Stefan Wes­sels, nach Sta­tionen beim FC Bayern, 1. FC Köln und FC Everton sind Sie mitt­ler­weile beim SV Meppen gelandet. Zum Kar­rie­re­ende ver­kommen Sie also nun zum Torf­ki­cker?
Nein, ver­kommen werden ich beim SVM sicher­lich nicht und meine aktive Kar­riere ist ja bereits beendet. Nach meiner letzten Sta­tion beim däni­schen Odense BK, bin ich seit 2012 zurück in Osna­brück und arbeite nun als Tor­wart­trainer für die Regio­nal­liga-Mann­schaft in Meppen und dem ange­schlos­senen Jugend­leis­tungs­zen­trum.

Das Niveau für die Regio­nal­liga besitzen Sie sicher­lich noch. Wieso sind Sie mit 33 Jahren nur noch als Trainer aktiv?
Weil mich diese Liga ein­fach nicht mehr gereizt hat. Ich hatte ein sehr schönes Kar­rie­re­ende in Odense mit der Teil­nahme an der Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion und an der Europa League. Auf diesem Niveau konnte ich mich ver­ab­schieden. In der Regio­nal­liga wäre ich ver­mut­lich nie zufrieden, könnte durch die feh­lende Moti­va­tion nie meine gewohnte Leis­tung zeigen. Ich bin als Trainer zu meinen ems­län­di­schen Wur­zeln zurück­ge­kehrt.

Sie spielten für Ein­tracht Scheps­dorf und TuS Lingen, ehe Sie erst mit 18 Jahren zum FC Bayern Mün­chen wech­selten.
Ein Sprung, der heute so gar kaum mehr mög­lich scheint, oder?

Warum wech­selten Sie erst so spät?
Für mich war es die logi­sche Kon­se­quenz. Ich hatte in den Jahren zuvor hart an mir gear­beitet, war fuß­ball­be­sessen und habe seit der U17 für die Junio­ren­na­tio­nal­mann­schaften gespielt. Die Ange­bote der nörd­li­chen Bun­des­li­ga­mann­schaften wie Werder Bremen lagen auf dem Tisch. In Absprache mit meinen Eltern habe ich mich dazu ent­schieden erst mein Abitur abzu­legen und für den TuS Lingen in der Ober­liga zu spielen. Schritte, die in Zeiten der modernen Fuß­bal­laka­de­mien nicht mehr mög­lich sind.

Im Sommer 1998 wech­selten Sie an die Säbener Straße. Wäh­rend Zine­dine Zidane noch eben die Fuß­ball-Welt in Ekstase gespielt hatte, begann für einen 18-Jäh­rigen der Traum des Fuß­ball­profis. Welche Ein­drücke blieben aus den ersten Trai­nings­tagen?
Als Jugend­na­tio­nal­spieler bin ich nicht nur mit großen Augen am Trai­nings­ge­lände umher gelaufen. Durch meine vor­he­rige Ent­wick­lung wusste ich, was mich etwa erwarten würde. In meinem ersten Jahr habe ich ein ein­ziges Mal mit den Profis mit­trai­niert, da ich für die Ama­teur­mann­schaft ver­pflichtet worden war. Der Kon­takt zu Oliver Kahn und Bernd Dreher kam daher erst später. Nur mit Sven Scheuer wech­selte ich mich unre­gel­mäßig im Tor der zweiten Mann­schaft ab. Anschei­nend habe ich zu diesem Zeit­punkt über­zeugen können.
Ihre Leis­tungen, ebneten Ihnen kurz darauf den Weg in den Bun­des­liga-Kader?
Nein, das war eher Glück. Kahn hatte sich im Urlaub am Fuß ver­letzt, auch Scheuer fiel aus. Des­halb durfte ich nach nur einem Jahr am Som­mer­trai­nings­lager teil­nehmen und wäh­rend der ersten beiden Spiel­tage auf der Bank Platz nehmen. Nachdem die beiden Kol­legen wieder fit waren, ging es für mich zurück zu den Ama­teuren.

Konnten Sie sich mit dieser Situa­tion abfinden?
Über­haupt nicht, da ich auf­grund eines ganz häss­li­chen Gegen­tors sogar dort auf der Bank sitzen musste. Glück­li­cher­weise ging es dar­aufhin mit der U21 in den Oman…

… dort kamen Sie jedoch nie an…
… son­dern lan­dete im Glas­gower Ibrox-Park. Erin­nern Sie sich noch an das legen­däre Sams­tag­abend­spiel zwi­schen dem FC Bayern und Ein­tracht Frank­furt?

Sie meinen, als Michael Tarnat als Tor­hüter ein­springen musste?
Ganz genau! Sammy Kuf­four hatte Kahn mit dem Knie am Kopf getroffen und der ein­ge­wech­selte Bernd Dreher riss sich nach wenigen Minuten das Kreuz­band. Ich lag träge auf dem Sofa meiner Eltern und berei­tete mich inner­lich auf den Flug mit der U21 vor, bis mir plötz­lich klar wurde, dass unserer Mann­schaft ein Tor­wart für das anste­hende Cham­pions-League-Spiel bei den Ran­gers fehlen würde. Kurz darauf rief Co-Trainer Michael Henke an.

Wie reagierten die Mit­spieler auf den unge­wohnten Rück­halt im Tor?
(lacht) Alle hatten mit Sicher­heit einen Rie­sen­bammel, haben es aber ganz gut ver­steckt. Für mich war das ein Rake­ten­start, ohne den meine Kar­riere viel­leicht anders ver­laufen wäre. Lothar Mat­thäus und Stefan Effen­berg kamen in der Kabine noch einmal zu mir und spra­chen ein­dring­lich auf mich ein. Die Mann­schaft wollte mir ja schließ­lich die Sicher­heit ver­mit­teln. Ich habe dann dem Team sehr gut helfen können. Wir spielten 1:1. Nach dem Abpfiff musste ich mich trotzdem wieder hinter Oli ein­reihen.

Sie sagen Oli“. War das Ver­hältnis zwi­schen Ihnen auf Augen­höhe?
Sicher­lich nicht. Er hat damals die Hoch­phase seiner Kar­riere erlebt, wäh­rend ich im Trai­ning lern­willig hinter ihm stand. Es war ein ordent­li­ches Ver­hältnis, aber für mich eher ein Kon­kur­renz­kampf ohne Hoff­nungen.

Stimmt es eigent­lich, dass Ottmar Hitz­feld seine Nummer Eins nie kri­ti­siert hat?
Nur sehr selten. Das kann man natür­lich kri­tisch sehen, aber die Men­schen­füh­rung zeich­nete diesen Trainer immer aus. Oli hatte seinen unan­tast­baren Status, auch inner­halb der Mann­schaft. Falls ihm Fehler unter­liefen, wurde in den ganz­heit­li­chen Mann­schafts­sit­zungen nie dar­über gespro­chen. Das hat Hitz­feld sicher­lich berechnet, aber die groben Patzer blieben ja eigent­lich auch immer aus.

Wäh­rend Sie 2003 zum 1. FC Köln wech­selten, rückte für Sie Michael Ren­sing nach. Ein junger Tor­wart vom TuS Lingen. Kannten Sie ihn bereits vorher?
Ich habe mit seinem Bruder Thomas in einer Mann­schaft gespielt. Auf dem Bolz­platz war Michael natür­lich auch immer dabei und wir hatten vor seinem Wechsel noch mit­ein­ander gespro­chen.

Was haben Sie ihm gesagt?
Ich habe ihm von einem Wechsel zum FC Bayern abge­raten. Michael war nur zweiter Tor­hüter in der Natio­nalelf, sein Kon­kur­rent Markus Grün­berger spielte schon bei uns und hatte daher einen dicken Bonus. Michael hätte zu jedem Verein wech­seln können, ent­schied sich aber für seinen Her­zens­klub und pro­fi­tierte kurz darauf von einer Ver­let­zung Grün­ber­gers. Dann wurde Uli Hoeneß auf ihn auf­merksam.

In der ver­gan­genen Woche ver­ließ Ren­sing, als zweiter Keeper degra­diert, kur­zer­hand das Ver­eins­ge­lände seines jet­zigen Arbeit­ge­bers For­tuna Düs­sel­dorf als er nicht für das erste Sai­son­spiel berück­sich­tigt wurde. Können Sie sich diese Reak­tion erklären?
Natür­lich war das Ver­lassen der Team­sit­zung kurz vor dem ersten Spiel nicht richtig. Ich frage mich aller­dings, mit wel­chen Ver­spre­chen Michael nach Düs­sel­dorf gelockt wurde. Sollte Fabian Giefer nicht zu Schalke 04 wech­seln? Als Reser­vist in Lever­kusen hatte er sich in der ver­gan­genen Saison jeden­falls vor­bild­lich ver­halten und hat Bernd Leno nach Kräften unter­stützt. Ich bin mir sicher, dass er mit der Erwar­tung gewech­selt ist, dass er in Düs­sel­dorf auch spielt. Damit kann ich seine Über­re­ak­tion zumin­dest ansatz­weise nach­voll­ziehen.

Haben Sie etwas der­ar­tiges in Ihrer eigenen Kar­riere erlebt?
Als mich mein ehe­ma­liger Mit­spieler Thorsten Fink 2009 zum FC Basel holte, kam ich trotz aller Anstren­gungen nicht an Mas­simo Colomba vorbei. Ich weiß bzw. glaube zu wissen, dass das nicht am Trainer lag, son­dern ver­eins­po­li­ti­sche Spiel­chen ihren Ein­fluss hatten.

Allzu häufig saßen Sie als Ver­tre­tung auf der Bank. Den­noch haben Sie zahl­reiche Ver­eins­po­kale gewonnen. Wel­cher bedeutet Ihnen am meisten?
Nur weil ich größ­ten­teils der zweite Tor­wart war, zählte ich mich selbst als voll­wer­tiges Mit­glied der Mann­schaft. Natür­lich hat Oliver Kahn deut­lich mehr zum Cham­pions-League-Titel bei­getragen als ich, aber des­halb habe ich trotzdem diesen Pokal gewonnen. Mein Kar­riere-High­light wurde sowieso nicht mit einem Cup prä­miert.

Son­dern?
Wir schieden aus. Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele zur Cham­pions League mit Odense BK gegen Pan­athi­naikos Athen und den FC Vil­lareal waren 2011 die viel­leicht besten Spiele meiner Kar­riere. Gegen die Grie­chen haben wir nach Hin- und Rück­spiel mit 5:4 gewonnen. Mit einem 1:0‑Sieg sind wir dann nach Spa­nien geflogen, waren völlig unter­legen und sind mit 0:3 zusam­men­ge­bro­chen. Das in vor­derster Front erlebt zu haben, war ein­fach klasse. Mit diesen Spielen im Hin­ter­kopf konnte ich zufrieden meine Kar­riere beenden.

Ver­missen Sie die mög­li­chen Momente in vor­derster Front, die Sie nur auf der Bank erlebten?
Ich glaube, dass 99 Pro­zent der Profis mich um meine Kar­riere beneiden würden. Natür­lich hatte ich auch schwere Zeiten, galt zweimal als arbeitslos, aber die meisten Spieler hätten bei meinen Ver­einen gerne unter­schrieben.

Eine Sta­tion war der FC Everton. Wäh­rend Sie nun in Meppen trai­nieren lassen, lenkt ihr ehe­ma­liger Trainer David Moyes ab der kom­menden Saison die Geschicke bei Man­chester United.
Er war tat­säch­lich mein erster Favorit auf diesen Posten. Moyes ist ein sehr gerad­li­niger und ehr­li­cher Typ. Am Mersey-River kam er mit seiner mensch­li­chen Art immer sehr gut an. Ich glaube, dass er mit seiner lang­fris­tigen Arbeits­weise, die glück­li­cher­weise bei United im Gegen­satz zu Chelsea und Co. noch geför­dert wird, auch dort erfolg­reich sein wird.

Sie sagten im Juli 2012, dass Sie Ihren Wohnort Osna­brück für den Fuß­ball nicht mehr ver­lassen werden. Bei wel­chem Angebot würden Sie sich viel­leicht doch noch einmal die Hand­schuhe über­stülpen?
Das Zitat stammt aus der Sport­bild“ und kam in dieser Weise nicht von mir. Meinen Lebens­mit­tel­punkt habe ich in Osna­brück fest­ge­legt und möchte nur noch Dinge machen, die meinem Niveau­denken ent­spre­chen. Ich bin seit einem Jahr nicht mehr aktiv und habe damit abge­schlossen.

Die Fans des SV Meppen werden also mit anderen Tor­hü­tern Vor­lieb nehmen müssen?
Davon können Sie aus­gehen.