Seite 3: „Herr Schön, ich brauche keine Amme für den Flug"

Es soll einen Vor­fall auf der Süd­ame­ri­ka­reise der Natio­nalelf gegeben haben, als Schön Sie nach dem Zap­fen­streich in der Hotelbar unter dem Tisch gefunden hat.
Das ist nur zum Teil richtig, Hotelbar stimmt nicht. Fünf oder sechs Spieler saßen in einer Art Treff für die Hotel­gäste in San­tiago de Chile. Eigent­lich war um 23 Uhr Bett­ruhe, doch zu dieser Zeit war es immer noch viel zu heiß. Ich saß unglück­lich mit dem Rücken zur Glastür. Plötz­lich springen die anderen auf, rennen zu einer Brüs­tung und hechten auf den nächsten Balkon. Ich hab mir das später ange­schaut: Dahinter ging es zwanzig Stock­werke runter. Wenn du das Ding ver­fehlst, bist du platt.

Die Natio­nalelf hätte um ein Haar meh­rere Spieler ver­loren?
Hätte pas­sieren können. Was ich aber eigent­lich sagen will: Im Nach­hinein betrachtet, war es von mir ein Fehler. Als ich den Langen zu spät gesehen habe, hätte ich sit­zen­bleiben und dazu stehen sollen, wie es sonst meine Art ist. Aber ARD-Mann Ernst Huberty, der mit am Tisch saß, hat gemeint: Ver­schwind’ schnell unterm Tisch!“ Der Lange kam rein und stand so dicht vor mir, dass ich ihm die Schuh­bänder hätte zusam­men­knoten können. Schön hat sich über die vielen Gläser auf dem Tisch gewun­dert, doch Huberty hat uns gedeckt. Irgend­wann ist der Lange raus und hat schon die Glastür in der Hand, aber ich ver­mute, dass er von einem anderen Gast ein Zei­chen bekommen hat. Also ist er zurück und hat mich ent­deckt.

Und dann?
Am nächsten Morgen hat er gesagt: Wenn wir nicht in Süd­ame­rika wären, würde ich dich nach Hause schi­cken.“ Ich sagte zu ihm: Herr Schön, ich brauche keine Amme für den Flug. Wenn Sie mir ein Ticket geben und sagen, ich soll heim­fliegen, fliege ich heim.“ Aber das war ihm wegen so einer Lap­palie doch zu heiß. Naja, wegen der Sperre war es ein paar Monate später ohnehin vorbei.

Sie haben erst 1977, neun Jahre später, Ihr nächstes Län­der­spiel gemacht. Ver­setzt Ihnen der Gedanke ans Natio­nal­team noch immer einen Stich? 1974, bei der WM im eigenen Land, waren Sie im besten Fuß­bal­ler­alter.
Du kannst es ja nicht ändern, wenn die andere Seite nicht bereit ist, es als jugend­li­chen Leicht­sinn abzutun. Aber natür­lich wäre es schön und auch ange­messen gewesen, wenn ich diese Welt­meis­ter­schaft hätte spielen können.

Ihre besten Jahre hatten Sie ab 1971 beim Ham­burger SV. Dabei wäre Sie fast woan­ders gelandet.
Ich war mit Wolf­gang Holst, dem Prä­si­denten von Hertha BSC, schon weit­ge­hend einig. Aber dann hat er uns nach Berlin ein­ge­laden und den fatalen Fehler begangen, uns die Stadt zu zeigen: die düs­tere Nazi-Archi­tektur, dazu Straßen, die nur nach links oder rechts abzweigten, weil gera­deaus die Mauer war. Für meine Frau war das nichts. Zwei Tage später habe ich Holst am Telefon gesagt, dass ich alleine komme, ohne meine Familie. Aber das wollte er nicht und war dann so nobel, mich aus unserer Ver­ab­re­dung zu ent­lassen. Heut­zu­tage gibt es so was nicht mehr.

Der HSV war damals ein Team im Umbruch: zum einen Alt­stars wie Uwe Seeler und Charly Dörfel, zum anderen die jungen Wilden wie Kargus, Kaltz und Meme­ring. Mit Dörfel haben Sie anfangs noch um den Platz auf Links­außen kon­kur­riert.
Charly war natür­lich Publi­kums­lieb­ling, das war anfangs nicht so dankbar für mich. Wenn ein Lokal­held von einem, in Anfüh­rungs­stri­chen, Aus­länder“ abge­löst wird, dann mögen die Leute das nicht. Mit Charly selbst hatte ich gar keine Pro­bleme, der war ein echtes Unikat.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Dinge beim HSV in die rich­tige Rich­tung laufen?
Der Erfolg kam ab 1973 mit dem Amts­an­tritt von Kuno Klötzer als Trainer, aber ich hatte schon vorher ein gutes Gefühl. Wir waren auf vielen Posi­tionen gut besetzt, gerade mit den Jungen um Kaltz. Der Rest war nur eine Frage der Zeit.