Seite 2: „Capello setzt auf kurzfristige Effekte.“

Als Sie 1995 nach Ita­lien gingen, waren Sie 19 und kamen zunächst nicht zurecht.
Ich kam aus einer Kultur, in der man den Ball­be­sitz liebte. Fuß­ball total! In meinen ersten Spielen bei Sam­pdoria Genua bat ich den Innen­ver­tei­diger um den Ball und … Bumm! Schlägt er ihn nach vorne zum Stürmer. Dann blicke ich zum Stürmer, in der Erwar­tung, dass er ihn zu mir zurück­spielt. Doch er dreht ab, um seinen eigenen Kram zu machen. Ich war anfangs wirk­lich frus­triert.

Hat Trainer Sven-Göran Eriksson Ihnen geholfen?
Als Eriksson sah, dass ich an meine Grenzen stieß, erteilte er mir eine Lek­tion, die ich nie ver­gessen werde. Er fragte mich, warum ich ste­hen­ge­blieben sei, und ich sagte: Wenn die mir nicht den Ball zuspielen, werde ich mich auch nicht bewegen.“ Ich weiß, dass das nicht gerecht­fer­tigt war, aber ich war damals jung. Eriksson sagte nur, ich solle an die Arbeiter denken, die jeden Morgen um sechs Uhr auf­stehen und sich dadurch den Respekt der Gesell­schaft ver­dienen.

Bei Real Madrid hatten Sie es mit Fabio Capello zu tun, einem Mann, der bei der Men­schen­füh­rung gerne mal auf Kon­fron­ta­tion setzt.
Wenn er sah, dass es im Team zu ent­spannt zuging, zählten wir bis zehn, und schon hat er sich jemanden zur Brust genommen. Der gebo­rene Pro­vo­ka­teur!

Wäre das auch für Sie die rich­tige Stra­tegie?
Nein, da bin ich ganz anders. Fabio setzt auf kurz­fris­tige Effekte, meine Phi­lo­so­phie ist eher lang­fristig ange­legt. Sein Stil hat mit Sicher­heit eine unmit­tel­bare Wir­kung, des­wegen arbeitet er auch nir­gendwo länger als drei Jahre. Wenn jemand län­gere Zeit mit der­selben Gruppe zurecht­kommen will, kann er diese Phi­lo­so­phie nicht anwenden, son­dern müsste eher Carlo Ance­lottis Stil folgen. Wobei ich auch nicht wie er bin. Wahr­schein­lich irgend­etwas dazwi­schen.

Unter Ance­lotti waren Sie beim AC Mai­land auf dem Zenit Ihres Kön­nens. Was hat er aus Ihnen her­aus­ge­holt, was zuvor noch ver­borgen war?
Als ich zu Milan kam, war ich 26 und hatte zehn Jahre Erfah­rung, das sagt wohl alles. Ich glaube, es war logisch, dass ich dort meinen besten Fuß­ball gespielt habe.

Und Ance­lotti? Kann ein Trainer, der selbst ein exzel­lenter Fuß­baller war, die Spieler leichter für sich gewinnen?
Anfangs ist es auf jeden Fall ein Plus, aber man kann die Ach­tung auch schnell wieder ver­lieren. Viele Spieler brau­chen tat­säch­lich jemanden als Trainer, den sie selbst haben spielen sehen oder mit dem sie sogar die Kabine teilten. Doch das ver­pufft schnell, wenn man als Trainer keine Kom­pe­tenz aus­strahlt.