Seite 4: „Was soll schon sein? Ich nehme ihn mir und haue ihn rein“

Ihre per­sön­liche Tor­quote ist im Laufe der Jahre immer besser geworden. Was hatte der Vol­kert der Ham­burger Jahre, was der Nürn­berger noch nicht hatte?
Ganz ein­fach: Als junger Spieler kommst du selten in den Genuss, Frei­stöße und Elf­meter schießen zu dürfen. In Ham­burg war das keine Frage mehr.

Ihr wich­tigster Elf­meter war 1977, als Sie im Finale des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger gegen den RSC Ander­lecht in der Schluss­phase das 1:0 schossen. Wie groß war die Anspan­nung in diesem Moment?
Im Bun­des­li­ga­spiel zuvor hatte ich einen Elfer ver­schossen. Danach kam natür­lich sofort die Frage: Und was ist, wenn es am Mitt­woch beim End­spiel auch einen Elf­meter gibt?“ Meine Ant­wort lau­tete: Was soll schon sein? Ich nehme ihn mir und haue ihn rein.“

So ein­fach ist das?
Es nutzt ja nichts, einer muss die Ver­ant­wor­tung über­nehmen. Natür­lich kam dann auch noch der geg­ne­ri­sche Tor­wart und wollte mich ver­un­si­chern: Ver­schieß ihn, dann bekommst du ein paar Kisten Wein!“

Ein merk­wür­diger Bestechungs­ver­such in einem sol­chen Finale.
Kein Bestechungs­ver­such. Nur die übli­chen Psy­cho­spiel­chen, um mich nervös zu machen.

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Schorsch Vol­kert mit dem Euro­pa­pokal der Pokal­sieger.

Wit­ters

Der Tri­umph von Rot­terdam war Ihr Höhe­punkt beim HSV. Danach wurden es wilde Zeiten.
Da hat den Manager Dr. Peter Krohn der Teufel geritten, dass er Kuno Klötzer nach dem Euro­pa­po­kal­sieg keinen neuen Ver­trag gegeben und statt­dessen Rudi Guten­dorf geholt hat. Gelinde gesagt: ein Aus­lauf­mo­dell. Krohn war ein ver­rückter Typ, mit dem ich mich durchaus kon­tro­vers unter­halten konnte. Zahlen Sie dem Guten­dorf eine Abstands­summe“, habe ich gesagt, dann können Sie nackt auf dem Ele­fanten durch Ham­burg reiten, so begeis­tert werden die Leute sein.“ Aber er wollte das nicht.

Zeit­gleich mit Guten­dorf kam auch Kevin Keegan nach Ham­burg, damals ein euro­päi­scher Top­star. Was für ein Typ war er?
Ein Supertyp. Kevin war der typi­sche eng­li­sche Fair­play-Profi, der aber irgend­wann klar­ge­macht hat, dass er nicht über die Ver­trags­dauer von drei Jahren hinaus bleiben wird. Seine Begrün­dung: In Deutsch­land wirst du tot­trai­niert.

Sie selbst haben 1978 den HSV ver­lassen, als Günter Netzer Manager wurde. Gab es da einen Zusam­men­hang?
Günter und ich kannten uns von der Natio­nal­mann­schaft, und er kannte auch meine Men­ta­lität. Mein Ver­trag lief aus, und als er wegen meines Alters her­um­druckste, sagte ich: Günter, nicht um den heißen Brei her­um­reden: Ver­trag oder nicht? Du weißt aber auch, dass man für einen alten, aus­ge­mus­terten Spieler keinen Pfennig mehr bekommt.“ Da hat er geschluckt. Ich bin dann zum VfB Stutt­gart gegangen, der sogar noch ein biss­chen was bezahlt hat, obwohl ich zum Prä­si­denten Meyer-Vor­felder meinte: Sie zahlen keinen Pfennig!“

Sie waren sauer auf Netzer?
Ich wäre in dieser Phase wirk­lich gerne in Ham­burg geblieben, zumal Horst Hru­besch zu unserer Mann­schaft stieß und sich bereits gefreut hat: Rechts Kaltz, links Vol­kert, ich in der Mitte, das kann was werden!“ Obwohl ich es am Ende wohl doch nicht so schlecht getroffen habe. Wenn ich die alten Ham­burger Kol­legen später traf, sagten die immer: Schorsch, sei froh, dass du nicht mehr da bist. Das Trai­ning unter Branko Zebec hät­test du nicht über­lebt.“

Nach Ihrer aktiven Kar­riere haben Sie als Manager gear­beitet. Wie ist es dazu gekommen?
Zunächst war ich in der Immo­bi­li­en­branche tätig. Doch irgend­wann meinte mein alter HSV-Kol­lege Willi Rei­mann, wir sollten mal einen Kaffee trinken gehen. Dabei hat er gesagt, er würde als Trainer beim FC St. Pauli anheuern, hätte aber deren Füh­rung gesagt, er bräuchte einen Manager. Und zwar mich. Später war ich dann noch beim HSV, beim VfB Lübeck und in Nürn­berg, und das durchaus erfolg­reich. Auch wenn das in der Presse nicht immer so rüberkam, weil ich denen nicht aus der Hand gefressen habe.

Beim Ham­burger SV endete Ihr Enga­ge­ment tat­säch­lich mit einem Rie­sen­krach.
Der dama­lige Prä­si­dent Jürgen Hunke war aber auch ein rich­tiger Para­dies­vogel. Wenn wir vom Rothen­baum zum Trai­ning nach Och­sen­zoll raus­fuhren, hat der mich nur bela­bert: Ver­schanzen Sie sich hinter mir, ich mache aus Ihnen einen guten Manager!“ Darauf habe ich geant­wortet: Tun Sie mir einen Gefallen und seien Sie jetzt ein­fach mal ruhig. Ich sage Ihnen ja auch nicht, wie Sie Ihre Ver­si­che­rungen ver­treiben sollen.“

Waren Sie immer uner­schro­cken im Umgang mit Auto­ri­täten?
Das ist halt mein Natu­rell. Wenn ich der Mei­nung bin, dass etwas unge­recht ist, dann kämpfe ich dagegen an. Und ich finde auch, man muss sich die Mei­nung sagen können, ohne dass danach etwas hängen bleibt.