Andreas Rettig, Sie waren an beiden Tagen Gast auf dem Fan­kon­gress 2014 in Berlin. Sie haben Work­shops besucht, Fans getroffen und an Dis­kus­sionen teil­ge­nommen. Wie sieht Ihr Fazit aus?
Ich gehe mit einem durchweg posi­tiven Gefühl nach Hause. Beson­ders beein­druckt war ich von der klaren Posi­tion aller Anwe­senden gegen rechte Gesin­nungen. Wenn die Szene zeigt, dass keine Bereit­schaft besteht, mit Nazis unter einem Dach zu leben, dann sind wir auf dem rich­tigen Weg. Dass zudem auch ver­meint­lich gegen­sätz­liche Par­teien wie die Polizei oder die Ver­bände ein­ge­laden wurden und Rede­zeit bekamen, beweist, dass die aktive Fan­szene die rich­tige Trenn­schärfe ver­in­ner­licht hat. Genau da sollte die Linie näm­lich ver­laufen.

Gab es auch Dinge, die Sie gestört haben?
Dass bestimmte Fan­gruppen immer noch eine Aver­sion gegen alle Leute haben, die eine Uni­form tragen, gefällt mir nicht. Wenn man sich einem direkten Gespräch ver­wei­gert und statt­dessen nur noch über Dritte kom­mu­ni­zieren will, sehe ich das kri­tisch.

Waren Sie über­rascht, dass die Polizei bei einer Podi­ums­dis­kus­sion auch Selbst­kritik geübt hat?
Das ist doch groß­artig, weil das ver­trau­ens­bil­dend ist. Man muss den Mut haben, eigene Fehler ein­zu­ge­stehen. Das haben hier beide Seiten, Polizei und Fans, getan. Das sind die rich­tigen Signale.

Auch das Thema Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht für Fan­be­auf­tragte und Fan­pro­jekt-Mit­ar­beiter“ wurde heiß dis­ku­tiert. Wie stehen Sie dazu?
Aus meiner Sicht ging die Dis­kus­sion leider in die fal­sche Rich­tung, weil die Opfer­be­trach­tung völlig außer Acht gelassen wurde. Wenn Sie kran­ken­haus­reif geschlagen werden und daneben steht einer, der den Täter gesehen hat, dann muss der­je­nige auch aus­sagen.

Dadurch erschwert sich aber auch die Fan­ar­beit, weil das Ver­trau­ens­ver­hältnis zwi­schen Fan und Betreuer beschä­digt wird.
Es ist sicher­lich ein Spagat. Aber ich halte nichts von dieser Gano­ven­ehre, dass man nie­manden ver­pfeift, der eine Straftat begangen hat. Wenn es darauf ankommt, erwarte ich eben auch eine klare Posi­tio­nie­rung von Fan­be­treuern. Mir geht es dabei nicht um die Klä­rung von Baga­tell­de­likten. Wir haben sicher wich­ti­gere Themen, als die Klä­rung der Frage, wer jetzt wo einen Sti­cker geklebt hat.

Im Jahr 2012 war das große Thema des Fan­kon­gresses der Dialog zwi­schen den ver­här­teten Fronten. Sie sind jetzt seit einem Jahr Geschäfts­führer der DFL. Spüren Sie, dass sich das Ver­hältnis zwi­schen Ver­bands­ver­tre­tern und Fans ver­bes­sert hat?
Das glaube ich schon. Aller­dings bin ich hier nicht als reiner Funk­tionär ange­reist, son­dern eben auch als Fuß­ballfan. Ich wollte von Anpfiff bis Abpfiff dabei sein, weil mich die Themen der Szene auch per­sön­lich inter­es­sieren. Des­wegen habe ich wie jeder andere meinen Ein­tritt bezahlt. Ich halte ohnehin nichts von den klas­si­schen Rol­len­bil­dern, die gerne trans­por­tiert werden: hier die Funk­tio­näre, dort die Fans.

Das Pro­gramm des Kon­gresses war viel­fältig. Welche Ver­an­stal­tung ist bei Ihnen beson­ders hän­gen­ge­blieben?
Ich fand die Gespräche zum Thema 50+1“ bemer­kens­wert. Da wurde kon­tro­vers dis­ku­tiert, auf aller­höchstem Niveau. Das hat mich beein­druckt und mich in meiner Mei­nung bestä­tigt, dass hier durchweg enga­gierte und kluge Köpfe am Werk waren. Beim Thema 50+1“ wollte ich noch einmal ver­deut­li­chen, dass DFL und Fan­szene grund­sätz­lich einer Mei­nung sind. Wir haben uns in dieser Frage sogar ver­klagen lassen und setzen alles daran, dass diese Regel bleibt. Ich glaube, das war vielen bis­lang nicht ganz klar.

In Ihrer Rede kri­ti­sierten Sie, dass die Ver­an­stalter den Absa­ge­brief von NRW-Innen­mi­nister Ralf Jäger öffent­lich zitiert haben. Warum?
Mich hat gestört, dass nur Frag­mente des Briefes ver­lesen wurden. Wenn man sich ent­scheidet, das Schreiben öffent­lich zu machen, sollte man das auch voll­ständig tun. Nur so kann sich jeder seine eigene Mei­nung bilden. Wenn man nur Aus­schnitte ver­wendet, kann dies zu Miss­ver­ständ­nissen führen.

Der Fan­kon­gress wurde über­schattet von einer Hoo­ligan-Prü­gelei in Köln, bei der ein Betei­ligter zeit­weise in Lebens­ge­fahr schwebte. Sind solche Vor­komm­nisse Wasser auf die Mühlen der Kri­tiker?
Der Wahn­sinn, der da in Köln pas­siert ist, hat uns alle scho­ckiert. Es ist schade, dass das diese tolle Ver­an­stal­tung über­la­gert hat. Ich habe mich auch geär­gert, dass einige Medien eine ganze Seite Platz für dieses Thema ein­ge­räumt haben. Diese Seite hätte ich mir für eine Bericht­erstat­tung über den Fan­kon­gress gewünscht. Die klare Distan­zie­rung der Fan­szene von diesen Gescheh­nissen fand ich wichtig und stark. Fakt ist aber auch, dass wir die Täter von Köln nicht errei­chen. Diese Vögel werden wir mit keinem Kon­zept der Welt ein­fangen. Wir dürfen uns aber nicht von diesen Kri­mi­nellen aus­ein­ander divi­dieren lassen. Die­je­nigen, die den Fuß­ball lieben, sollten weiter zusam­men­stehen.

Welche großen Themen stehen für die DFL beim Thema Fan­ar­beit in Zukunft auf der Agenda?
Vor allem beim Thema Rechte Gewalt“ gehen wir neue Wege. Wir haben eine Koope­ra­tion mit der Aus­stei­ger­initia­tive Exit“ geschlossen und einen Pool von 500.000 Euro bereit­ge­stellt. Damit sollen inno­va­tive Fuß­ball- und Fan­kul­tur­pro­jekte geför­dert werden. Diese Inia­tive haben wir PFiFF“ genannt und soll sich gegen rechts­ex­treme Ten­denzen stellen. Sich klar gegen Rechts zu posi­tio­nieren, ist selbst­re­dend und wir Ver­bände müssen da sicher­lich noch aktiver werden. Unser Motto ist und bleibt: Nazis raus!