Cla­rence See­dorf, war Ihnen immer klar, dass Sie irgend­wann Trainer werden?
Ich wollte das schon als Spieler, und das hat mir bei meiner Ent­wick­lung geholfen. Ich war ein auf­merk­samer und trai­ner­naher Fuß­baller – nicht bei der direkten Ent­schei­dungs­fin­dung, ver­steht sich, aber ich war in den Pro­zess invol­viert, indem ich half, Pro­bleme zu lösen.

Haben Sie ein Vor­bild?
Letzt­lich will ich mein eigenes Modell ent­wi­ckeln, aber ich muss gestehen, dass mich die Phi­lo­so­phie Phil Jack­sons begeis­tert. So wie er die besten Bas­ket­ball­spieler der Welt für sich gewinnen konnte, glaube ich, dass mir dies auch mit den besten Fuß­bal­lern gelingen könnte.

Wer hat Sie im Fuß­ball am meisten geprägt?
Ich habe viel von Van Gaal, Capello oder Ance­lotti gelernt. Dabei ist es manchmal wich­tiger zu erkennen, was einem nicht zusagt – damit man solche Fehler in Zukunft ver­meiden kann. Den­noch bin ich allen dankbar, dass sie mir Ein­blicke in ihr Labor“ gewährt haben.

Bei Ajax Ams­terdam waren Sie einst der jüngste Debü­tant aller Zeiten. Wäre das ohne Louis van Gaal über­haupt mög­lich gewesen?
Für unsere dama­lige Genera­tion war er der per­fekte Trainer. Van Gaal setzt bis heute auf junge Spieler, das ist eine seiner mar­kan­testen Eigen­schaften. Und ich werde immer dankbar für sein Ver­trauen sein.

Er machte Sie sofort zum Stamm­spieler.
Er ging sogar so weit, nach meinem Debüt zu sagen, ich würde der Spieler des neuen Jahr­tau­sends werden. Kein beson­ders großer Druck, nicht wahr? Ich hoffe rück­bli­ckend, dass er stolz auf mich ist. Und auf sich selbst, weil er richtig gelegen hat. (Lacht.)

Braucht der Fuß­ball mehr Trainer wie ihn, die auf junge Spieler setzen?
Es gibt ja viele, die jungen Leuten eine Chance geben. Zu viele sogar. Den Jungen eine wich­tige Rolle zu über­tragen, ist eine Sache – die gesamte Ver­ant­wor­tung auf sie abzu­wälzen, eine andere. Damals bei Ajax gab es auch erfah­rene Spieler: De Boer, Blind, Rij­kaard. Es kommt auf die Mischung an, weil die Balance stimmen muss. Wenn manche Klubs heut­zu­tage aus­schließ­lich auf junge Spieler setzen, besteht die Gefahr, dass die aus­brennen. Denn die meisten sind ein­fach noch nicht darauf vor­be­reitet, die ganze Last auf ihren Schul­tern zu tragen. Wir sind damals ohne diesen Druck auf­ge­wachsen, und so sollte es sein. Im Fuß­ball wie auch im Leben.

Als Sie 1995 nach Ita­lien gingen, waren Sie 19 und kamen zunächst nicht zurecht.
Ich kam aus einer Kultur, in der man den Ball­be­sitz liebte. Fuß­ball total! In meinen ersten Spielen bei Sam­pdoria Genua bat ich den Innen­ver­tei­diger um den Ball und … Bumm! Schlägt er ihn nach vorne zum Stürmer. Dann blicke ich zum Stürmer, in der Erwar­tung, dass er ihn zu mir zurück­spielt. Doch er dreht ab, um seinen eigenen Kram zu machen. Ich war anfangs wirk­lich frus­triert.

Hat Trainer Sven-Göran Eriksson Ihnen geholfen?
Als Eriksson sah, dass ich an meine Grenzen stieß, erteilte er mir eine Lek­tion, die ich nie ver­gessen werde. Er fragte mich, warum ich ste­hen­ge­blieben sei, und ich sagte: Wenn die mir nicht den Ball zuspielen, werde ich mich auch nicht bewegen.“ Ich weiß, dass das nicht gerecht­fer­tigt war, aber ich war damals jung. Eriksson sagte nur, ich solle an die Arbeiter denken, die jeden Morgen um sechs Uhr auf­stehen und sich dadurch den Respekt der Gesell­schaft ver­dienen.

Bei Real Madrid hatten Sie es mit Fabio Capello zu tun, einem Mann, der bei der Men­schen­füh­rung gerne mal auf Kon­fron­ta­tion setzt.
Wenn er sah, dass es im Team zu ent­spannt zuging, zählten wir bis zehn, und schon hat er sich jemanden zur Brust genommen. Der gebo­rene Pro­vo­ka­teur!

Wäre das auch für Sie die rich­tige Stra­tegie?
Nein, da bin ich ganz anders. Fabio setzt auf kurz­fris­tige Effekte, meine Phi­lo­so­phie ist eher lang­fristig ange­legt. Sein Stil hat mit Sicher­heit eine unmit­tel­bare Wir­kung, des­wegen arbeitet er auch nir­gendwo länger als drei Jahre. Wenn jemand län­gere Zeit mit der­selben Gruppe zurecht­kommen will, kann er diese Phi­lo­so­phie nicht anwenden, son­dern müsste eher Carlo Ance­lottis Stil folgen. Wobei ich auch nicht wie er bin. Wahr­schein­lich irgend­etwas dazwi­schen.

Unter Ance­lotti waren Sie beim AC Mai­land auf dem Zenit Ihres Kön­nens. Was hat er aus Ihnen her­aus­ge­holt, was zuvor noch ver­borgen war?
Als ich zu Milan kam, war ich 26 und hatte zehn Jahre Erfah­rung, das sagt wohl alles. Ich glaube, es war logisch, dass ich dort meinen besten Fuß­ball gespielt habe.

Und Ance­lotti? Kann ein Trainer, der selbst ein exzel­lenter Fuß­baller war, die Spieler leichter für sich gewinnen?
Anfangs ist es auf jeden Fall ein Plus, aber man kann die Ach­tung auch schnell wieder ver­lieren. Viele Spieler brau­chen tat­säch­lich jemanden als Trainer, den sie selbst haben spielen sehen oder mit dem sie sogar die Kabine teilten. Doch das ver­pufft schnell, wenn man als Trainer keine Kom­pe­tenz aus­strahlt.