Seite 2: Männer, was hasst ihr so an den Gelsenkirchenern?

Markus Mau, der Leiter des Schalker Fan­pro­jekts, sagt: Ich glaube, vielen Schalke-Fans tun die Her­thaner leid. Hertha bietet nicht viel, vor allem nicht viel Angriffs­fläche. Das ist eine ein­sei­tige Riva­lität. Sie wirken sehr ver­zwei­felt.“

Man fragt sich ja ohnehin immer, was mit der Hertha nicht stimmt, diesem grö­ßen­wahn­sin­nigen Verein, der so gern leise und erfolg­reich wäre, aber – wenn es gut läuft – höchs­tens leise und erfolglos ist. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass nicht mal das mit der Fan­feind­schaft stimmt. Im Grunde ist dieser uner­wi­derte Hass genauso tra­gisch wie der ganze Verein, ein Haupt­stadt­klub, der nach Pro­vinz riecht, nach altem West­berlin und Praxis Bülow­bogen.

1971, als die Feind­schaft begann

Es ist ziem­lich leicht, sich über die Hertha lustig zu machen, und ziem­lich schwer, ein Hertha-Fan zu sein. Helmut und Manne und Steffen wissen das. Aber, nun ja, was sollen sie tun? Sie haben es sich ja nicht aus­ge­sucht. Liebe ist keine Ent­schei­dung.

Männer, was hasst ihr so an den Gel­sen­kir­chenern?

Helmut sagt: Das ist eine lange Geschichte, die Jungen wissen das ja gar nicht mehr.“ Er faltet einen Zettel aus­ein­ander, er hat sich alles auf­ge­schrieben, weil er immer alles auf­schreibt. Jedes Spiel, das er besucht hat, 580 Aus­wärts­spiele in den ver­gan­genen 44 Jahren, Freund­schafts­spiele nicht mit­ge­zählt.

Hel­muts Geschichte hat mit einem unga­ri­schen Genie zu tun und mit einem Geld­koffer, mit Bestechung und Berufs­ver­boten, sie beginnt am 13. Dezember 1971. Hertha spielte gegen Schalke, erste Runde im DFB-Pokal, und gewann 3:0, an zwei Toren war Zoltan Varga, der unga­ri­sche Spiel­ma­cher, betei­ligt. Manne war damals im Sta­dion, mit seinem Vater, ein Steppke mit Fan­schal, kurz vorm Durch­bruch zum Halb­starken.

Das Pro­blem war nur: Varga hätte nicht mit­spielen dürfen, er war wegen Bestech­lich­keit gesperrt, weil er nicht nur Genie, son­dern auch ein Betrüger war und wäh­rend des Bun­des­li­ga­skan­dals 15 000 Mark ange­nommen hatte, einen Koffer voll Geld. Genauso wie 14 andere Hertha-Spieler und 14 Schalker auch. Schalke legte Ein­spruch gegen das Spiel ein, fünf Wochen später wan­delte das DFB-Sport­ge­richt den Sieg in eine Nie­der­lage um, plötz­lich stand ein 0:2 in der Sta­tistik, Schalke wurde später Pokal­sieger.

Das leben nur noch die Alten“

Die Her­thaner haben den Schal­kern das nie ver­ziehen. Zumal sie das Gefühl hatten, nie­mand sei wegen des Bun­des­li­ga­skan­dals so hart bestraft worden wie sie. Erst recht nicht die Schalker, von denen einige vor Gericht doch sogar einen Meineid geschworen hatten. Manne sagt: Das ist der ganz, ganz große Ursprung, das leben nur noch die Alten.“

Es sind zwei Genera­tionen, die am Tisch sitzen: Steffen, Dau­er­kar­ten­in­haber seit 1997, Ost­kurve, Reihe 7, ist Vor­stands­vor­sit­zender des För­der­kreises Ost­kurve“, des größten Hertha-Fan­klubs über­haupt, 1000 Mit­glieder, Cho­reo­gra­fien fas­zi­nieren ihn mehr als das Spiel. Manne und Helmut hin­gegen, die in ihrem Leben sechsmal ab- und sechsmal wieder auf­ge­stiegen sind, fas­zi­nieren die großen Siege und die großen Nie­der­lagen. Wobei nicht immer klar ist, was sie mehr fas­zi­niert, die Siege oder die Nie­der­lagen.

Sie erzählen von den acht­ziger Jahren, als Hertha in die Ama­teur­liga abstieg und im Ruhr­ge­biet gegen Erken­schwick und Rem­scheid und Lüden­scheid spielte und die Gel­sen­kirchner immer schon da waren. Dann gab es Stress. Manne und Helmut, Männer, die gern sen­ti­mental werden, Zeit­zeugen auch.