Herr Gör­litz, Sie waren über zwei Jahre ver­letzt und mussten etliche Ope­ra­tionen über sich ergehen lassen. Was bedeutet Glück für Sie?

Nach so einer langen Ver­let­zungs­zeit wieder spielen zu dürfen, hat nicht nur mit Glück zu tun. Es ist auch die Folge harter Arbeit. Bis zu einem bestimmten Level kann man Glück pro­vo­zieren. Aber es nicht alles Zufall, was danach aus­sieht. Mein erstes Spiel nach der Ver­let­zung war trotzdem ein Glücks­mo­ment, keine Frage!

Warum ist Karls­ruhe der rich­tige Ort für einen Neu­an­fang?

Der Wechsel zum KSC war eine Bauch­ent­schei­dung. Ich kannte den Verein ja kaum, mal abge­sehen von dem, was ich über die Medien und von anderen Spie­lern mit­be­kommen habe. Im Nach­hinein kann ich jetzt schon sagen, dass es die rich­tige Ent­schei­dung war, weil hier ein­fach alles zusammen passt. Vom ersten Tag an gab es nie Pro­bleme, weder privat noch sport­lich. Auch das bedeutet Glück für mich.


Hat auch die gerin­gere Medi­en­prä­senz im Badi­schen ihren Teil dazu bei­getragen?


Zual­ler­erst stand die Frage im Raum, ob ich in Mün­chen bleibe oder zu einem anderen Verein wech­sele. Was die Medi­en­prä­senz angeht, ist der FC Bayern zwei­fellos das Non­plus­ultra in Deutsch­land. Von daher war klar, dass ein Wechsel auto­ma­tisch weniger Auf­merk­sam­keit für mich bedeutet. Trotzdem spüre, dass auch in Karls­ruhe ein großes Inter­esse besteht – spe­ziell an meiner Person. Das mag viel­leicht auch daran liegen, dass ich vom FC Bayern komme.

Nach Ihrem Kreuz­band­riss im November 2004 durften Sie zwei­ein­halb Jahre kaum Fuß­ball spielen. Warum hat die Reha so lange gedauert?

Es waren meh­rere klei­nere Ver­let­zungen, die sich sum­miert haben, ange­fangen im November 2004 mit dem Kreuz­band­riss, bei dem auch der Meniskus und ein Knorpel betroffen waren. Danach schien eigent­lich alles wieder in Ord­nung. Aber gleich im ersten Trai­ning hab ich mich erneut ver­letzt. Ein Teil vom Meniskus war ein­ge­rissen. Danach wieder Reha, noch ein Menis­kus­schaden, und noch mal Reha. So ging es das drei, vier Monate lang. Immer mal wieder stand eine OP an…

Waren Sie zu ehr­geizig?

Viel­leicht kam mein erstes Come­back, sagen wir mal, um zehn Pro­zent zu früh. Die Naht, mit der der Meniskus genäht wurde, hielt den hohen Anfor­de­rungen eines Profis nicht stand. Sie ist immer wieder ein­ge­rissen, da konnte ich nichts machen. Die Ärzte hatten nur zwei Stiche gesetzt.

Gab es Momente, in denen Sie die Hoff­nung auf­ge­geben hatten?

Ich hatte nur eine schwie­rige Phase, ganz am Ende, als die fünfte Ope­ra­tion anstand. Wenn du fünfmal ope­riert wirst, fängst du schon mal an, dir Gedanken zu machen. Da fragst du dich: Wird das noch mal was mit dem Pro­fi­fuß­ball? Diese Phase ging aber nach ein, zwei Wochen wieder vorbei. Glück­li­cher­weise habe ich mich nach jedem Ein­griff ein Stück sicherer gefühlt. Ich wollte immer positiv denken und wusste: jetzt eine rei­bungs­lose Reha, und ich bin wieder dabei.

Wie haben sich Ihre Team­kol­legen in Mün­chen ver­halten? Hat jemand mal ange­rufen und gefragt, wie es Ihnen geht?

Wäh­rend meiner Reha-Zeit war ich fast täg­lich auf dem Trai­nings­ge­lände der Bayern und habe mit den anderen Spie­lern gequatscht. Die wollten immer wissen, wie es mir geht. Die kennen ja das Gefühl, nur auf der Tri­büne zu sitzen und nicht spielen zu dürfen.

Welche Erkennt­nisse haben Sie aus dieser Zeit für sich per­sön­lich mit­ge­nommen?

Man muss Geduld haben. Der Körper braucht seine Zeit, man kann nichts erzwingen. Ich habe nie große Ansprüche gestellt, auch vor der Ver­let­zung nicht. Das Ziel, Natio­nal­spieler zu werden, hatte ich bei­spiels­weise nie. Das kam ein­fach so. Ich habe es immer so genommen, wie es kam. Heute weiß ich: Wenn es gut läuft, darfst du nicht anfangen, den großen Zam­pano zu spielen. Dafür ist nicht alles immer gleich schlecht, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich habe gelernt, abzu­wägen und rea­lis­ti­sche Ansprüche an mich selbst zu stellen.

Was unter­scheidet Andreas Gör­litz heute vom 21-jäh­rigen Nach­wuchs­ta­lent des FC Bayern damals?

Ich habe durch die Ver­let­zung viel dazu gelernt. Diese Zeit hat mich per­sön­lich sehr geprägt. Wenn alles positiv läuft, macht man sich eben weniger Gedanken. Ich habe gelernt, Klei­nig­keiten mehr zu schätzen und zu respek­tieren. Auch wenn ich ver­letzt war, ging es mir trotzdem gut, weil meine Familie gesund war, weil ich gesund war – von meinem Knie mal abge­sehen. Wenn man sich damit ein biss­chen aus­ein­an­der­setzt, merkt man schnell, dass es deut­lich schlim­mere Sachen gibt als eine Ver­let­zung. Das ist nichts, was einen umbringt. Man darf den Blick­winkel auf die Prio­ri­täten des Lebens nicht ver­lieren. Es gibt viele Leute, denen es deut­lich schlechter geht als uns.

Der FC Bayern ist dazu ver­dammt, Meister zu werden. Sind Sie froh, diesem Druck ent­gangen zu sein?

Posi­tiver Druck kann nie schlecht sein. Es zeugt von einem gewissen Respekt, wenn jeder von dir erwartet, dass du Meister wirst. Für Neu­zu­gänge wie mich ist es natür­lich leichter, wenn erst mal nicht so viel erwartet wird. Wobei das im Falle des KSC kaum zutref­fend ist. Auch hier sind die Erwar­tungen an uns gestiegen. Wir wollen das Niveau aus der letzten Saison bestä­tigen und uns weiter ver­bes­sern. Einen gewissen Druck haben wir hier in Karls­ruhe also auch, gerade weil die Fans nach dem Auf­stieg so eupho­risch sind.

Sie tragen in Karls­ruhe ihre Lieb­lings-Rücken­nummer 77“ (Name der Band von Andreas Gör­litz, d. Red.). In Mün­chen war es die 18. Bietet der KSC jungen Spie­lern mehr Frei­räume für die Ent­wick­lung einer eigenen Per­sön­lich­keit als der FC Bayern?

Gleich bei meinem ersten Gespräch mit dem KSC hat mich Manager Rolf Dohmen gefragt, welche Rücken­nummer ich haben möchte. Also habe ich mich für meine Lieb­lings­nummer ent­schieden. Wenn ich nach der Saison zurück nach Mün­chen gehe, werde ich auch wieder um die 77 bitten. Ob ich sie auch kriege, ist eine andere Frage. Damit beschäf­tige ich mich aber jetzt noch nicht.

Mit wel­chen Gefühlen bli­cken Sie dem Heim­spiel gegen die Bayern ent­gegen?

Grund­sätz­lich freue ich mich auf alle Spiele, nicht nur auf das gegen die Bayern. Das Derby gegen Stutt­gart wird wahr­schein­lich noch bri­santer als das Bayern-Spiel. Gene­rell sind die Spiele gegen die großen Teams ein­fa­cher für uns. Auf das Wie­der­sehen mit meinen alten Kol­legen freue ich mich natür­lich beson­ders. Mal sehen, wer am Ende die Punkte mit­nimmt…

Was muss pas­sieren, damit Ihre Chancen auf einen Stamm­platz in Mün­chen größer sind als vor dem Aus­leih­ge­schäft?

Ich will mög­lichst viele Spiele machen und mich im Trai­ning weiter ent­wi­ckeln. Alles andere wird man sehen. Es geht mir darum, meine Qua­li­täten ver­bes­sern. Wenn ich mein altes Niveau von 2004 wieder erreiche, werden auch meine Chancen in Mün­chen wieder steigen.

Ist die WM 2010 lang­fristig ein rea­lis­ti­sches Ziel für Sie?

Das sind ja noch drei Jahre! So weit blicke ich nicht.

Auf ihrer Home­page prangt immer noch das Bayern-Logo. Werden Sie das Design wegen einer Saison ändern lassen?

Wenn sich jemand findet, der mir umsonst ein KSC-Design für die Seite ent­wirft, gerne!