Cam­pino, Sänger
FC Liver­pool – AC Mai­land 6:5 n. E. (0:3, 3:3)
25.05.2005, Cham­pions League, Finale
Sta­dion: Ata­türk-Olym­pia­sta­dion, Istanbul

Zur Halb­zeit hatten sich 40.000 Eng­länder kom­plett von ihrem Traum ver­ab­schiedet. Es ging nur noch um unsere Würde und darum, nicht als die grössten Deppen Europas nach Hause zu fahren. Doch dann kam Didi Hamann, wurde Jerzy Dudek zum Helden. So schief sich das anhört: Die Euphorie nach dem Sieg kann ich nur mit der beim Mau­er­fall ver­glei­chen. Wild­fremde Men­schen fei­erten gemeinsam, alle waren wie auf Ecstasy.

Ich habe mein Hotel­zimmer in Istanbul nie gesehen: Vom Sta­dion ging es zur Mann­schafts­party und dort mit Didi über Tische und Bänke. Näher dran sein konnte man nicht. Als wir in Man­chester lan­deten, ertönten die unver­gess­li­chen Schlacht­rufe: Are you watchin’, Man­chester?“ Liver­pool, der Underdog, hatte über die Gestopften tri­um­phiert. Mit der Bahn ging es weiter nach Liver­pool. Als wir mit der Red Army“ am Bahnhof Lime Street ein­trafen, gab es dort alles umsonst. Die Helden kehrten heim! Und ich dachte: ›Ich könnte jetzt alles ver­lieren, ich habe alles gesehen.‹“

Thomas Brussig, Schrift­steller
Peru – Schott­land 3:1 (1:1)
03.06.1978, Welt­meis­ter­schaft, 1. Runde
Sta­dion: Estadio Olim­pico Cha­teau Car­reras, Cor­doba

Wegen der Zeit­ver­schie­bung liefen die meisten Spiele der Fuss­ball-WM 1978 in Argen­ti­nien zu einer Uhr­zeit, in der ein drei­zehn­jäh­riger Junge im Bett zu sein hat. Ich trank aber abends immer so viel Tee, dass ich nachts pin­keln musste. Dann setzte ich mich vor den auf ganz leise gestellten Fern­seher… Eines dieser Beu­te­stücke war das Vor­run­den­spiel Peru – Schott­land. Die Schotten gingen in Füh­rung, aber die Peruaner, bei denen ein sehr auf­fäl­liger Spieler namens Cubillas mit­spielte, gli­chen noch vor der Pause aus.

In der zweiten Halb­zeit hielt erst der perua­ni­sche Tor­hüter einen Elfer, bevor Cubillas zwei wun­der­schöne Tore schoss: erst ein Weit­schuss in den oberen Winkel und dann einen Frei­stoss mit einer unglaub­li­chen Schuss­technik (ich glaube sogar, es war mit der Pike geschossen) ins gleiche obere Eck. Das Spiel war immer span­nend, zeit­weise dra­ma­tisch, und es war ein schönes, schnelles Spiel mit den tech­nisch ver­sierten Perua­nern und ihrem Aus­nah­me­könner hier, den robusten, kämp­fenden Schotten da. Zuge­geben, dass ich dieses Spiel als das schönste führe, hat auch damit zu tun, dass ich in einem Alter war, in dem ich so was wie einen Fuss­ball­ge­schmack erlangen wollte. Aber ich habe noch zwei Men­schen ken­nen­ge­lernt, die Peru – Schott­land eben­falls zum schönsten aller Spiele erklärten.“

Sönke Wort­mann, Regis­seur
SC Jülich 1910 – TSV Marl-Hüls 6:0 n. V. (2:0, 6:0), 3:5 n. E.
02.07.1972, Deut­sche Fuss­ball-Ama­teur­meis­ter­schaft, Halb­fi­nale
Sta­dion: Karl-Knipp­rath-Sta­dion, Jülich

Anfang Juli 1972, das Halb­fi­nal­rück­spiel um die Deut­sche Fuss­ball-Ama­teur­meis­ter­schaft. Ich bin drei­zehn und stehe als grosser Fan in der Kurve des TSV Marl-Hüls aus­wärts beim SC Jülich 1910, der dreimal in Folge den Titel gewonnen hat. Im Hin­spiel ist dem TSV eine Sen­sa­tion gelungen. Mit 6:0 haben wir die Rhein­länder nach Hause geschickt. Das Rück­spiel sollte Form­sache sein, doch die Jüli­cher drehen das Ergebnis und liegen nach neunzig Minuten eben­falls mit 6:0 vorn. Die Ver­län­ge­rung ist atem­rau­bender als jeder Thriller. Unser Keeper Wenglar­czyk kann nur noch hum­peln, hält sich mit Mühe auf den Beinen, aber es fällt kein Tor mehr. Im Elf­me­ter­schiessen zeigt Jülich Nerven, der ange­schla­gene Tor­hüter wird zum Helden. Der TSV Marl-Hüls zieht ins Finale ein. Und ich war dabei!“

Lest morgen an dieser Stelle: Die besten Spiele von Oliver Welke, Michael Preetz und Oliver Bier­hoff.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

100Deutsch­land gegen Ita­lien 1970, Bayer Uer­dingen gegen Dynamo Dresden 1986, Charlton Ath­letic gegen Hud­ders­field Town 1957 – große Fuß­ball­spiele lassen die Zeit still stehen und brennen sich ein ins kol­lek­tive Gedächtnis.

Die obigen Texte stammen aus dem Buch Die 100 besten Spiele aller Zeiten“ (Tim Jür­gens und Philipp Köster), das kürz­lich im Süd­west Verlag erschienen ist. Mehr Infos und Bestell­mög­lich­keiten auf der Ver­lags-Home­page.