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Das Inter­view ist erst­mals im Februar in 11FREUNDE #232 erschienen. Das Heft findet ihr bei uns im Shop.

Wout Weg­horst, seit knapp zehn Jahren schießen Sie Tor um Tor, egal in wel­cher Liga, egal für wel­chen Verein. Haben Sie die ein­zelnen Treffer im Kopf abge­spei­chert? Die Ent­ste­hung, den Abschluss, den Jubel?
Ja. Würde ich zumin­dest behaupten.

Das lässt sich ja ganz leicht testen: Februar 2019, Hertha gegen Wolfs­burg, das Tor zum 1:0
für den VfL – wie lief das ab?
Angriff über links, wir spielen ein biss­chen klein-klein, Roussi (Jerome Rouss­illon, d. Red.) startet in die Tiefe, bekommt den Ball, ich komme kurz, er bringt den Ball flach, ich lege ihn mit dem rechten Außen­rist ins lange Eck. Danach bin ich auf den Knien in Rich­tung Eck­fahne gerutscht. Ein schönes Tor.

Erin­nern Sie sich an schöne Tore lieber als an häss­liche?
Es ist geil, ein schönes Tor zu machen. Einen Flug­kopf­ball ins lange Eck wie gegen Leipzig, einen Chip wie neu­lich in Mainz. Das fühlt sich gut an, das schaue ich mir gerne später noch mal an. Aber das Gefühl, ein dre­ckiges Tor zu schießen, ist nicht schlechter. Inso­fern ist es mir egal, ob ein Tor schön ist oder nicht.

Gibt es ein ver­gleich­bares Gefühl zu dem nach einem eigenen Tor?
Nein. Also zumin­dest auf den Fuß­ball bezogen auf gar keinen Fall. Ein Tor zu schießen, ist das High­light, etwas, auf das ich jede Woche hin­ar­beite. Des­wegen laufe ich nach Toren auch immer ganz langsam zurück zum Mit­tel­kreis. Weil ich dieses Gefühl zumin­dest für ein paar Sekunden genießen möchte. Diesen kurzen Moment, in dem alles top ist. Denn sobald der Schieds­richter wieder anpfeift, ist dieser Moment vorbei.

Nach ihrem zweiten Tor gegen Bremen liefen Sie nicht langsam zur Mit­tel­linie, son­dern schnell zur Kamera und schrien: Ich hab es doch gesagt, Mann!“ Was hatten Sie wem gesagt?
Da muss ich ein biss­chen aus­holen. Seit dieser Saison arbeite ich mit einem Men­tal­trainer zusammen. Es geht um mein Selbst­ver­trauen, um die Art, wie ich im Spiel auf schlechte Aktionen reagiere. Jeden­falls will ich, egal was pas­siert, in jedem Spiel mein Tor machen. Vor dem Bremen-Spiel hatte ich einen guten Lauf, in den vier oder fünf Par­tien davor hatte ich getroffen. Aller­dings immer nur einmal, und das hat mich genervt. In der Woche vor dem Spiel habe ich zu meinem Men­tal­trainer immer wieder gesagt: Gegen Werder mache ich zwei, gegen Werder mache ich zwei!“ Vor dem Anpfiff sagte mein Mit­spieler Tim Siers­leben dann: Wout, ich habe ein gutes Gefühl, du machst heute wieder eins.“ Darauf ant­wor­tete ich nur: Nein. Ich mache zwei.“ Des­wegen der Spruch.

Bei Steffen weiß ich, dass er vor dem Flanken den Kopf hoch­nimmt und kurz schaut“

Wout Weghorst

Seit dieser Saison treffen Sie auch deut­lich häu­figer per Kopf. Zufall?
Bestimmt auch, aber nicht nur. Ich schaue nach jeder Saison, in wel­chen Berei­chen ich mich ver­bes­sern kann, welche Aspekte meines Spiels für meine wei­tere Kar­riere noch wichtig sein könnten. Diesen Sommer habe ich mir vor­ge­nommen, mein Kopf­ball­spiel zu ver­bes­sern. Mehr Tore mit dem Kopf zu machen, war das klare Ziel.

Und dann? Haben Sie sich stun­den­lang am Kopf­ball­pendel gequält?
Nein, damit habe ich es nicht pro­biert. Ich habe mich zu Hause gequält, in vielen Extra­schichten und mit der Hilfe eines Vol­ley­ball­trai­ners. Mit ihm zusammen habe ich an meinem Timing und an meiner Sprung­kraft gear­beitet. Die ersten drei, vier Ein­heiten waren kom­plett ohne Ball, nur Tro­cken­übungen. Um zu sehen, wie ich über­haupt springe. Das Ding bei mir war näm­lich: Der Kopf­ball iso­liert, also wie ich den Ball treffe und wohin ich ihn köpfe, das war nie das Pro­blem. Aus dem Stand war ich schon vor dem Sommer sauber und genau. Im Wett­kampf ent­schei­dend ist aber nun mal das, was in der Luft pas­siert. Daran habe ich gear­beitet.

Die Arbeit hat sich offen­sicht­lich gelohnt. Sie haben schon jetzt, Mitte der Saison, genauso viele Kopf­ball­toren erzielt wie in beiden Jahren vorher zusammen.
Trotzdem ist auch ein biss­chen Glück dabei. In dieser Saison kommen zum Bei­spiel extrem gute Flanken, das macht die Sache deut­lich ein­fa­cher – aber darauf habe ich über­haupt keinen Ein­fluss.

Han­deln Sie im Straf­raum vor allem intuitiv? Oder haben Sie mit Ihren Mit­spie­lern feste Abspra­chen?
Mit man­chen Kol­legen spreche ich mich vorher ab. Neu­lich, vor einem Spiel gegen Frei­burg, habe ich zum Bei­spiel zu Paolo Otavio gesagt: Ich komme kurz, und du jagst das Ding flach auf den ersten Pfosten.“ Bei Renato Steffen weiß ich dagegen, dass er vor dem Flanken den Kopf hoch­nimmt und kurz schaut, was ich im Straf­raum mache. Der ori­en­tiert sich also eher an mir und ich bewege mich dann intuitiv. Oft geht aber auch alles so schnell, dass ich gar nicht erst über Pläne und Abspra­chen nach­denken kann, son­dern intuitiv han­deln muss.

Fast alle Gegen­spieler sind kleiner als Sie. Wie wehren die sich?
Da gibt es unter­schied­liche Typen. Manche lassen mir etwas Raum und schauen eher auf den Ball, andere suchen von Anfang an den Kör­per­kon­takt. Aber ich weiß mich zu wehren.

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