Seite 2: „Hoeneß wollte es genau so machen wie ich"

Nicht nur das. Sie über­nahmen sogar einen der Elf­meter.
Einige der Spieler, die im Trai­ning immer geschossen hatten, zum Bei­spiel Jozef Moder und Jan Pivarnik, wollten im Finale nicht antreten. Unser Co-Trainer Jozef Venglos kam nach der Ver­län­ge­rung zu mir und fragte, ob ich mir einen Elfer zutrauen würde. Ich sagte ihm, dass ich noch nie einen geschossen hätte, weil bei uns im Verein – Inter Bra­tis­lava – Laco Petrás das machte. Ich schoss zwar Frei­stöße, aber keine Elfer. Meiner Mei­nung nach muss man dafür ein bestimmter Typ sein, und das war ich nicht. Ich erin­nerte mich auch an Vla­dimir Weiss Senior. Der hatte in der Qua­li­fi­ka­tion zur WM 1966 einen wich­tigen Elf­meter ver­geben, und man hat ihn das sein ganzes Leben nicht ver­gessen lassen.

Aber Venglos hat es geschafft, Sie zu über­reden.
Ich war nervös, weil ich wusste, dass mich bei einem Fehl­schuss das ganze Land hassen würde. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich vom Mit­tel­kreis bis zum Straf­raum gekommen bin. Ich legte den Ball hin und hob den Kopf. Da sah ich, dass Maier sich umge­dreht hatte und mir den Hin­tern hin­streckte. Er wusste genau, was er tat. Er wollte mich ver­un­si­chern. Ich wies den Schieds­richter darauf hin, aber es inter­es­sierte ihn nicht. Ich nahm mir vor, den Elf­meter in die rechte Ecke zu schießen, aber beim Anlauf änderte ich meine Mei­nung und hielt ein­fach voll drauf. Direkt nach mir kam Uli Hoeneß. Der wollte es auch so machen und schoss drüber. Ich habe ihn ange­stiftet. (Lacht.)

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Jurk­emik sieht nur Maiers Hin­tern.

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Eigent­lich sollte es ja ein Wie­der­ho­lungs­spiel geben. Erst kurz vor dem Anpfiff wurde ent­schieden, statt­dessen ein Elf­me­ter­schießen abzu­halten. Der deut­sche Radio­re­porter Heri­bert Faß­bender erfuhr davon sogar erst in der Pause vor der Ver­län­ge­rung.
Daran kann ich mich nicht erin­nern. Wie gesagt, wäh­rend der zwei Wochen in der Hohe Tatra haben wir jeden Tag Elf­meter geübt. Und wir haben sogar nach jedem Test­spiel, zum Bei­spiel gegen Aus­tria Wien, ein Elf­me­ter­schießen gemacht, völlig unab­hängig vom Spiel­stand. Wir haben uns ganz gezielt auf eine solche Mög­lich­keit vor­be­reitet.

Ver­mut­lich weil für die Halb­fi­nals und das Spiel um Platz drei ein Elf­me­ter­schießen vor­ge­sehen war.
Das kann sein, ich weiß es nicht. Ich habe mich auf mich selbst kon­zen­triert, nicht auf ein mög­li­ches Elf­me­ter­schießen.

Ich wäre gerne zum HSV gegangen“

Was war das Geheimnis des Erfolges?
Zunächst mal so etwas wie eine gol­dene Genera­tion. Im Land gab es damals viele gute Spieler. Der Ver­band hätte eine Menge Geld machen können, wenn er die Besten ins Aus­land ver­kauft hätte, aber wir durften ja nicht raus. Zwei­tens war da der Hunger nach Erfolg. Unsere Jour­na­listen beschwerten sich immer, dass das Tempo in der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Liga zu langsam wäre, aber wir besiegten Mann­schaften wie Eng­land oder Frank­reich. Mit der Qua­li­fi­ka­tion zur EM-End­runde star­teten wir eine tolle Serie und blieben 25 Spiele lang unbe­siegt. Drit­tens war das Trai­ner­ge­spann sehr wichtig. Wir hingen gera­dezu an den Lippen unseres Chef­trai­ners Václav Jezek, sein Wort war Gesetz. Er hatte vorher in Hol­land trai­niert und brachte von dort so etwas wie Pro­fes­sio­na­lität mit.

Sein Assis­tent – und Nach­folger – Venglos hatte auch schon was von der Welt gesehen.
Das stimmt, er hatte in Aus­tra­lien trai­niert. Die zwei hatten sehr viel Erfah­rung und wir respek­tierten sie beide. Venglos war mehr der Diplomat, der viel mit uns redete. Jezek war strenger, er konnte ziem­lich wütend werden. Dann kam Venglos zu uns und sagte, Jezek hätte das alles nicht so gemeint. Aber damals hatte man als Spieler sowieso ein dickeres Fell. Zumin­dest in unserem Land waren Trainer sehr hoch ange­sehen und fast unan­tastbar. Nie­mand hätte es gewagt, sich über sie zu beschweren, nicht mal der mäch­tigste Wirt­schafts­boss.

Antonin Panenka sagte mal, es hätte früher Span­nungen gegeben zwi­schen den Tsche­chen und den Slo­waken im Team, aber dass sich das im Vor­feld der EM 1976 geän­dert hätte.
Das wurde wieder ein Thema bei der EM 1980 und der WM 1982, aber es stimmt ein­fach nicht. Die Medien haben das erfunden, um Schlag­zeilen zu haben. Ich habe jeden­falls nie einen Kon­flikt bemerkt. Tsche­chen und Slo­waken haben auch abseits des Platzes viel unter­nommen, wir haben oft Mini­golf zusammen gespielt. Natür­lich gab es immer Grüpp­chen, etwa wenn viele Spieler von Dukla Prag bei der Natio­nalelf waren. Ich war meis­tens der ein­zige Spieler von Inter Bra­tis­lava und teilte mir ein Zimmer mit Viktor oder Vencel, aber als mein Klub­ka­merad Jozko Barmos berufen wurde, lag ich dann mit ihm auf dem Zimmer. Ob Tscheche oder Slo­wake, das machte da keinen Unter­schied.

Hatten Sie Ange­bote aus dem Westen?
Natür­lich, jeder Natio­nal­spieler hatte die. Aber wir wussten, dass man erst wech­seln durfte, wenn man über 30 war und min­des­tens 45 Län­der­spiele hatte. Ich wäre gerne zum HSV gegangen, als Kevin Keegan dort war, aber man ließ mich nicht. So ging ich erst 1984 ins Aus­land, als ich 31 war. Ich spielte für den FC St. Gallen in der Schweiz. Von der Mann­schaft, die 1976 Euro­pa­meister wurde, spielte später fast jeder noch ein paar Jahre im Aus­land, in Öster­reich, Bel­gien oder Grie­chen­land.