Seite 3: „Die USA war meine Wiedergeburt“

Wie kommt man aus so einem Loch raus?
Chris­tian Demirtas, mit dem ich mich im VDV-Camp sehr gut ver­standen hatte, rief mich an. Er hatte vom geplatzten Wechsel gehört und fragte: Tony, hast du mal drüber nach­ge­dacht, in die USA zu gehen? Da kannst du am Col­lege kicken und dir das Stu­dium durchs Fuß­ball­spielen finan­zieren.“ Ich hatte keine Ahnung vom Col­lege-System und war vorher noch nie in Miami gewesen. Aber ich brauchte drin­gend einen Neu­start, also sagte ich zu. 

So ein­fach geht das?
Ein Bekannter von Chris­tian, der als Co-Trainer der Fort Lau­derdale Stri­kers arbei­tete, ver­mit­telte mich an die Uni­ver­sität. Aber der Pro­zess hat ein ganzes Jahr gedauert. Jeder Col­lege Ath­lete muss zwei aka­de­mi­sche Tests absol­vieren. Dazu dekla­rierte mich die NCAA, der US-ame­ri­ka­ni­sche Col­lege-Ver­band, iro­ni­scher­weise zunächst als Profi, wes­wegen ich erst einmal nicht spiel­be­rech­tigt war. Ich hielt mich so lange bei in der Heimat fit, schluss­end­lich hat dann aber aus­nahms­weise einmal alles geklappt (lacht).

Wie lief es in den USA?
Die USA war meine Wie­der­ge­burt. Ich stu­dierte Mar­ke­ting, was meinen Hori­zont enorm erwei­terte. Ich hatte so großen Spaß daran, dass ich als Wis­sen­schaft­liche Hilfs­kraft arbei­tete und meinen Bachelor in zwei­ein­halb Jahren schaffte, mit 1,0. Par­allel war ich Kapitän der STU Bob­cats, unserer Uni­mann­schaft, und der Coach gab mir volles Ver­trauen. Es gibt zwei Col­lege-Ver­bände, die besten Teams aus deren Ligen qua­li­fi­zieren sich für die Lan­des­meis­ter­schaft, die dann im Playoff-Modus aus­ge­spielt wird. Dort sind wir leider zweimal in der ersten Runde aus­ge­schieden. Die Rah­men­be­din­gungen sind aber absolut pro­fes­sio­nell, das Niveau würde ich zwi­schen Regional- und Ober­liga ein­schätzen. Die Trai­nings­me­thoden- und Fas­zi­li­täten würde ich sogar den unseren in Deutsch­land um zwei Schritte voraus beschreiben. 

Hatten Sie in den USA nochmal die Chance auf die Pro­fi­kar­riere? Stich­wort: MLS-Draft.
Bei mir haben irgend­wann die Knie gestreikt. Außerdem wurde mir das Stu­dium immer wich­tiger. Ganz grund­sätz­lich kann man aber sagen: Jeder deut­sche Spieler, der das US-Col­lege-System durch­läuft, wird auto­ma­tisch inter­es­sant für den MLS-Draft. Wenn man in Deutsch­land in einem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum war, ist man ein­fach besser aus­ge­bildet als andere. Ich selbst musste 2016 meine Kar­riere wegen der Knie beenden. Das war bitter, aber an dem Punkt hatte mir der Fuß­ball bereits ganz andere Türen geöffnet. Unter anderem hatte ich für meinen Master die Zusage von Har­vard und Columbia. Drei Jahre zuvor wollte mich Dynamo Dresden nicht haben und ich kannte diese Unis nur aus dem Fern­sehen. Absurd.

Und jetzt sind Sie Fuß­ball­rentner?
(Lacht). Nein. Nach dem Start meines MBA Pro­gramms an der Columbia Uni­ver­sity bin ich jetzt wieder in Miami, mache meinen Master und habe eine Agentur gegründet, für junge Spieler, die es in Deutsch­land nicht packen. Sei es aus Ver­let­zungs­gründen, Pech oder schlichtweg der Tat­sache, stets zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort gewesen zu sein. In der Agentur sind wir zu dritt, ein Partner in Ita­lien, einer in Bra­si­lien. Wir wollen den vielen jungen Spie­lern, denen es in ihrer Heimat so geht wie mir damals, eine neue Chance in den USA ver­mit­teln. 

Mit Erfolg?
Einer unserer Spieler wurde letztes Jahr von den Van­couver White­caps gedraftet. Eine andere schaffte es sogar zu den Olym­pi­schen Spielen in Rio, aller­dings im Foot­volley, weil sie wegen einer Kreuz­band­ver­let­zung kein Fuß­ball mehr spielen durfte. Uns geht es aber nicht darum, dass unsere Spieler und Spie­le­rinnen unbe­dingt noch Profis werden. Son­dern eher um die Chance, sich mit den sport­li­chen Fähig­keiten ein hoch­wer­tiges Stu­dium zu ermög­li­chen und ihr Talent zwei­gleisig zu maxi­mieren. Einer unserer ersten Kli­enten, ein ehe­ma­liger Jugend­spieler des US Palermo, hat gerade sein Stu­dium abge­schlossen und arbeitet jetzt sehr erfolg­reich an der Wall Street. 

Wie kommen Sie denn an die Spieler? Scouten Sie?
Wir koope­rieren mit einigen Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren in Deutsch­land, Ita­lien und Frank­reich. Momentan arbeiten wir daran, ein System zu ent­wi­ckeln, dass den Spie­lern und Spie­le­rinnen, die vor­aus­sicht­lich durchs Raster fallen, früh­zeitig die Mög­lich­keit bietet in die USA zu gehen – bevor der große Knall kommt. Tat­säch­lich ent­stehen aber die meisten Kon­takte durch Mund­pro­pa­ganda. Durch unser Netz­werk erfahren wir von Spie­lern, die Poten­tial haben, für die es in Deutsch­land aber aus wel­chen Gründen auch immer nicht wei­ter­geht. Wichtig ist neben dem fuß­bal­le­ri­schen Talent aber vor allem, dass es mensch­lich passt. Das habe ich aus meiner aktiven Zeit gelernt. 

Also sind Sie doch im Fuß­ball gelandet. Sind Sie ver­söhnt mit dem Geschäft?
Absolut. Ich habe im Fuß­ball­ge­schäft so viel Scheiße gefressen, aber letzt­end­lich hat mir der Fuß­ball eine Tür geöffnet, mit der ich nie gerechnet habe. Und jetzt kann ich anderen dabei helfen, einen ähn­li­chen Weg zu gehen. Das macht mich auf jeden Fall stolz und glück­lich.