Karl­heinz Förster, bei großen Stür­mern erin­nert man sich an Tore, bei Tor­hü­tern an spek­ta­ku­läre Paraden. An welche Stern­stunden erin­nern sich welt­be­rühmte Abwehr­spieler?

Es gibt viele Situa­tionen, in denen ich im letzten Moment einen fast aus­sichts­losen Ball kläre. Aber diese lassen sich kaum noch bestimmten Spielen zuordnen.



Welche fallen Ihnen noch ein?

Von einigen gibt es Fotos: Bei der WM 1986 in Mexiko spielten wir in der Vor­runde gegen Schott­land. Eine Szene etwa sechs Meter vor dem Tor: Ich blocke Gordon Stra­chan, aus dem Hin­ter­grund kommt ein zweiter Schotte, aber ich kann mit der linken Fuß­spitze den Ball gerade noch weg­spit­zeln. Oder als im Finale Mara­dona fast durch ist. Toni Schu­ma­cher kommt raus, ich grät­sche, spiele den Ball weg, und Mara­dona hebt ab wie ein Vogel. Die tra­gi­sche Folge: Ich rut­sche direkt in Toni rein und reiße ihm mit den Stollen den Unterarm auf.

Sie galten zur aktiven Zeit als eisen­harter Mann­de­cker. Die Presse nannte Sie den Treter mit dem Engels­ge­sicht“.

Das hat irgend­wann einer geschrieben und mich damit eine Schub­lade gepackt.

Das fanden Sie nicht so doll.

Weil es ein­fach nicht stimmte. Gut, ich habe hart gespielt, damals konnte man sich auch noch etwas mehr erlauben, aber ich habe nie absicht­lich Foul gespielt. Ich habe in 81 Län­der­spielen nur zwei oder drei Gelbe Karten gesehen.

Laut Sta­tistik vier. Und im Januar 1982 im Bun­des­li­ga­spiel gegen For­tuna Düs­sel­dorf Ihre ein­zige Rote Karte als Profi.


Peter Löhr hieß ein Spieler von der For­tuna, der sehr kör­per­be­tont spielte. Er hatte sich den Ball zu weit vor­ge­legt. Also habe ich kurz den Schlappen drü­ber­ge­halten, und er flog gleich fünf Meter weit. Jörg Berger war damals For­tuna-Trainer, der stand sofort wild ges­ti­ku­lie­rend auf dem Platz. Da hat sich der Schieds­richter beein­flussen lassen.

Von Ver­let­zungen blieben Sie lange ver­schont. In 15 Jahren als Profi haben Sie nie groß­artig aus­ge­setzt.

Ganz am Anfang der Kar­riere zog ich mir im Trai­ning mal einen Bän­der­riss zu, später hatte ich auch noch mal einen im Knie. 1980 bekam ich durch eine Spritze eine Infek­tion und musste ope­riert werden. Aber im Prinzip war ich gewohnt, über Schmerzen hin­weg­zu­sehen und schnell wieder ein­satz­be­reit zu sein. Der Trainer brauchte mich, der Arzt war ver­ant­wort­lich, dass ich spielen konnte, wenn nötig auch mit der Hilfe von Schmerz­mit­teln. Es gab damals im Prinzip keine Reha. Aus heu­tiger Sicht war vieles falsch, was wir damals gemacht haben.

Haben Sie irgend­wann die Grenze über­schritten?

Über so etwas habe ich nie nach­ge­dacht. Nur einmal habe ich mich gefragt, ob es gut ist, was ich mache. Es war im Sep­tember 1982: Im Freund­schafts­spiel gegen Eng­land traf mich mein Gegen­spieler Ray Wil­kens nach fünf Minuten an der Wade. Ich spielte damals noch ohne Schien­bein­schoner. Als ich wieder auf­stehen wollte, sah ich, dass die Wade quasi aus­ein­an­der­klappte. Die Wunde wurde mit 16 Sti­chen genäht, ich bekam Anti­bio­tika. Und zwei Wochen später lief ich wieder für den VfB auf.

Warum denn?

Unser Coach Helmut Bent­haus fragte, wann ich wieder spielen könne. Er meinte, auch ein durch­schnitt­li­cher Förster hilft der Mann­schaft. Aber natür­lich wollte ich selbst so schnell wie mög­lich wieder auf­laufen.

Viele Spieler Ihrer Genera­tion haben über Jahre unter dem Ein­fluss von Schmerz­mit­teln gespielt.

Als ich 1986 nach Mar­seille wech­selte, hatte ich von der WM in Mexiko irgend­welche Bak­te­rien mit­ge­bracht. Die lösten im Körper eine Form von Rheuma aus, so dass ich per­ma­nent Vol­taren schlu­cken musste, um spielen zu können. Ich bekam dann später einen Mit­tel­fuß­bruch, als ich den rechten Fuß zu stark belas­tete – völlig ohne geg­ne­ri­sche Ein­wir­kung! Wahr­schein­lich eine Reak­tion des Kör­pers.

Infolge des Mit­tel­fuß­bruchs wurden Sie mit 31 Jahren Sport­in­va­lide. Haben Sie Ihrem Körper zu viel zuge­mutet?

Ich habe nie daran gedacht, dass ich auf­grund einer Ver­let­zung meine Kar­riere beenden müsste. Als es dann soweit war, ging es eben nicht mehr. Ich habe ein halbes Jahr noch alles pro­biert, habe sogar in der zweiten Mann­schaft gespielt. Ope­ra­tionen, Schrauben rein, Schrauben raus. Es war eine Lei­dens­zeit und anfäng­lich schwer zu akzep­tieren.

Sie haben weder sich selbst noch den Gegner geschont. Eine Tugend, die Ihnen zu Hause bei­gebracht wurde?

Bestimmt. Mein Vater war Maurer, er arbei­tete Tag und Nacht. Für den gab es kein Wochen­ende. Sonn­tags hat er gekickt – bis er 45 war in der ersten Mann­schaft von Badenia Schwarzach und noch bis 63 bei den Alten Herren. Und wenn mal wieder das Klub­haus umge­baut werden musste, hat er das auch gemacht.

Sie wohnen bis heute in Schwarzach. Die Orte Ihrer fuß­bal­le­ri­schen Initia­tion liegen also in unmit­tel­barer Umge­bung.

Den Bolz­platz gibt es immer noch unten im Dorf. Als Kind habe ich hier Zei­tungen und Medi­ka­mente aus­ge­tragen, habe beim Tier­park an der Kasse gesessen. Und wenn mein Vater sonn­tags ein Spiel hatte, sind mein Bruder Bernd und ich in der Halb­zeit in unseren Sonn­tags­kla­motten auf den Platz des Ver­eins und haben gekickt.

Sie waren als Junge so ein Über­flieger, dass Sie mit acht Jahren schon in der C‑Jugend gespielt haben.

Es soll nicht unbe­scheiden klingen, aber hier im Dorf war die Klasse nun mal nicht so groß.

Welche Posi­tion spielten Sie damals?

Eigent­lich war ich zu dieser Zeit überall auf dem Platz. Manchmal habe ich mir hinten den Ball genommen und bin nach vorne durch­ge­gangen. Als C‑Jugendlicher habe ich dann am Wochen­ende oft an einem Tag zwei Spiele gemacht: mit­tags mit meiner Mann­schaft und nach­mit­tags bei der A‑Jugend als Mit­tel­stürmer oder Tor­hüter.

Sie waren Keeper?

Ich hatte eine gute Sprung­kraft, das Auge und ein solides Stel­lungs­spiel.


Wann reifte in Ihnen der Gedanke, mit Fuß­ball Ihren Lebens­un­ter­halt zu ver­dienen?

Lange Zeit war es eine Spaß­sache. Ich wollte nur gut spielen. Erst als ich nach Stutt­gart ging, fing ich an, mir Gedanken zu machen, dass ich Profi werden könnte. Und auch da hatte ich anfäng­lich Zweifel.

Warum? Sie waren doch sehr erfolg­reich.


Weil es nicht so ein­fach war. Ich war gerade 17 geworden. Mit dem Wechsel nach Stutt­gart ver­ließ ich das Eltern­haus. Das war damals noch eine große Sache.

Wie lief der Wechsel ab?

Ein VfB-Scout hatte mich mit den Natio­nal­mann­schafts­ju­nioren in Monaco gesehen. Eines Tages kamen ein Prä­si­di­ums­mit­glied und der dama­lige Trainer Her­mann Eppen­hoff nach Schwarzach. Ich wollte nicht so recht weg. Mein Vater hat das gemerkt, er war ganz ruhig, aber irgend­wann stand meine Mutter auf und sagte: Auf jetzt, Karl­heinz, alla“ – wie man es bei uns in Ablei­tung vom fran­zö­si­schen Allez“ sagt. Mayer-Vor­felder (VfB-Prä­si­dent, d. Red.) sprach später des­halb immer von Mutter Alla“.

Und in Stutt­gart hatten Sie Heimweh?

Natür­lich. Das war mir am Anfang nicht geheuer. Nach drei Monaten habe ich zu Hause ange­rufen und gesagt, dass ich zurück will.

Sie hatten sport­lich aber doch keine Anschluss­pro­bleme.

Aber ich hatte mich ver­letzt. Bän­der­riss. In Stutt­gart bekam ich einen Gips, der sechs Wochen drauf­blieb, dann stellten sie fest, dass es ein Riss und kein Bruch war. Frus­trie­rend. Bei den Profis ließ mich Trainer Istvan Sztani anfangs links liegen. Ich begrüßte ihn, und er sprach mit den Leuten weiter. Er sagte nur: Junn-ggge, hol mal die Bälle.“

Lehr­jahre sind keine Her­ren­jahre.

Ich wohnte bei einer Gast­fa­milie in Hedel­fingen. Zum Glück durfte ich mit Son­der­ge­neh­mi­gung meinen Füh­rer­schein mit sieb­zehn­ein­halb machen. Vom Verein bekam ich einen alten Käfer, der nur Win­ter­reifen hatte, was aber nicht schlimm war, weil er ohnehin nur 115 km/​h fuhr. Und dann bin ich ständig von Stutt­gart nach Schwarzach gefahren.

1977 stiegen Sie unter Coach Jürgen Sun­dermann mit dem VfB zurück in die Bun­des­liga auf. Er galt damals Wun­der­mann“.

Es war die Begeis­te­rung, die er ent­fachte. Dabei ach­tete er extrem auf Dis­zi­plin. Er sorgte dafür, dass wir überall ein­heit­lich gekleidet auf­liefen. Er war der Erste, der anord­nete, dass wir nur stilles Wasser
trinken durften. Einmal haben wir auf der Fahrt zum Freund­schafts­spiel in Frei­burg an der Rast­stätte Achern ange­halten. Kaffee und Kuchen. Markus Elmer, ein Außen­ver­tei­diger, lud sich ein Stück Schwarz­wälder auf. Da hat der Sun­dermann ihn zur Sau gemacht. Aber diese Schule hat uns junge Spieler geprägt. Im Trai­ning war immer gute Stim­mung. Beim Spiel Fünf gegen Zwei hat Sun­dermann mit­ge­macht und ständig Bein­schüsse pro­biert.

Nach seinem Weg­gang in die Schweiz kam Sun­dermann 1980 noch einmal zum VfB.

Das klappte aber nicht mehr. Wir hatten uns wei­ter­ent­wi­ckelt, er war der Alte geblieben. Einmal hat er uns ver­boten, aufs Volks­fest zu gehen, obwohl das nächste Spiel erst zehn Tage später war. Fast aus Pro­test sind wir mit acht Leuten dahin und haben Bier getrunken. Nur Erwin Hade­wicz blieb bei Fanta. Sun­dermann kriegte es mit, am nächsten Tag war Mann­schafts­sit­zung, und wir wurden zu 400 Mark Strafe ver­don­nert. Da habe ich zum Erwin gesagt: Hättst wengs­tens Bier gtrunke, dei Fanta war teuer.“

Legendär ist ein VfB-Trai­nings­lager im schwei­ze­ri­schen Lau­ch­ingen unter Coach Lothar Buch­mann im Jahr 1979.

Das kam auf Mayer-Vor­fel­ders Initia­tive zustande. Der kannte den Lau­ch­inger Bür­ger­meister und hatte ver­ab­redet, dass wir ins Trai­nings­lager dahin kämen. Leider stellten wir nach Ankunft fest, dass es völlig in der Einöde lag. Wir wohnten in einem Land­gasthof namens Krone“, neben­dran war ein Bau­ernhof mit Mist­haufen vor der Tür. Als wir nachts das Fenster auf­machten, kamen Tau­sende von Schnaken ins Zimmer. Die ganze Mann­schaft ist noch auf Mücken­jagd gegangen, aber am nächsten Morgen waren wir alle kom­plett zer­sto­chen.

Wie haben Sie die Zeit herum bekommen?

Abends saßen wir am Stamm­tisch in der Krone“ und hörten Schorsch Vol­kert zu, wie er uns auf dem Kla­vier vor­spielte. Manchmal haben wir mit­ge­sungen.

War Ihre Spiel­er­ge­nera­tion genüg­samer als die heu­tige?

Wir haben uns mehr mit dem Klub iden­ti­fi­ziert und des­halb auch mehr Ver­ant­wor­tung über­nommen. Ich bin auch mal zu Mayer-Vor­felder und habe Namen von Spie­lern genannt, die wir ver­pflichten sollten. Etwa Klaus Fischer, als er nach Bochum wech­selte, oder Cha Bum. (…)

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