Steven Houston, Sie sind vor einem Jahr mit Frank Arnesen vom FC Chelsea nach Ham­burg gekommen und seither Leiter des tech­ni­schen Scou­ting beim HSV. So etwas gab es bis­lang in der Bun­des­liga nicht und klingt ehr­lich gesagt etwas rät­sel­haft.
Ist es aber nicht, wenn man es im his­to­ri­schen Zusam­men­hang anschaut. Vor rund 15 Jahren fingen die Klubs an, die eigenen Spieler oder mög­liche Trans­fers auf der Basis von Video­bil­dern zu bewerten. Inzwi­schen zieht man dazu auch Spiel­daten heran, etwa um aus tau­senden Spie­lern auf der ganzen Welt jene her­aus­zu­fil­tern, die für eine Ver­pflich­tung inter­es­sant sein könnten. Dazu bedarf es eines pro­fes­sio­nellen Wis­sens um Sta­tis­tiken. In der Pre­mier League hat inzwi­schen unge­fähr jeder zweite Klub einen Tech­nical Scout, zu deren Arbeit die Video- und die Daten­ana­lyse gehört. Wenn es näm­lich darum geht, einen Spieler ein­zu­schätzen, fragen Manager und Trainer immer zuerst nach einer DVD.

Werden Spieler inzwi­schen des­halb ver­pflichtet, weil sie beson­ders gute Sta­tis­tiken haben?
Nein, es ist nicht wie im Base­ball, wo Spieler wirk­lich rein auf Basis sta­tis­ti­scher Infor­ma­tionen ver­pflichtet werden, ohne sie gesehen zu haben. Im Fuß­ball wird sich das nie dahin ent­wi­ckeln, dazu ist das Spiel zu kom­plex. Aber man kann zumin­dest sagen, wie gut Spieler im Ver­gleich zu anderen auf dieser Posi­tion sind. Ins­ge­samt ist es aber so, dass wenn Chris­tofer Cle­mens als Chef­scout und seine Abtei­lung dem Sport­di­rektor Frank Arnesen einen Spieler emp­fehlen, muss er sicher sein, dass diese Infor­ma­tion vorher einen Pro­zess durch­laufen hat, in dem Daten eine wich­tige Rolle spielen.

Wie sieht der Pro­zess aus?
Wir haben auf­wen­dige mathe­ma­ti­sche Modelle, mit denen wir Cha­rak­te­ris­tiken für jede Posi­tion fest­ge­legt haben und können dann sagen, wel­cher Spieler aus unter­schied­li­chen Ligen sie erfüllt. Und diese Spieler schauen sich die Scouts dann gezielt an, statt ziellos und zufällig Spiele zu bereisen.

Wie prä­zise geben Daten dar­über Aus­kunft, wie gut ein Spieler ist?
Sie helfen, einen kla­reren Blick zu bekommen. Wenn man etwa darauf schaut, dass ein Stürmer zwar zehn Tore geschossen hat, aber schlecht im Dribb­ling ist oder kaum Tor­schüsse vor­be­reitet hat, wird man von der Zahl der Treffer nicht so sehr in die Irre geführt. Auch die Sta­tistik der Tor­vor­lagen ist inter­es­sant, denn sie ist auto­ma­tisch hoch, wenn man auf einer offen­siven Posi­tion spielt. Wenn man also hört, dass Drogba neben seinen sieben Toren auch noch acht vor­be­reitet hat, denkt man viel­leicht, dass er kreativ ist. Aber schaut man genauer hin, erkennt man, dass viele davon Abpraller oder Kopf­bälle sind, die ein­fach daher kommen, dass er viel im Straf­raum ist.

Aber wenn ein defen­siver Mit­tel­feld­spieler acht Tor­vor­lagen gegeben hat, merken Sie auf?
Genau. Auch die Pass­ge­nau­ig­keit kann sehr irre­füh­rend sein, wenn man nicht danach schaut, über welche Distanz oder wohin die Bälle gespielt werden. John Obi Mikkel von Chelsea hat zwei­fellos ein sehr gutes Pass­spiel, aber wie viele seiner Bälle spielt er im vor­dersten Drittel des Spiel­felds oder dorthin, wo es eine gerin­gere Wahr­schein­lich­keit gibt, das sie ankommen? Dagegen haben die Mesut Özils oder Wesley Sneij­ders gerade dort beson­ders hohe Werte, wo es für den Gegner gefähr­lich wird. Ein erfolg­rei­cher Steil­pass führt mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu einer Tor­chance, wäh­rend eine Flanke eine nied­rige Wahr­schein­lich­keit hat. All diese Dinge muss man in Betracht ziehen, wenn man Spieler bewertet.

Also müssen die Daten von Fuß­ball­ex­perten inter­pre­tiert werden?
Ja, natür­lich müssen unsere Scouts schauen, warum ein Spieler so agiert, wie er das tut. Hat es mit seinen Fähig­keiten zu tun oder eher mit den Vor­gaben durch den Trainer? Oder sie stellen bei der Sich­tung von DVDs oder vor Ort fest, dass er ziem­lich faul ist, wenn er nicht am Ball ist.

Dafür gibt es keine Daten?
Wenn er kaum läuft, natür­lich schon. Aber gene­rell ist es etwa deut­lich schwie­riger, die Leis­tung von Defen­siv­spie­lern mit Sta­tis­tiken zu erfassen als die von Offen­siv­spie­lern. Wenn ein Ver­tei­diger durch einen guten Lauf dafür sorgt, dass ein Stürmer nicht ange­spielt werden kann, wie soll man das erfassen? Die große Her­aus­for­de­rung ist es, sta­tis­tisch das dar­zu­stellen, was einer auf dem Platz nicht pas­sieren lässt.

Gilt das Pro­blem in anderen Ball­sport­arten auch?
Im Bas­ket­ball ver­sucht man dem mit Plus-Minus-Sta­tis­tiken bei­zu­kommen. Was pas­siert, wenn ein Spieler auf dem Feld steht und was, wenn er nicht da ist. Des­halb kann er eine +15-Bewer­tung bekommen, ohne einen Korb geworfen zu haben, weil seine Mann­schaft mit ihm auf dem Platz 15 Punkte mehr gemacht als kas­siert hat.

Sie haben als Tech­nical Scout im Bas­ket­ball begonnen, warum gerade dort?
Ich habe nach einem Sport gesucht, der einen ana­ly­ti­schen Ansatz hat. Außerdem ist Daryl Morey, der Manager der Houston Rockets, für die ich vier Jahre gear­beitet habe, im Bas­ket­ball das Gegen­stück zu Billy Beane.

Das ist der Base­ball-Manager, der seinen Sport durch Daten­ana­lyse revo­lu­tio­niert hat und dessen Leben in Money­ball“ mit Brad Pitt ver­filmt wurde.
Ja, und von Morey habe ich viel dar­über gelernt, wie man Daten in Infor­ma­tionen über­setzt, die wirk­lich von Bedeu­tung dafür sind, um Talente zu iden­ti­fi­zieren und neue Spieler zu finden.

Ohne sich im Bas­ket­ball wirk­lich aus­zu­kennen?
Mein beruf­li­cher Hin­ter­grund unter­scheidet sich sowieso von dem eines typi­schen Spiel­ana­ly­ti­kers, wie es sie inzwi­schen bei fast allen Bas­ket­ball- und Fuß­ball­klubs gibt als auch von dem eines Scouts. Nachdem ich in London Wirt­schafts­wis­sen­schaften stu­diert hatte, habe ich im Pro­jekt­ma­nage­ment von Con­sul­ting-Firmen gear­beitet. Dabei ging es um Daten­ana­lyse in so unter­schied­li­chen Berei­chen wie der Sprach­er­ken­nung oder bei Ver­si­che­rungen. Aber mich haben Daten im Sport schon immer sehr inter­es­sieren. Des­halb hatte ich mich auch 2004, ein Jahr nach dem Stu­dium, bei den Houston Rockets auf ein Prak­tikum beworben. Nach einem halben Jahr habe ich für deren Scouts in Europa alle Sta­tis­tiken und Videos orga­ni­siert. Denn damals wurde in der NBA der euro­päi­sche Markt wich­tiger, inzwi­schen kommt fast ein Fünftel der Spieler von hier.

Und das haben Sie von Eng­land aus gemacht.
Ja, neben meinem Job bei einer Ver­si­che­rung in Bristol. Ich bin zu Bas­ket­ball-Camps und zu Spielen gefahren, was der erste rich­tige Kon­takt zu Leuten im Pro­fi­sport war.

War Ihre Arbeit erfolg­reich?
Ich hatte viel mit dem Wechsel des Spa­niers Luis Scola zu tun, der dann in Houston sehr erfolg­reich war und immer noch dort spielt. Über diese Arbeit ist dann Mike Forde Anfang 2008 auf mich auf­merksam geworden. Er ist als Head of Foot­ball Ope­ra­tions beim FC Chelsea immer an neuen Trends im Sport inter­es­siert und wollte wissen, ob man die Erfah­rungen aus Base­ball oder Bas­ket­ball auf den Fuß­ball über­tragen kann, und mich hat das auch sehr inter­es­siert.

Nun könnte man sagen, dass ein so rei­cher Klub das am wenigsten braucht.
Klubs wie Chelsea oder Man­chester City können sich glück­lich schätzen, dass sie die Mög­lich­keit haben, inno­vativ zu sein. Klei­nere Klubs ver­fügen oft über ein Budget, nur das tun zu können, was sie unbe­dingt tun müssen.

Haben Ihre Ana­lysen beim HSV bereits dazu bei­getragen, einen Spieler zu ver­pflichten?
Wir ver­pflichten beim HSV keinen Spieler allein auf­grund von Sta­tis­tiken, sie sind nur Teil des besagten Pro­zesses. Darin spielt die Ver­let­zungs­his­torie eines Spie­lers eine Rolle, natür­lich seine Ver­trags­si­tua­tion und ganz beson­ders die Mei­nung der Scouts. Vor allem ist es ein weiter Weg, einen Spieler als wert­voll zu iden­ti­fi­zieren und ihn auch wirk­lich zu bekommen, das habe ich inzwi­schen auch lernen müssen. Aber nehmen wir mal unseren Neu­zu­gang Artem Rud­nevs von Lech Posen. Er hat in den letzten drei Spiel­zeiten jeweils mehr als 20 Tore geschossen, wenn man Pokal­spiele ein­rechnet. Und bei Stür­mern und bei Tor­hü­tern schauen wir sehr stark auf Leis­tungs­daten eines län­geren Zeit­raums. Wenn ein Spieler in einer Saison 12 oder 14 Tore schießt, ist es sehr schwer vor­aus­zu­sagen, dass es ihm in der Saison darauf wieder gelingen wird. Über meh­rere Spiel­zeiten sieht das schon anders aus. Ähn­li­ches gilt für Tor­hüter und wie viele Schüsse sie abwehren, auch da reicht eine Saison nicht.

Hat der HSV des­halb René Adler ver­pflichtet?
Natür­lich war die Ent­schei­dung weitaus kom­plexer, aber Adler hat in den Spiel­zeiten 2008/09 und im Jahr darauf auch im euro­päi­schen Ver­gleich Spit­zen­werte bei der Pro­zent­zahl abge­wehrter Bälle gehabt. Ich würde übri­gens sagen, dass Tor­hüter im Ver­gleich zu Stür­mern nach wie vor unter­be­zahlt sind, weil das Ver­hin­dern von Tor­chancen ein klar iden­ti­fi­zier­barer Faktor für Erfolg im Fuß­ball ist.

Klingt so, als würden Sie für einen Tor­hüter, der beson­ders viele Bälle abwehrt und einen Stürmer, der die viel­leicht wenigen Chancen relativ sicher ver­wan­delt, beson­ders viel Geld aus­geben?
Jeden­falls würde ich damit anfangen, wenn ich eine Mann­schaft am Reiß­brett zusam­men­stellen müsste. Die durch­schnitt­liche Chan­cen­ver­wer­tung ist der für den Erfolg im Fuß­ball wich­tigste Faktor, und letzte Saison hatten wir nach unseren Erhe­bungen die zweit­schlech­teste in der Bun­des­liga. Wenn man die Chan­cen­ver­wer­tung ver­bes­sert, erhöht man die Wahr­schein­lich­keit zu punkten deut­li­cher als wenn man mehr läuft, die Pass­ge­nau­ig­keit stei­gert oder man mehr Flanken schlägt.

Aber wie defi­nieren Sie denn über­haupt eine Tor­chance?
Man muss das genau unter­scheiden. Wir haben ein mathe­ma­ti­sches Modell ent­wi­ckelt, das sagt, welche Art von Aktionen welche Wahr­schein­lich­keit eines Tors nach sich ziehen. Ein Kopf­ball aus drei Metern hat eine Wahr­schein­lich­keit von sagen wir 50 Pro­zent zum Tor zu führen, bei einem Schuss aus 25 Metern liegt sie unter einem Pro­zent. Also schauen wir auch darauf, wie wahr­schein­lich es ist, dass ein Stürmer eine Aktion zum Tor ver­wan­delt. Bei uns war in der letzten Saison die Qua­lität der Tor­chancen im Ver­gleich zu anderen Mann­schaften nicht sehr gut, was man auch sehen muss, wenn man unsere Stürmer bewertet.

Das klingt alles sehr kühl und tech­nisch, wie offen sind Trainer und Scouts für ihre Arbeit?
Man muss sich ihr Ver­trauen erar­beiten, aber das gilt für Psy­cho­logen, Sport­wis­sen­schaftler oder andere Spe­zia­listen genauso. Ich bin aber immer wieder ver­blüfft, wie offen letzt­lich auch Leute sind, die schon Jahr­zehnte im Fuß­ball sind. Wenn es etwas gibt, das ihre Arbeit erleich­tert, nehmen sie das an. Man muss es ihnen nur so ver­mit­teln, dass es nach­voll­ziehbar ist. Des­halb muss ich die Infor­ma­tionen so auf­be­reiten, dass die Kol­legen damit arbeiten können. Wenn Trainer oder Scouts nicht daran glauben, dann ist das der Fehler des Ana­ly­ti­kers.

Was sind die größten Fallen, in die man geraten kann?
Es gibt eine Menge toller Wis­sen­schaftler mit hoch­in­ter­es­santen For­schungen, die aber nicht wissen, dass Petr Cech ein Tor­wart ist und nie von Mario Götze gehört haben. Man muss eine gemein­same Sprache spre­chen und darum bemühe ich mich. Wenn ich also sehe, dass ein Spieler zu den Top ein Pro­zent im Dribb­ling gehört, schaue ich, wie Trainer oder Scouts dar­über spre­chen.

Es geht also um ein Ver­mitt­lungs­pro­blem?
Ja, Infor­ma­tionen brau­chen immer einen Zusam­men­hang. Wenn ich sage, dass wir als Mann­schaft 100 Kilo­meter gelaufen sind, hilft das nichts. Aber wenn ich etwa darauf hin­weise, dass wir in Ball­be­sitz zehn Kilo­meter weniger als der Gegner gelaufen sind, wird es inter­es­sant für den Trainer, denn daraus kann er Schlüsse für seine Arbeit ziehen.

Ver­än­dern solche Infor­ma­tionen auch, wie in einem Klub über Fuß­ball gespro­chen wird?
Ja, denn sie erlauben es, Mei­nungen zu objek­ti­vieren. Wenn wir über einen Spieler debat­tieren und alle Ent­scheider ihre wohl begrün­dete Mei­nung haben, komme ich nicht mit einer wei­teren Mei­nung, son­dern prä­sen­tiere einen Fakt. Dann kann man natür­lich dar­über reden, wie es zu dieser Sta­tistik kommt, aber es bleibt ein gutes Werk­zeug.

Gibt es auch irre­füh­rende Fakten?
Oh ja! Ich hatte auch mal den neuen Messi gefunden und war für 30 Sekunden total aus dem Häus­chen, bis mir klar war, dass ich im Com­pu­ter­pro­gramm den Filter für die gespielten Minuten nicht ein­ge­stellt hatte. Der neue Messi hatte leider nur vier Minuten gespielt.

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