Seite 2: „Ich fand es geil, im Regen, alleine mit einem Ball“

Haben Sie schon eine Idee, an was Sie im kom­menden Sommer arbeiten werden?
Hm.

Wie wäre es mit Distanz­schüssen? Laut Internet haben Sie in ihrer Pro­fi­kar­riere noch nie aus der Distanz getroffen.
Das stimmt nicht!

Nein?
Ist ein kniff­liges Thema. (Lacht.) Für Deutsch­land und die Bun­des­liga stimmt es auf jeden Fall. Aber ich habe mal eine Sta­tistik gesehen, laut der ich in Hol­land irgend­wann ein Tor aus der Distanz gemacht haben soll. Das Dumme daran ist nur, dass ich keine Ahnung habe, wann das gewesen sein soll. Und ich habe in der Hin­sicht ja eigent­lich ein ganz gutes Gedächtnis. Aber im End­ef­fekt ist mir das auch total egal, ganz ehr­lich. Ich bin ein Straf­raum­stürmer, ich gehöre in die Box, da bin ich am gefähr­lichsten. Da kann ich für meine Tore ackern.

Es heißt, Sie hätten auch als Kind schon extrem viel geackert. Sie selber haben mal gesagt: Ich war besessen.“
Wenn es ange­fangen hat zu regnen und alle anderen Kinder schnell nach Hause gerannt sind, dann bin ich draußen geblieben. Selbst bei rich­tigem Sau­wetter. Ich fand es geil, im Regen, alleine mit einem Ball. Mein Vater sagte nur: Der Junge ist ver­rückt.“ Aber ich habe ein­fach schon immer sehr viel und sehr gerne Fuß­ball gespielt. Außerdem gab es als Kind auch ein paar Jahre, in denen es nicht ganz so leicht war für meine Brüder und mich. Meine Eltern trennten sich, ließen sich scheiden, wir mussten irgend­wann ent­scheiden, bei wem wir leben wollten. Wenn ich draußen kicken war, konnte ich all das für ein paar Stunden ver­gessen, hatte Spaß und musste nicht nach­denken.

Sie sind der zweit­jüngste von vier Brü­dern. Haben die anderen auch Fuß­ball gespielt?
Ja. Alle drei haben bei uns im Dorf gespielt, mein jün­gerer Bruder später auch für die erste Mann­schaft. Der konnte ordent­lich kicken. Aber keiner von denen wollte Fuß­baller werden.

Weghorst 210201 11 Freunde VFL Wolfsburg Wout Weghorst 0331 Bearbeitet WEB
Jonas Holt­haus

Wout Weg­horst, 28,

Wuchs im nie­der­län­di­schen Borne auf und kämpfte sich über klei­nere Ver­eine erst hoch zum AZ Alk­maar und dann weiter zum VfL Wolfs­burg. In 92 Bun­des­li­ga­spielen kommt er auf genau 50 Treffer. Eine Quote, die auch Ver­eine in Eng­land hell­hörig macht. Schon im Sommer sei es recht kon­kret gewesen mit Tot­tenham, sagt Weg­horst.

Son­dern?
Einer wollte Pilot werden, mitt­ler­weile fliegt er durch die Welt. Einer wollte Unter­nehmer werden, mitt­ler­weile arbeitet er für die Firma unserer Familie. Und der dritte wollte Archi­tekt werden und arbeitet mitt­ler­weile eben­falls im Fami­li­en­un­ter­nehmen. Alle drei machen das, was sie sich als Kind in den Kopf gesetzt haben. Und genau so lief es bei mir mit dem Fuß­ball. Das Spiel hat mir schon immer Spaß gemacht – aber es war für mich auch schon immer mehr als nur das.

Wie hat sich das gezeigt?
Wenn wir mit meinem Dorf­klub ein Spiel ver­loren, hatten die anderen Kinder das ein paar Minuten später schon wieder ver­gessen. Ich dagegen weinte bit­ter­lich. Oder wurde teil­weise sogar richtig wütend. Es stimmt schon, ich war besessen.

Wo kommt dieser Ehr­geiz her?
Gefühlt hatte ich den schon immer tief in mir drin, ich wurde damit geboren. Ich habe schon als Kind gedacht: Ich bin anders als ihr.“ So zu sein, so zu leben, das war nicht immer leicht, spe­ziell als Jugend­li­cher und junger Erwach­sener, als ich noch im Ama­teur­fuß­ball war. Ich habe kein Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum besucht, ich wurde nicht in einem großen Verein aus­ge­bildet, als 18-Jäh­riger spielte ich in der neunten oder zehnten Liga. Trotzdem wollte ich es nach oben schaffen. Und wenn die anderen am Wochen­ende feiern gingen, dann blieb ich zu Hause und ging früh ins Bett. Ich spielte Kreis­liga, lebte aber wie ein Profi.

Wurden Sie dadurch auto­ma­tisch zum Ein­zel­gänger?
Ob so was auto­ma­tisch pas­siert, kann ich nicht sagen. Aber bei mir war das defi­nitiv der Fall. Das Pro­blem damals war vor allem, dass ich nicht nur auf mich und meine Ein­stel­lung geschaut habe, son­dern auch alle um mich herum ver­än­dern wollte, meine Mit­spieler, meine Trainer. Ich habe mich immer wieder gefragt: Wie könnt ihr nur so sein?“

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