Tony Adams, spielen Sie eigent­lich immer noch Kla­vier?
Nein, schon seit einer Weile nicht mehr. Aber als ich nach der Euro­pa­meis­ter­schaft 1996 auf­ge­hört hatte zu trinken, wurde das Kla­vier­spielen zu einem Teil meiner The­rapie. Ich übte jeden Tag. Ich wollte lernen, mich zu kon­zen­trieren, mich abzu­lenken, an etwas anderes zu denken als an den ver­dammten Alkohol. Mitt­ler­weile gelingt mir das aber auch, wenn ich nicht am Kla­vier sitze.

Aber an Weih­nachten greifen Sie doch bestimmt noch mal in die Tasten.
Ich muss Sie ent­täu­schen, nicht mal das. Ich habe auch nie das Mozart-Level erreicht, es blieb beim Geklimper. Meine Tochter hat mich längst über­holt. Sie ist bei uns für die Haus­musik zuständig. Ich höre ihr lie­bend gern zu.

Erin­nern Sie sich noch an Ihren ersten Tag ohne Alkohol nach drei­zehn Jahren Sucht?
Das erste Wochen­ende war ein ein­ziger ver­schwom­mener Fleck, die Erin­ne­rungen sind ent­spre­chend undeut­lich. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich es satt hatte, alles satt zu haben – I was sick and tired of being sick and tired. Ich wollte ein­fach kein Alko­ho­liker mehr sein.

Gab es einen kon­kreten Anlass für Sie auf­zu­hören?
Anlässe hätte es zu Genüge gegeben, auch schon in all den Jahren zuvor. Aber ich habe sie igno­riert, bis ich schließ­lich ein Mann war, der ich nicht sein wollte. Und selbst um das zu erkennen, habe ich eine ganze Weile gebraucht.

Wie lang hat der Entzug gedauert?
Er begann an jenem Wochen­ende und mit der ersten Sit­zung bei den Anonymen Alko­ho­li­kern am Montag – und dauert bis heute. Denn ich weiß: Sobald ich schwach werde, wird mich der Alkohol wieder besiegen.

Wann haben Sie sich ent­schieden, Ihre Sucht­er­fah­rungen in dem Buch Addicted“ öffent­lich zu machen?
Das war 1998, als ich zwei Jahre lang tro­cken war und genug Abstand gewonnen hatte. Natür­lich war auch das Teil der The­rapie, eine not­wen­dige Auf­ar­bei­tung. Aber ehr­lich gesagt: In erster Linie wollte ich Geld für meine Stif­tung gene­rieren. Mit der Spor­ting Chance Cha­rity“ und der dazu­ge­hö­rigen Klinik ver­su­chen wir, sucht­kranken Ath­leten zu helfen, ihr Leben zu repa­rieren, egal ob sie nun dem Alkohol, harten Drogen oder dem Wett­spiel ver­fallen sind.

War das Schreiben für Sie auch eine Art Wie­der­her­stel­lung kaputter Erin­ne­rungen?
Ja, sicher. Ich hatte all das ver­drängt, igno­riert, vieles war im Suff unter­ge­gangen. Ich musste ein ganzes Jahr­zehnt wieder zusam­men­setzen. Das war sehr schmerz­lich. Wer erkennt schon gern, dass er nicht der Super­sports­mann ist, als den ihn die Öffent­lich­keit sieht, als den er sich selbst gesehen hat, son­dern ein Ver­sager, ein Häuf­lein Elend?

Wann haben Sie eigent­lich ange­fangen zu trinken?
Mit 17. Mir schmeckte das Zeug zwar nicht, aber mir gefiel sehr, was es mit mir anstellte. Ich wurde locker und selbst­si­cher, wenn ich trank.

Ist die Anfäl­lig­keit für Alko­ho­lismus ange­boren? Oder eine Folge der Sozia­li­sa­tion?
Meiner Erfah­rung nach beides – nature and nur­ture“, wie es bei uns heißt.

Konnten Sie als junger Profi über­haupt einen Drink ablehnen, der Ihnen hin­ge­halten wurde?
Ablehnen kann man alles, wenn man bereit ist, mit den Folgen zu leben. Im eng­li­schen Fuß­ball der Acht­ziger war das gemein­same Trinken nach dem Spiel ein Sakra­ment, ganz so wie das gemein­same Abend­mahl in der Kirche. Wer nicht mitzog, blieb Außen­seiter. Ich zog mit. Aber das soll kein Alibi sein. Denn ich zog ja gern mit.

Jimmy Greaves, Welt­meister 1966, spritzte Wodka in Orangen, die er dann den ganzen Tag über aß, um seine Sucht geheim zu halten. Welche Tricks haben Sie ent­wi­ckelt?
Alko­ho­lismus schwächt den Körper wie jede andere Krank­heit auch. Das passt natür­lich nicht zum Image eines Ath­leten. Also habe auch ich viel Auf­wand betrieben, damit mich nie­mand in einem deso­laten Zustand zu Gesicht bekommt. Nie­mand sollte sehen, wie ich nachts im Haus­flur lag, wie ich mor­gens eine halbe Stunde brauchte, um meine Sport­ta­sche zu packen – kurzum: dass ich ein Wrack war. Das aktive Trinken aber, am Tresen, inmitten einer gut­ge­launten Gruppe, galt damals para­do­xer­weise als Zei­chen von Lebens­kraft. Je mehr einer ver­tragen konnte, desto mehr war er ein echter Kerl. Das Trinken selbst musste ich also nicht ver­bergen, aber die fatalen Folgen. 

Wer wusste, dass Sie zu viel tranken?
Die meisten Mit­spieler und unser Trainer George Graham kannten meinen Konsum, aber für sie war das ebenso wenig eine Krank­heit wie für mich. Nur meine Frau erkannte die Gefahr, aber ich schlug ihre War­nungen in den Wind.

Wie viel tranken Sie?
Eine typi­sche Woche sah so aus, dass ich von sonn­tags bis mitt­wochs durch­soff und anschlie­ßend bis zum Spiel am Samstag aus­nüch­terte. Dann begann das Ganze von vorn.

Wie trai­niert man, wenn man einen Kater hat?
Lieber gar nicht. Also trank ich noch vor den Ein­heiten das erste Kon­ter­bier. Am Ende hatte ich eine so hohe Alko­hol­to­le­ranz erreicht, dass es keinen Unter­schied mehr machte, ob ich ein Bier trank oder zwanzig.

Haben Sie je betrunken ein offi­zi­elles Spiel bestritten?
Ja, ein paar Mal gegen Ende meiner Trin­ker­phase, als ich kom­plett die Kon­trolle ver­loren hatte. Ich sah den Ball, die Mit­spieler und meine eigenen Füße dop­pelt und machte spiel­ent­schei­dende Fehler. George Graham hätte mich sofort vom Platz nehmen müssen. Den­noch bin ich froh, dass er es nicht tat. Ich hätte mich wahr­schein­lich tot­ge­soffen.

Sie bestritten über 500 Spiele für den FC Arsenal, wurden vier Mal Meister und einmal Euro­pa­po­kal­sieger. Hätten Sie ohne Alkohol ein noch bes­serer Spieler sein können?
Auf jeden Fall! Ich hatte wohl das Glück, dass ich nicht der ein­zige Spieler in jener Zeit war, der an der Fla­sche hing.

Sie bil­deten eine legen­däre Defen­siv­reihe mit Steve Bould, Lee Dixon und Nigel Win­terburn. Waren diese Männer auch Ihre Sauf­kum­pels?
Nein. Ich ging zum Trinken nur in den Pub vor meiner Haustür. Des­halb habe ich auch nie mit unserem Stürmer Paul Merson getrunken. Was erstaun­lich ist. Jeder Lon­doner hat damals min­des­tens einmal mit Paul am Tresen gestanden.

Sie wurden mehr­fach betrunken hin­term Steuer erwischt und saßen des­wegen sogar hinter Git­tern. Außerdem waren Sie in ein paar Dis­ko­schlä­ge­reien ver­wi­ckelt. Hat der Alkohol Sie so aggressiv gemacht?
Wahr­schein­lich. Mit dem Ver­fall kommt die Ver­ro­hung. Die drei Monate im Knast haben alles noch schlimmer gemacht. Obwohl ich dort natür­lich nicht trinken konnte, kam ich nicht vom Alkohol los. Ich träumte die ganze Zeit davon. Nicht von einem Drink, son­dern von hun­dert. Als ich wieder rauskam, betrank ich mich wie nie­mals zuvor.

Hatten Sie Angst, am Alko­ho­lismus zugrunde zu gehen?
Ja. Ich hatte Angst vor dem Tod, dem phy­si­schen und dem sozialen – meine Familie litt schließ­lich extrem dar­unter, dass ich ein Trinker war. Und diese Angst betäubte ich wie­derum mit Alkohol. Ein Teu­fels­kreis.

Könnte ein Alko­ho­liker sich heute noch im eng­li­schen Pro­fi­fuß­ball durch­setzen?
Auf keinen Fall! Die kör­per­liche Belas­tung ist viel höher geworden. Der Aus­le­se­pro­zess lässt es nicht mehr zu, dass Spieler mit der­ar­tigen Form­schwan­kungen, wie ich ihnen unterlag, sich durch­mo­geln können. Die Wende kam 1992 mit der Ein­füh­rung der Pre­mier League. Mit dieser neuen Ära kam das dicke Geld. Und das ver­dient nur der­je­nige, dessen Körper die Inves­ti­tion wert ist. Heute lauern andere Gefahren auf die Jungs, wie etwa Spiel­sucht, Kauf­sucht oder Selbst­sucht. Auch das führt dazu, dass sie zugrunde gehen, selbst wenn sie kör­per­lich fit sind wie Maschinen.

War Arsène Wen­gers Amts­an­tritt beim FC Arsenal im Sommer 1996 Ihre per­sön­liche Zei­ten­wende?
Ich wurde sechs Wochen, bevor Arsène kam, tro­cken. Wie es so schön heißt: Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer.“

Was hat er Sie in der Folge gelehrt?
Ich wurde erst durch ihn zum Profi, im Alter von 30 Jahren. Die 13 Jahre zuvor waren reine Anar­chie und Selbst­zer­stö­rung. Nur durch meine über­durch­schnitt­liche Physis war ich über­haupt imstande, trotz meiner Alko­hol­sucht Sport zu treiben. Wenger hat mir bei­gebracht, wie ich meinen Körper pflege, ihn sys­te­ma­tisch for­dere und schone. So hat er mir noch sechs Jahre geschenkt, in denen ich an mein abso­lutes Limit gehen konnte – mit dem Double 2002 als krö­nendem Abschluss. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Sie arbeiten heute selbst als Trainer. Was würden Sie tun, wenn einer Ihrer Spieler eben­falls alko­hol­süchtig wäre?
Wenn er will, dass ich ihm helfe, helfe ich ihm auch. Mit allen mir zur Ver­fü­gung ste­henden Mit­teln. Und die sind dank meiner Stif­tung und der ange­glie­derten Klinik relativ wir­kungs­voll.

Tony Adams, ver­missen Sie den Alkohol?
Nein, denn das hieße, dass ich mich nach dem Tod sehne.

Und den Fuß­ball?
Den schon eher. Aber ich sage das lieber nicht zu laut, denn ich habe das Gefühl, dass der Fuß­ball mich nicht ver­misst.