hans Flick mich da wieder raus­ziehen: Jogi, wir sollten uns schon mal über den Kader unter­halten.“ Da habe ich erst gesagt: Ladet doch ein, wen ihr wollt!“

Gibt es einen Fehler, den Sie begangen haben und der Sie heute noch quält?
Fehler macht man doch immer. Aber rück­gängig machen kann man sie nie. Es geht einzig und allein darum, aus ihnen zu lernen.

Schaffen Sie das?
Meis­tens. Wissen Sie, ich bin aber auch ein Bauch­mensch. Ich kann mir tage­lang Gedanken machen – aber die Ent­schei­dung treffe ich dann trotzdem rein intuitiv.

Frank Wormuth sagt, Sie beherrschten sogar die Kunst des Nicht­ent­schei­dens.
Richtig ist, dass ich mich nicht zu Ent­schei­dungen drängen lasse. Wenn ich Druck von außen ver­spüre, lasse ich mir nur umso mehr Zeit.

Haben Sie des­halb eine Ent­schei­dung schon mal zu spät getroffen?
Das auch. Aber das ist kein Grund, die Ent­schei­dungen in Zukunft nicht mehr reifen zu lassen. Ins­ge­samt bin ich gut damit gefahren, mir Zeit zu lassen, wenn sehr wich­tige Ent­schei­dungen anstehen.

Würden Sie sich eines Tages gerne noch häu­figer ent­scheiden müssen und wieder als Ver­eins­trainer arbeiten?
Ich treffe auch heute als Bun­des­trainer täg­lich Ent­schei­dungen. Aber ich möchte nicht aus­schließen, dass mir die Arbeit als Ver­eins­trainer auch mal wieder Spaß machen könnte.

Auch in Deutsch­land?
Wenn Sie mich heute fragen, würde ich sagen, dass es mich eher ins Aus­land zieht.

Herr Löw, die Zeit neigt sich dem Ende zu, aber ein paar Fragen hätten wir noch.
Schießen Sie los.

Warum haben wir Sie bei Face­book nicht gefunden, und warum twit­tern Sie nicht?
Ich halte nichts davon, meine Pri­vat­sphäre jeder­mann zugäng­lich zu machen. Ich ziehe die per­sön­liche Kom­mu­ni­ka­tion vor.

Darf ein Bun­des­trainer kos­ten­lose Upgrades in Anspruch nehmen?
Ja. Manchmal habe ich in Hotels das Gefühl, dass sie es machen, ohne mir davon was zu sagen.

Stört es Sie, dass ein ganzes Land Sie beim Spitz­namen nennt?
Nein.

Nennt Ihre Frau Sie auch Jogi?
Ja, meis­tens.

Sie sind der­zeit dritt­be­lieb­tester Deut­scher hinter Helmut Schmidt und Gün­ther Jauch. Wann sind Sie end­lich Erster?
Helmut Schmidt und Gün­ther Jauch haben den Vor­teil, dass sie in dem Ran­king noch lange oben bleiben werden. Aber ich weiß, dass man im Fuß­ball ganz schnell mal der Staats­feind Nummer eins werden kann.

Sepp Her­berger war der Chef“, Helmut Schön der Mann mit der Mütze“, und Franz Becken­bauer ist der Kaiser“. Unter wel­chem Namen möchten Sie in die Fuß­ball­ge­schichte ein­gehen?
Joa­chim Löw, der … Zufrie­dene!