Seite 2: Huckepack am Tresen

Über das Old Firm an sich schrieb ich für die fol­gende Aus­gabe. Das Spiel war nicht son­der­lich gut, die Ran­gers klar unter­legen. Und ich bekam das Gefühl, dass der Fuß­ball gren­zenlos über­laden war, mit Politik, Geschichte und natür­lich Reli­gion.

Was den Besuch in Glasgow wirk­lich außer­ge­wöhn­lich machte, waren die Leute vor Ort und ihre über­schäu­mende Freude und Freund­lich­keit. Nachdem der Foto­graf Shoresh Fezoni und ich den Ran­gers-Pub etwas zügig ver­lassen mussten (das ist wirk­lich eine andere Geschichte!), trafen wir im McChuills“ ein, dem Pub der Celtic-Fans. Diese Bilder schießen mir noch heute direkt vor das geis­tige Auge, ich habe sofort wieder einen Ohr­wurm von Billy Ocean und Depeche Mode, einer Band, die ich sonst nicht mal unter Andro­hung von Waf­fen­ge­walt auf­legen würde.

Wim­mel­bild des Glücks

Es war für mich der Moment des Jahres, ein Wim­mel­bild des Glücks. Ich notierte meine Beob­ach­tungen auf Papier­fetzen:

Im Celtic-Pub McChuills liegt sich eine ganze Kneipe in den Armen. Männer schwenken Schals zu den Songs der Pogues. Aus jeder Ecke springen über­glück­liche Gestalten in grün-weißer Klei­dung, am Tresen nehmen die Leute ein­ander hucke­pack, um eine Bestel­lung auf­geben zu können. An der Wand hängen Celtic-Devo­tio­na­lien und eine Karte von der Abstim­mung über die Unab­hän­gig­keit: End Tory rule forever, vote yes.“ Ein voll­ge­siffter Typ aus Süd­afrika mit Celtic-Trikot und Kiraly-Jog­ging­hose tanzt eng umschlungen mit einem Fan vom Typ Stahl­ar­beiter zu Love Really Hurts Wit­hout You“. Immer wieder fallen Besof­fene von den Tischen, auf denen sie ihre John-Tra­volta-Schritte vor­führen wollten. Im Suff denkt man ja, man hätte Super­kräfte – und nach einem Der­by­sieg erst recht. Die Jungen, die Alten, die Damen und Jugend­li­chen, die Rentner und die Halb­starken, sie singen Arm in Arm diesen pro­gram­ma­ti­schen Hit aus voller Kehle: I just can’t get enough of you – död­öd­öd­öd­ödödö. When I see you Celtic, I go out of my head.

Es ist zwar ein Gesang von Celtic, doch von diesen Tagen mit den herz­li­chen und für den Fuß­ball lebenden Ein­woh­nern blieb der Ein­druck: Glasgow, ich kriege nie genug von dir.

Einige Tage später sprach ich mit der Legende Bertie Auld. Er gewann mit Celtic 1967 sen­sa­tio­nell den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister. Inter­views mit Auld sind ein Gewinn, weil er so gewitzt und lei­den­schaft­lich von Celtic und von Glasgow erzählt.

Unsere Fans haben damals Inter geschlagen. Schon als wir am Flug­hafen in Lis­sabon ankamen, war­teten 12 000 Anhänger auf uns. Von da an fühlten wir uns nicht wie im Aus­land, son­dern als wären wir in Glasgow. So eine Atmo­sphäre habe ich nie vorher und nie danach erlebt. Ich habe so viele Leute getroffen, die damals dabei waren. Einige erzählten mir, wie sie freude- und voll­trunken nach dem Spiel ins Flug­zeug gesteckt wurden. Erst am Flug­hafen in Glasgow rea­li­sierten sie: Mensch, ich bin ja mit dem Auto nach Lis­sabon gefahren!‘ “

Fazit nach drei Tagen Glasgow: So etwas könnte heute genauso noch einmal pas­sieren.