Seite 2: „Was iss’n das für ein Vogel?“

In Ihrer Bio­grafie schreiben Sie: Fuß­ball ist das Theater der Emo­tionen, nicht der Träume.“
Fuß­ball sollte wie ein Kon­zert sein – spontan, wild, anar­chisch, und wenn mal was schief­geht, scheiß drauf. Ganz ehr­lich: Ich habe auch keine Ahnung von Taktik. Ist mir scheiß­egal. Dieses Phi­lo­so­phieren über Fuß­ball­sys­teme ist eine Seuche und eine Erfin­dung des Mit­tel­standes. Ich will, dass jeder überall spielen kann. Und genau so war es früher auch: Der Fuß­ball war nicht vor­her­sehbar, es war ein unper­fektes Spiel.

Die Leute lieben offen­sicht­lich die Per­fek­tion, viele Sta­dien sind heute aus­ver­kauft.
Aber wer sitzt da? Aus­schließ­lich Bes­ser­ver­die­nende. Im Gegen­satz zu früher, als alle gemeinsam ins Sta­dion gingen: Reiche, Arme, Schüler, Stu­denten, Arbeits­lose, sogar Greise, die zwei Welt­kriege über­lebt hatten. Wenn wir damals kein Geld hatten, hoben uns die Älteren über den Zaun – und selbst wenn die Ordner das mit­be­kamen, drückten sie ein Auge zu. Unvor­stellbar heut­zu­tage.

Fuß­ball war in den Sieb­zi­gern in Eng­land aber auch gefähr­li­cher als heute. Hatte Ihr Vater nie Angst um Sie?
Er fand immer, dass ich meine eigenen Erfah­rungen machen sollte. Natür­lich gab es oft Klop­pe­reien, auch wäh­rend eines Spiels. Ich beob­ach­tete das zu Beginn aus sicherer Ent­fer­nung, gleich­zeitig fas­zi­niert von den Fahnen, Farben, dem Lärm, den Gerü­chen, der Span­nung und auch ein biss­chen von dieser beson­deren Ästhetik der Gewalt, von diesem Heim­spiel! Nie­mand wird unsere Kurve einnehmen!“-Ding. Es war wie ein Alb­traum, es war Anar­chie, es war Krieg – nur ohne Waffen.

Wie ging man als junger Fan Schlä­ge­reien zwi­schen Hoo­ligan-Firms wie den Head­hun­ters“ und den Goo­ners“ aus dem Weg?
London war in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern eine Stadt voller Dörfer. Wenn du mit einem Arsenal-Schal ins fal­sche Viertel gelaufen bist, gab’s Stress. Also hat man das ver­mieden, wenn man keinen Ärger wollte.

Und Sie?
Junger Freund, ich bekam oft Ärger. Ich war ein Typ, der Ärger anzog. Ein wütender junger Mann. Wir hingen früher oft in der Kings Road in Chelsea ab, im Kla­mot­ten­laden von Vivi­enne West­wood und Mal­colm McLaren. Dort kamen immer wieder Hoo­ligan-Firms vorbei und suchten Ran­dale. Ich weiß noch, wie einmal eine Horde Not­tingham-Forest-Hools den Laden stürmen wollte. Ich stellte mich vor sie und regelte das. Als ich wieder reinkam, stam­melte Vivi­enne: Du sollst doch nicht solche Leute anschleppen.“ Als hätte ich denen emp­fohlen, den Laden aus­ein­an­der­zu­nehmen. Ach, Vivi­enne!

Für ein Punk-Image waren solche Aus­ein­an­der­set­zungen doch eigent­lich för­der­lich.
Beson­ders die Kämpfe mit der Polizei. Die waren damals wirk­lich brutal. Ich erin­nere mich noch, wie mich einmal ein Beamter aus dem Sta­dion prü­gelte. So etwas war für einen jungen Fan wie eine Medaille.

Was war pas­siert?
Wollen Sie, dass ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede und mir nach­träg­lich ein Ver­fahren auf­halse? Zum Mit­schreiben für alle: Ich war unschuldig, Officer! (Lacht.)

Waren Sie mal mit Ihrem Band­kol­legen Sid Vicious bei Arsenal?
Einmal, im tiefsten Winter. Dazu muss man wissen, dass Sid damals gerne eine Frisur wie David Bowie gehabt hätte. Aller­dings tou­pierte er sich seine Haare nicht mit Haargel, son­dern ent­wi­ckelte dafür eine ganz eigene Methode: Er steckte seinen Kopf in einen vor­ge­heizten Küchen­ofen, damit die Haare hart wurden. Dazu noch das obli­ga­to­ri­sche ärmel­lose Hemd. So sind wir dann, bei Minus­graden, Rich­tung High­bury gelaufen, und um uns herum standen die ganzen Goo­ners-Hools und fragten: Was iss’n das für ein Vogel?“ Ich sagte: Das ist Sid, dem kann die Kälte nichts anhaben.“ Das fanden sie dann wie­derum ganz impo­sant.

Wer waren die Arsenal-Helden Ihrer Jugend?
Charlie George, schon wegen seiner langen Haare, die wirr vom Kopf hingen. Aber auch Bob Wilson. Er spielte von 1963 bis 1974 für den FC Arsenal. Ein bril­lanter, mental unfassbar starker Tor­hüter. Oder John Rad­ford, der Tor­jäger meiner Jugend, und später Ian Wright, Thierry Henry oder Dennis Berg­kamp. Eines meiner größten Idole spielte aber nie für Arsenal.

Son­dern?
Für Man­chester United – Georgie Best. Für mich war es immer sehr hart, wenn wir gegen Man­chester spielten, denn einer­seits sah man so einem wie Best gerne beim Fuß­ball­spielen zu, ande­rer­seits nahm er die Arsenal-Defen­sive regel­mäßig aus­ein­ander. Wir wirkten neben ihm wie Idioten.

Gab’s keinen Ärger in der Arsenal-Kurve, wenn Sie von Best schwärmten?
Ich werde das oft gefragt, und ganz ehr­lich: Ich finde so eine Hal­tung dumm. Man kann doch Spieler von anderen Teams trotzdem für ihr Können oder ihre Tore bewun­dern. Georgie habe ich übri­gens auch mal ken­nen­ge­lernt.

Auf einem Ihrer Kon­zerte?
In einem Nacht­club, wo sonst? Es muss irgend­wann Ende der Sieb­ziger gewesen sein, damals ging es meiner Mutter ziem­lich schlecht – bei ihr wurde Krebs dia­gnos­ti­ziert –, und sie bat mich, mit ihr zu einem Kon­zert von Gary Glitter zu gehen. Glitter erfuhr, dass wir im Publikum waren, und lud uns zur After­show­party in den Night­club Tramp“ ein. Der erste Typ, den wir dort sahen, war Georgie Best – an der Bar. Meine Mutter war total über­wäl­tigt, auch wenn er betrunken war. Sie liebte ihn, vor allem seine Haare. Damals war die Hoch­phase der Skin­heads, viele Glatzen, gerade in unserer Gegend. Und dann war da dieser Typ, der die Haare wellig über seine Schul­tern trug und trotzdem kein Hippie war. Georgie hatte ver­dammt noch mal Stil.

Sind je Spieler zu Ihren Kon­zerten gekommen?
Stuart Pearce und Gareth Sou­th­gate waren mal bei einem Sex-Pis­tols-Gig, irgend­wann 1996, als wir wieder auf­traten. Die beiden waren aller­dings heim­lich da, weil sie eigent­lich beim Trai­ning der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft sein sollten. Ein geiles Gefühl.

Es kam nie raus?
Natür­lich kam es raus. Der Trainer – ich glaube, es war Glenn Hoddle – war stink­sauer. Pearce und Sou­th­gate sagten nur: Scheiß drauf! Das Kon­zert war es wert.“