Sean Dundee, im Internet werben Sie für Ihre Fuß­ball­schule mit dem Satz: Ich möchte Kin­dern bei der Rea­li­sie­rung ihrer Träume helfen. So wie es mir gelungen ist.“ Gibt es auch Dinge, vor denen Sie Ihre Schütz­linge warnen würden?
Dass sie nicht die glei­chen Fehler machen wie ich. Ich habe viele Fehler gemacht. Wenn ich zurück­gehen könnte und alles neu machen könnte, würde ich wahr­schein­lich ganz anderer Spieler werden. Dann würde ich es wahr­schein­lich viel weiter schaffen.

Worauf sollen die Kinder also kon­kret achten?
Die Kinder müssen sich viel Zeit nehmen. Vor dem Trai­ning und nach dem Trai­ning bereit sein Extra-Schichten ein­zu­legen. Das musste ich auch lernen. Am Anfang bin ich lieber mal mit Freunden aus­ge­gangen. 

Was noch?
Sie sollten nicht allen Leuten ver­trauen.

Ver­traut hat Sean Dundee zu Beginn seiner Kar­riere sehr vielen Leuten. Bei­nahe naiv gelang es dem gebür­tigen Süd­afri­kaner nicht immer Freunde und reine Geschäfts­be­zie­hungen zu unter­schieden. Er berichtet von Bera­tern, die ihn aus rein wirt­schaft­li­chem Inter­esse mög­lichst schnell von Verein zu Verein ver­kauften wollten. Mit 19 Jahren wech­selte der junge Stürmer nach Deutsch­land zum Zweit­li­gisten Stutt­garter Kickers. Zu Beginn nahm er meist auf der Bank Platz, ent­schied sich zu einem Wechsel in die Regio­nal­liga und wurde dort nach einer erfolg­rei­chen Saison 1995 zum Karls­ruher SC in die 1. Bun­des­liga trans­fe­riert.

Mit wel­chen Gefühlen sind sie in ihre erste Saison in der höchsten deut­schen Spiel­klasse ein­ge­stiegen?
Fuß­ball war mein Leben. Zu der Zeit haben Klins­mann, Häßler und wei­tere Welt­meister von 1990 in Deutsch­land gespielt. Von denen hatte ich als Kind Poster an meiner Wand hängen! Aller­dings dachte ich auch an die Schwie­rig­keiten, die auf mich zukommen würden. Allein die neue Sprache machte mir Pro­bleme.

Haben Sie sich als Neu­ling bei den Stutt­garter Kickers einsam gefühlt?
Wir spielten schlecht und ich wurde nur selten ein­ge­setzt. Nach meinem ersten Hei­mat­ur­laub im som­mer­li­chen Durban bin ich im Winter nach Stutt­gart zurück­ge­kehrt. Damals habe ich mich wirk­lich alleine gefühlt und dachte, dass ich das nicht mehr lange aus­halte. Doch der kleine Mann in mir rief: Wenn du jetzt auf­gibst, bereust du das dein Leben lang!“ Ich habe auf den kleinen Mann gehört.

Mit 33 Tref­fern in zwei Spiel­zeiten beim Karls­ruher SC weckte der Süd­afri­kaner in seinem Hei­mat­land Begehr­lich­keiten. Im Dezember 1995 stand er für ein Test­spiel im Kader der Bafana Bafana“, der süf­afri­ka­ni­schen Natio­nal­mann­schaft. Der dama­lige Gegner hieß: Deutsch­land.

Was ging Ihnen damals nach der Nomi­nie­rung durch den Kopf?
Es war für mich eine große Ehre. Als mir dann jemand gesagt hat, dass ich nicht spielen soll, weil ich viel­leicht noch für Deutsch­land auf­laufen könnte, habe ich mich aller­dings gegen einen Ein­satz ent­schieden.

Beim Auf­wärmen täuschten Sie eine Ver­let­zung vor und wurden nicht ein­ge­setzt.
Ich war leicht ver­letzt. Wahr­schein­lich hätte ich auch spielen können. Ich wollte aber lieber abwarten und noch nicht für Süd­afrika spielen. In dieser Mann­schaft war ich ein Außen­seiter. Die Jungs waren wie eine Familie, hatten schon lange zusam­men­ge­spielt. Für die war ich ein Spieler aus Deutsch­land, der nun geholt worden war, um end­lich Tore zu schießen. Die meisten waren nicht glück­lich, als sie mich das erste Mal sahen.

Zunächst schien sich die Ent­schei­dung von Dundee als richtig zu erweisen. Der Sturm in der deut­schen Natio­nal­mann­schaft war über­al­tert und junge neue Stürmer wurden drin­gend gesucht. Der DFB ent­schied sich erst­mals in der Geschichte des Ver­bandes Spieler für das A‑Team ein­zu­bür­gern und fand bei der Umset­zung pro­mi­nente Unter­stützer. Der dama­lige Innen­mi­nister Man­fred Kan­ther sah die Chance sein Image in der Bevöl­ke­rung auf­zu­bes­sern und drückte öffent­lich wirksam den Antrag auf die deut­sche Staats­bür­ger­schaft nach einem halben Jahr durch. Die Bild“ gra­tu­lierte: Herz­lich will­kommen!“ Im Februar 1997 sollte Sean Dundee unter Bun­des­trainer Berti Vogts im Freund­schafts­spiel gegen Israel sein Start­debüt feiern.

Mit der Ein­la­dung zur deut­schen Natio­nal­mann­schaft erfüllte sich für mich ein Traum. Das war zu diesem Zeit­punkt das schönste Gefühl meines Lebens! Doch am Wochen­ende vor dem Spiel gegen Israel ver­letzte ich mich im Spiel gegen Stutt­gart und spielte trotzdem weiter. Das war das schlimmste, was ich über­haupt hätte machen konnte. Nach dem Spiel konnte ich kaum noch gehen. Als ich einen Tag später im Hotel zur Natio­nal­mann­schaft stieß, schickte mich Berti Vogts gleich zu Dr. Müller-Wohlf­arth.

Zu diesem Zeit­punkt hat Ihnen der Trainer schon öffent­lich einen Ein­satz von Beginn ver­spro­chen.
Richtig. Doch der Doktor schloss nach der Unter­su­chung einen Ein­satz voll­kommen aus. Diese Nach­richt war schlimmer, als meine Nie­der­lage im Pokal­fi­nale 1996 (der KSC verlor damals mit 0:1 gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern, d. Red.) oder den Tor­schüt­zen­titel am letzten Spieltag der Saison 1995/96 knapp zu ver­passen (Stutt­garts Fredi Bobic gelangen am 34. Spieltag zwei Tore beim 3:1‑Sieg gegen den KSC, Bobic wurde mit 17 Toren Tor­schüt­zen­könig, Dundee, der in diesem Spiel eben­falls ein Tor erzielt hatte, wurde mit 16 Toren nur Zweiter, d. Red.). Das hat mich richtig getroffen.

Am Ende standen Sie ins­ge­samt dreimal im Kader, saßen aber nur einmal auf der Ersatz­bank und wurden nie ein­ge­wech­selt. Wie denken Sie heute dar­über?
Ich hätte ein­fach gerne ein Spiel für Deutsch­land gemacht. Nach meiner ersten Ver­let­zung habe ich immer gedacht, dass ich es noch schaffe und habe es immer wieder pro­biert. Leider hatte ich dann zu viele Ver­let­zungen, die mich aus­ge­bremst haben. Es gab keine Gele­gen­heit mehr für die Natio­nal­mann­schaft zu spielen.

An die Erfolge in den ersten Jahre im Fuß­ball-Ober­haus konnte Sean Dundee anschlie­ßend nie wieder anknüpfen. Zahl­reiche Ver­let­zungen warfen den Stürmer immer wieder zurück. Gelangen ihm in den Spiel­zeiten 1995/96 und 1996/97 16, bzw. 17 Tore, waren es in der Saison 1997/98 nur noch drei Treffer. 1998 wech­selte Dundee vom Karls­ruher SC zum FC Liver­pool aus­ge­liehen, nach nur drei Spielen ging er 1999 zum VfB Stutt­gart. In vier Jahren gelangen ihm 25 Tore in 77 Spielen, 2003 ging er zu Aus­tria Wien. Dundee spielte nie wieder in einer euro­päi­schen Top­liga. Im Rück­blick möchte er den­noch nicht von einer geschei­terten Kar­riere spre­chen. Im Gespräch sucht er in allen Rück­schlägen immer noch etwas Posi­tives. So auch bei der Anek­dote von einer Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Bou­le­vard­re­porter.

Worum ging es da genau?
Es gab jemanden von der Bild“-Zeitung, der eines Tages nach dem Trai­ning auf mich war­tete und meine pri­vaten Tele­fon­rech­nungen in der Hand hatte. Er wusste genau, mit wem ich wann gespro­chen habe. Der Typ hatte mich am Anfang meiner Kar­riere in den Himmel geschrieben, später hat er mich zer­stört.

Haben Sie nichts gegen diese geset­zes­wid­rige Aktion unter­nommen?
Wenn jemand etwas Böses macht und ich merke, dass es ihm leid tut, dann ist es für mich vorbei. Ich bin nicht nach­tra­gend. Später ist dieser Reporter sehr krank geworden. Da habe ich ihn im Kran­ken­haus ange­rufen und gute Bes­se­rung gewünscht. Er war total über­rascht und hat sich bei mir bedankt.

Im Spit­zen­sport können über Nacht Stars geboren werden. Nicht minder rasant können ver­meint­liche Hoff­nungs­träger schei­tern. Sean Dundee bleibt ein Fuß­baller, der sport­lich oft kurz vorm Ziel geschei­tert ist. Zweimal Vize-Tor­schüt­zen­könig, Vize-Pokal­sieger, Bei­nahe-Natio­nal­spieler. Seinen Traum, sagt er, habe er trotzdem gelebt. So einer darf dann auch für seine Schule mit der Rea­li­sie­rung von Träumen“ werben.

»»Sean Dun­dees Kar­riere in der Bil­der­ga­lerie!